Suche nach verlorener Zeit 50.000 jiddische Bücher am hässlichsten Ort Tel Avivs

Von Lisa Welzhofer 

In einem besonders toten Winkel im 5. Stock des Busbahnhofs liegt die Bibliothek des Mendy Cahan: 50.000 Bücher auf Jiddisch, die der Literaturwissenschaftler zusammengetragen hat.

Tel Aviv - Eigentlich will ich in dieser Geschichte ganz woanders hin, nämlich zu Mendy Cahan und seinen 50.000 jiddischen Büchern. Aber um bei ihm anzukommen, muss ich bei „Tahana Merkazit“ beginnen, der Neuen Zentralen Busstation in Tel Aviv.

Dieser siebenstöckige Koloss mit einem Selbstbewusstsein aus Waschbeton und einem Innenleben, so unappetitlich und undurchschaubar wie die menschlichen Darmwindungen, liegt im Süden der Stadt. Bis 2010 galt er als der größte Busbahnhof der Welt – dann zog Delhi an ihm vorbei - und gleichzeitig als Beispiel dafür, was mit einem Prestigebauprojekt passieren kann, wenn es sehr viele Nummern zu groß geplant wird.

Seit seinem Baubeginn 1967 ist der „Weiße Elefant“, wie ihn die Bevölkerung auch nennt, ein Misserfolg, eine hässliches, sterbendes Tier, mit dem keiner Mitleid hat. 25 Jahre dauerte seine Fertigstellung, zwischendurch ging immer wieder das Geld aus. Heute stehen viele der 230.000 Quadratmeter und mehr als 1000 Ladenräume leer und nicht auf allen Stockwerken fahren Busse aus und ein. Statt eines gut besuchten Zentrums mit Restaurants, Läden und Büros ist der Busbahnhof ein Ort geworden, an dem zwar keiner vorbei kommt, aber von dem jeder nur möglichst schnell wieder weg will. Was auch daran liegt, dass er in einem der schwierigsten Viertel der Stadt liegt und um ihn herum Drogen, Prostitution und Kriminalität wuchern.

Vor allem aber ist es die Architektur, die ihn so unmenschlich macht: Von außen ein in seinen Ausmaßen nicht abzuschätzendes Betonungetüm, in dessen Inneres man sich – wohl auch der Sicherheit wegen – durch winzige Türen zwängen muss. Drinnen scheint es, als bestünde dieses Gebäude nur aus langen Rolltreppen, düsteren Gängen und fensterlosen Räumen. Und an jeder Ecke ein Déjà-vu mit Ständen voller billiger Pizzaecken, Nylonklamotten, Handyschutzhüllen, bunter Plastikhaarsträhnen, ferngesteuerter Spielzeugpanzer. Es ist ein Labyrinth aus Verbindungswegen, übelriechenden Klos und halben Treppen, engen Aufzügen und langen Reihen verschmierter Glastüren, hinter denen die grünen Überlandbusse auf Passagiere warten. Würde ein Regisseur einen Drehort für einen düsteren Endzeitfilm suchen, hier könnte er fündig werden.

Und in einem besonders toten Winkel im 5. Stock des Bahnhofs liegt die Bibliothek des Mendy Cahan: 50.000 Bücher auf Jiddisch, die der Literaturwissenschaftler seit seinem Studium zusammengetragen hat. Der Weg zur Bibliothek ist düster, der letzte Regen hat Pfützen in den Gängen hinterlassen, Kabel hängen von der Decke aus nacktem Beton. Die meisten Läden hier stehen leer, nur ein paar Künstler haben sich hier ein Atelier eingerichtet, der günstigen Mieten wegen. Alle paar Sekunden zittern die Wände und der Fußboden, denn dieser Teil des Gebäudes liegt direkt unter einer der Rampen, auf der die Busse abfahren. Dennoch scheint die Zeit wie eingefroren in dem großen Raum, der sich hinter der blind gewordenen Glastür zum Laden Nr. 5006 auftut.

