Das Frühlingsfest läuft, die Maß fließt. Doch für viele endet die Gaudi im Krankenhaus. Suchtmediziner Maurice Cabanis warnt: Alkohol ist kein harmloses Kulturgut.
Das Frühlingsfest ist in vollem Gange. Für viele heißt das vor allem eines: Rein ins Bierzelt, her mit der Maß, so schnell wie möglich runter damit. Dass das kein harmloser Spaß oder ein Ausdruck traditioneller Geselligkeit ist, wissen eigentlich die meisten. Dennoch wird Alkoholkonsum in Deutschland gern mit dem Begriff „Kulturgut“ verteidigt.
Maurice Cabanis, ärztlicher Direktor der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart, findet das brandgefährlich. „Die Bezeichnung Kulturgut dient häufig der Verharmlosung einer hochpotenten neurotoxischen Substanz“, stellt er klar. „In Deutschland ist Alkohol tief in Tradition, Festkultur und Alltag verankert – vom Feierabendbier über das Volksfest bis zur Geschäftsbesprechung. Diese Normalisierung senkt die Hemmschwelle erheblich. Gleichzeitig fehlt eine ehrliche Debatte darüber, dass Alkohol eine der toxischsten legalen Substanzen ist.“
Die Lüge vom harmlosen Kulturgut
Das Feierabendbier sei eben alles andere als harmlos – schon geringe Mengen erhöhen das Krebs- und Demenzrisiko. „Die gesellschaftliche Akzeptanz und die massive Werbung tragen jedoch dazu bei, dass die reale Suchtgefahr und die jährlichen 70.000 Todesfälle ausgeblendet werden. Wir brauchen eine ehrlichere Sprache: Alkohol ist eine Substanz mit hohem Abhängigkeitspotenzial und gefährlichen Risikofaktoren.“
Nun ist das genüssliche Feierabendbier das eine; das gezielte Betrinken im Bierzelt aber eben noch mal etwas ganz anderes. Hier geht es für viele nicht um den Genuss, sondern um exzessiven Konsum, der nicht selten im Krankenwagen oder zumindest sehr vorschnell mit einem Black-Out im eigenen Erbrochenen endet. „Viele suchen gezielt den starken Rausch, weil sie im Alltag Hemmungen, Leistungsdruck oder soziale Ängste verspüren“, so der Arzt. Im kollektiven Setting des Bierzeltes verstärkt sich der Gruppendruck: Wer nicht mittrinkt, gilt schnell als Spielverderber. Gleichzeitig erzeugt die Umgebung Musik, ausgelassene Stimmung, kollektive Enthemmung einen starken sozialen Verstärker. Psychologisch geht es oft um die rasche Flucht aus dem eigenen Erleben.“
Warum wir den Rausch suchen: Flucht vor dem Leistungsdruck
Hier spiele eine große Rolle, dass Alkohol noch immer großes Entspannungspotential zugeschrieben wird. Zudem gehe es insbesondere unter Männern darum, sich zu beweisen. „Psychologisch spielen Gruppenzwang, der Wunsch nach Zugehörigkeit, die Verstärkung positiver Emotionen und die Vermeidung negativer Gefühle eine zentrale Rolle“, nickt der ärztliche Direktor. Viele haben gelernt, dass Alkohol schnell und zuverlässig ‚hilft‘.“
Die Extremform dieser trügerischen Bierzeltgeselligkeit ist das als „Komasaufen“ bekannte Phänomen, medizinisch Rauschtrinken oder Binge-Drinking genannt. Darunter versteht man den Konsum großer Alkoholmengen in kurzer Zeit – mit dem erklärten Ziel, einen ausgeprägten Rauschzustand herbeizuführen.
Ab 2,0 Promille wird es lebensgefährlich
„Epidemiologisch wird es häufig als der Konsum von mindestens fünf Standardgetränken bei Männern beziehungsweise vier bei Frauen innerhalb von etwa zwei Stunden definiert. Klinisch relevant ist vor allem die daraus resultierende Blutalkoholkonzentration von mehr als 0,8 Promille, oft deutlich höher. Ab etwa 2,0 bis 3,0 Promille droht eine schwere Alkoholvergiftung mit Bewusstseinsstörungen, Erbrechen, Unterkühlung und der Gefahr eines Atemstillstands. Der umgangssprachliche Begriff ‚Komasaufen‘“, so Cabanis, „beschreibt somit nicht nur das bewusste ‚Abschießen‘, sondern auch die akute Vergiftung, die tatsächlich bis zum Koma oder Tod führen kann. Die akuten Risiken umfassen Alkoholvergiftung, Blackouts, Unfälle, Gewaltdelikte und Tod durch Atemlähmung. Langfristig drohen schwere Hirnschäden, Leberzirrhose, verschiedene Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen und die Entwicklung einer Abhängigkeit.“
Hoffnungsschimmer: Trinken Jugendliche heute weniger?
Und während die Zelte, Stadtbahnen und Zugänge zum Frühlingsfest wieder mit Bierzeltleichen tapeziert sind, während die Rauschtrinkern auch allen anderen Besuchern das Erlebnis verderben, sieht der Arzt auch einen Silberstreif am Horizont. „Der Trend beim regelmäßigen und exzessiven Alkoholkonsum bei Jugendlichen ist seit etwa 15 Jahren rückläufig“, sagt er. „Laut aktuellen Studien sinkt sowohl der wöchentliche Konsum als auch die Häufigkeit von Rauschtrinken bei Zwölf- bis 17-Jährigen deutlich. Der Anteil der Jugendlichen, die monatlich in einen Rausch trinken, hat sich seit den 2000er-Jahren halbiert, auch die stationären Behandlungen wegen Alkoholintoxikation bei Minderjährigen sind in Baden-Württemberg und bundesweit stark zurückgegangen.“
Allerdings bleibe das Niveau bei jungen Erwachsenen, also zwischen 18 und 25 Jahren, weiterhin hoch, und insbesondere bei bestimmten Anlässen wie Volksfesten oder Feiern sei das Verhalten nach wie vor weit verbreitet. „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ ist eben auch eine Feier des gemeinschaftlichen Vergiftens. Das kann man sich ruhig häufiger mal vor Augen führen.