Um zu entspannen und den Alltagsstress zu vergessen, konsumieren Jugendliche und junge Erwachsene Angstblocker und Schmerzmittel. Foto: Creativa Images - stock.adobe.com

Verschreibungspflichtige Medikamente werden immer häufiger von Jugendlichen eingenommen, um sich von Alltagssorgen zu lösen. Dabei wird deren Suchtpotenzial unterschätzt. Das Problem hat sich in Esslingen im vergangenen Jahr verschärft. Das sind die Ursachen.

Um abschalten zu können oder Sorgen zu vergessen, nehmen vor allem Jugendliche Medikamente, die eigentlich wegen Angststörungen, Depressionen oder Panikattacken verschrieben werden. Eines der derzeit bekanntesten ist Xanax. Ein starkes Medikament, das eigentlich für psychiatrische Akut-Patienten entwickelt wurde. Neben Angstblockern sind auch Opiate wie Tilidin oder Codein bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Esslingen hoch im Kurs: Seit etwa einem Jahr habe sich die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Medikamentenmissbrauchs oder -abhängigkeit behandelt werden, massiv erhöht, sagt Gunter Joas, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Esslingen.

 

Hohes Abhängigkeitspotenzial

Betroffen seien vor allem Jugendliche im Alter zwischen 16 und 17 Jahren. Viele aus dieser Altersgruppe würden die sogenannten Downer regelmäßig einnehmen, um sich von Stress und Ängsten zu lösen. Anders als aufputschende Partydrogen wie etwa Ecstasy werden „Benzos“, eigentlich Benzodiazipine, konsumiert, um zu entspannen. Denn Medikamente wie Xanax wirken unter anderem angstlösend und beruhigend.

Massiv unterschätzt werde laut Joas das Abhängigkeitspotenzial dieser Substanzen. Die Präparate würden häufig nicht als Drogen im herkömmlichen Sinn, wie etwa Kokain oder Heroin, wahrgenommen und somit häufig als harmlos eingeschätzt. Dabei geht von ihnen immenses Suchtpotenzial aus: Einer der härtesten Entzüge sei der Entzug von Benzodiazipinen, sagt Joas. Die psychische Abhängigkeit führe unter anderem dazu, dass kein Entspannen mehr ohne die Medikamente möglich sei.

Konsumiert werde entweder alleine abends zu Hause, um den Alltagsstress zu vergessen – vergleichbar mit dem Feierabendbier der Elterngeneration – aber auch auf Partys. Besonders gefährlich dabei: In Kombination mit Alkohol ergeben sich zahlreiche Wechselwirkungen wie die Verlangsamung der Atmung, was bei Erbrechen zu Ersticken führen kann. Im Vergleich zu anderen Drogen sind die Angstblocker und Schmerzmittel oft leichter erhältlich. Die Präparate sind zwar verschreibungspflichtig, allerdings würden sie sich immer wieder in Medikamentenschränken der Eltern finden oder illegal beschafft werden.

Weshalb Jugendliche und junge Erwachsene diese Substanzen einnehmen, hat aus Sicht des Mediziners mindestens zwei Ursachen: Einerseits leiden viele Jüngere unter Spätfolgen der Coronapandemie. Aber auch die aktuelle Weltlage beunruhigt die jüngere Generation. Kriege und Krisen hinterlassen bei jungen Menschen Spuren. Zu diesem Ergebnis kommen die Jugendforscher Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann in ihrer aktuellen Studie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“. Befragt wurden dafür mehr als 1000 junge Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren. Besonders versetzt Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine die Befragten in Sorge. Der Klimawandel, 2021 noch Spitzenreiter, rückt an die zweite Stelle. Auch die Sorgen vor Inflation, einer sozialen Spaltung der Gesellschaft und einer Wirtschaftskrise bestehen weiterhin. Wegen der zuletzt weiter spürbaren Einschränkungen durch Coronamaßnahmen beklagen die Befragten zudem den Kontrollverlust bei ihrer Alltagsgestaltung, ihren persönlichen Beziehungen und ihrer Bildungs- und Berufslaufbahn. Auch die psychische Gesundheit verschlechterte sich der Studie zufolge, Angststörungen und Depressionen nehmen zu.

Problem werde sich verschärfen

Joas geht davon aus, dass sich die Situation weiter verschärfen werde. Zumal das Thema missbräuchlicher Konsum von Angstblockern in den USA bereits „ein riesen Problem“ darstelle. Die sogenannten Downer sind auch Teil der Jugendkultur, Xanax und Co. werden in Rap-Songs seit Jahren thematisiert. So lauten beispielsweise folgende Auszüge aus Songtexten: „ Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen Wodka-E, um die Sorgen zu ersaufen.“ Häufig würde von den Verfassern unterschätzt, wie empfänglich die Jugendlichen für diese Botschaften seien, sagt Joas. Aus seiner Sicht sollte dringend mehr für die Aufklärung getan werden. „Am besten schon in der Grundschule.“ Es sollte stärker ins Bewusstsein rücken, dass es sich bei den Medikamenten um Substanzen handelt, die süchtig machen. Außerdem bräuchten vor allem Kinder und Jugendliche Unterstützung in Sachen richtiger Umgang mit Stress und Ängsten.

Bei der Suchtprävention im Landkreis Esslingen wird dieses Themengebiet derzeit nicht behandelt. „In der Beratungsstelle taucht dieses Thema wenig bis gar nicht auf“, heißt es vonseiten des Landratsamts.

Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Studie
 Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verschlechterte sich laut einer Studie von Schnetzer und Hurrlemann aus dem Jahr 2022. Fast die Hälfte (45 Prozent) der Befragten gab an, Stress zu erleben, gefolgt von Antriebslosigkeit (35 Prozent), Erschöpfung und Langeweile (je 32 Prozent) sowie Depression und Niedergeschlagenheit (27 Prozent). 

Medikamente
 Etwa vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Arzneimitteln wird ein besonderes Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial zugeschrieben. Das Gefährdungspotenzial von Medikamenten wird von vielen Patienten nicht ernst genommen. Beispielsweise hat knapp jeder Fünfte schon einmal ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel ohne medizinische Notwendigkeit und nur zur Verbesserung seines persönlichen Wohlbefindens eingenommen.