Mendy Cahan macht erst mal einen kleinen, starken Kaffee. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und schaut mich aus seinen blauen Augen erwartungsvoll an. Ich bin gekommen, um von ihm etwas über den Zustand des Jiddischen und seiner Kultur in Israel zu erfahren. „Der ist ungefähr ähnlich wie der meiner Bibliothek“, sagt Mendy und lacht. Und man ahnt, dass er das, was er hier macht, nur tun kann, weil es ihm damit sehr ernst ist – und er es trotzdem mit Humor betrachten kann. Mendy Cahan ist ein Mensch, der eine schwarze Smokinghose zu verwuschelten grauen Haaren, einem legeren blauen Hemd und einer braunen Weste kombiniert, wie sie normalerweise Naturburschen tragen.

Aber von vorne: Mendy Cahan wird 1963 in Antwerpen geboren und wächst dort in einer traditionellen Familie auf - mit Jiddisch. „Mein Vater hat das KZ Auschwitz überlebt“, beginnt Mendy zu erzählen, dann hört er plötzlich auf. „Aber das ist eine andere Geschichte.“ Mit 18 Jahren zieht es Mendy nach Israel, er studiert französische Literatur und deutsche und vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie und Politikwissenschaft. „Ich habe acht Jahre lang studiert, eigentlich müsste ich einen Doktortitel haben“, sagt Mendy. Wieder dieses Lachen. Irgendwann beginnt er mit jiddischer Literatur und es öffnet sich ihm eine „große, tiefe Welt“, von der er bislang nichts wusste. „Ich habe gemerkt, dass es all das, was ich vorher in Französisch studiert hatte, die Strömungen wie Futurismus oder Anarchismus, auch in jiddisch gab. Da war sie plötzlich: Meine Geschichte.“

Und Cahan beschloss, dass die deutsche und die französische Literatur schon genug Fürsprecher hätten, nicht aber die jiddische in Israel.

Denn Jiddisch oder die „Jiddischkeit“ waren in dem neuen Staat lange verpönt. Auch wenn man früher in Israel an fast jeder Straßenecke Einwanderer Jiddisch sprechen hören konnte, die zionistische Gründergeneration hat ihren Kindern ganz bewusst kein Jiddisch mehr beigebracht, führte einen regelrechten Feldzug dagegen. Diese wohl aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangenen Sprache war der Klang der Diaspora, der ärmlichen Schtetl Osteuropas. Sie hörte sich zu sehr nach Deutsch an, nach der Sprache der Täter – und nach der der Opfer. Die Stärke und Modernität des neugeborenen Staates, sie sollte sich auch durch das Hebräische ausdrücken und nur die orthodoxen Juden pflegten das Jiddische ganz bewusst weiterhin.

Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat Jiddisch seinen Schmuddelcharakter verloren, viele Nachkommen machen sich heute auf die Suche nach dieser vergessenen Kultur ihrer Eltern und Großeltern. Im jungen Tel Aviv lernen Menschen aller Altersstufen unter anderem im Shalom-Aleichem-Zentrum die Sprache, die ursprünglich einmal bis zu 13 Millionen Menschen gesprochen haben sollen. Es gibt wieder Schulen, die Sprachunterricht und sogar ein jiddisches Abitur anbieten, das 1987 gegründete Theater „Yiddish Spiel“, das mit hebräischen Untertiteln arbeitet, ist gut besucht - und mit der Gruppe „Gevolt“ gibt es seit gut zehn Jahren sogar eine jiddische Heavy Metal Band. Dieses Jahr bot die Universität Tel Aviv im Sommer einen Intensivkurs an. Es kamen 100 junge Menschen aus 14 verschiedenen Nationen. Religiöse und Nichtreligiöse. Die Veranstalter waren selbst überrascht, sagt Mendy Cahan, der mitorganisiert hat.

Dennoch, um das Jiddische vor dem Vergessen zu retten, wird das nicht reichen. „Viele Kinder wissen heute gar nicht, dass die Juden in Europa eine andere Sprache als Hebräisch gesprochen haben“, sagt Mendy Cahan. Deshalb geht er in Schulen und zeigt den Kindern eine Auswahl seiner Bücher, erzählt ihnen, dass dahinter eine ganze versunkene Kultur und Denkweise stand. Deshalb tritt er regelmäßig als Sänger der Band „Mega Herzl“ auf, die Klezmer mit Jazz und Polka verbindet. Deshalb veranstaltet er mit seiner Organisation „Yung Yidish“ gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen regelmäßig in Tel Aviv und Jerusalem Lesungen und Theaterabende in der alten Sprache. Deshalb wird er mittlerweile sogar von der Unesco als Experte zu diesem Thema eingeladen.

Das Herzstück seiner Arbeit aber ist die Sammlung, ein Schatz, denn in öffentlichen Bibliotheken gibt es kaum jiddische Literatur: Mendy Cahan besitzt Klassiker von Schalom Aleichem oder Jizchok Leib Perez, wissenschaftliche Werke zu Mathematik und Biologie, Abhandlungen zum Futurismus und Sozialismus, humoristische Sammlungen, Übersetzungen internationaler Weltliteratur, Kinderbücher, Spiele und Magazine, Zeitungen und Weltkarten. Er hat sie von Sammlern oder Erben bekommen, die nicht wussten wohin mit den Büchern der Eltern, er hat sie auf Märkten gefunden oder am Straßenrand.

Die nackten Räume der Busstation hat Mendy Cahan mit Teppichen, Bildern und Plakaten ein bisschen wohnlicher gemacht. Ein befreundeter Künstler hat ihm eine Skulptur aus Spielkarten geschenkt, ein anderer Stühle mit den Gesichtern jiddischer Dichter als Lehnen für ihn angefertigt. Seine Bücher stehen in langen Regalen, in Schaukästen und ausgebreitet auf Lesetischen, sind auch Kulisse für seine Auftritte. Viele Werke lagern jedoch noch in Kisten und auf Stapeln, sind nicht katalogisiert. In den windigen Räumen müssen sie Hitze und Kälte ertragen. Das Geld fehlt, die Arbeitskraft auch, von öffentlicher Stelle bekommt Mendy Cahan bislang keinen Schekel für die Bibliothek.

Er finanziert seine Arbeit unter anderem mit dem, was ihm die Leute spenden, die hierher kommen. Wissenschaftler nutzen Mendy Cahans Bibliothek, Lehrer und Studenten, die wenigen noch lebenden Jiddisch-Muttersprachler im Land. Vor allem aber seien es Israelis auf der Suche nach der verlorenen Zeit, sagt Mendy. „Das sind Menschen, die in Israel aufgewachsen sind und die Sprache und Kultur ihrer Vorfahren abgelehnt haben. Jetzt sind die Eltern vielleicht tot und sie fühlen plötzlich, dass es da eine Lücke gibt.“

Und um diese Lücke zu füllen, bleiben sie sogar freiwillig ein bisschen länger in der Neuen Zentralen Busstation Tel Aviv.

Informationen zu Mendy Cahans Organisation „Yung Yidish“, zu Veranstaltungen und Bibliothek gibt es unter: www.yiddish.co.il

Wer die Bibliothek besuchen will, sollte sich vorher unbedingt per Telefon oder E-Mail anmelden, da die Öffnungszeiten unregelmäßig sind.

StN-Redakteurin Lisa Welzhofer lebt und arbeitet zwei Monate lang in Tel Aviv und berichtet für unsere Zeitung von dort. Sie ist Stipendiatin des „Ernst-Cramer & Teddy Kollek-Fellowship“, das deutschen Journalisten einen Aufenthalt im Nahen Osten ermöglicht.

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