Bis ein Termin auf der Couch eines Therapeuten ausgemacht ist, dauert es oft längere Zeit (Symbolfoto). Foto: IMAGO/Zoonar

Junge Erwachsene suchen heutzutage öfter therapeutische Hilfe auf. Wie sieht diese Hilfe genau aus? Und weshalb wird die Suche nach einem Platz oft zur Zerreißprobe?

Das Bewusstsein für psychische Erkrankungen steigt kontinuierlich. Zahlreiche junge Erwachsene suchen inzwischen nach Therapieplätzen. Warum wird die Suche nach einem Therapieplatz oft zur Zerreißprobe? Wie sieht eine Psychotherapie aus? Und was ist ratsam, wenn die Probleme ausarten, aber kein Therapieplatz verfügbar ist?

 

Zwischen dem tatsächlichen Bedarf an Psychotherapie und den vorhandenen Kapazitäten herrscht ein deutliches Ungleichgewicht. Dieses Dilemma erlebt die psychologische Psychotherapeutin Friederike Echtler-Geist aus erster Hand: „Auch in größeren Praxen mit vielen Therapeuten – wie bei uns im Praxiszentrum für Psychotherapie – sind die Möglichkeiten begrenzt.“

DIe psychologische Psychotherapeutin Friederike Echtler-Geist arbeitet im Praxiszentrum für Psychotherapie in Stuttgart

Psychische Behandlungen sind auf Langfristigkeit ausgelegt

Eine Psychotherapie ist in der Regel langfristig angelegt. Deshalb binden beginnende Behandlungen über Monate hinweg Kapazitäten, sodass nicht laufend neue Plätze frei werden. Gleichzeitig ist die Zahl der Behandlungen, die im gesetzlichen System abgebildet werden können, begrenzt.

Die hohe Nachfrage führt dazu, dass die Wartelisten sehr schnell anwachsen. Eine sinnvolle Organisation ist deshalb kaum möglich. „Wir erhalten täglich rund 30 Anfragen über unser Kontaktformular. Eine klassische Warteliste würde regelmäßige Rückfragen erfordern, da sich Situationen verändern oder Betroffene inzwischen anderweitig Hilfe gefunden haben.

„Dafür fehlen im ambulanten Alltag einfach die personellen Ressourcen“, sagt die Psychologin Frederike Echtler-Geist. Deshalb arbeitet das Praxiszentrum für Psychotherapie in Stuttgart stattdessen mit einem automatisierten Rückmeldesystem. „Die Wartezeiten unterscheiden sich stark“, so Echtler-Geist. Bei gesetzlich Versicherten liegen diese häufig bei mehreren Monaten. In akuten Krisensituationen wird jedoch versucht, so zeitnah wie möglich Unterstützung anzubieten.

Im Erstgespräch wird geprüft, welche Unterstützung gebraucht ist

Wenn man schließlich zu einem Erstgespräch eingeladen wurde, wird dort sorgfältig geprüft, wie stabil die Betroffenen aktuell sind, welche Ressourcen vorhanden sind und welcher Unterstützungsbedarf tatsächlich besteht. „Wenn keine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung vorliegt, kann es sinnvoller sein, auf Beratungsstellen, psychosoziale Angebote oder andere Unterstützungssysteme zu verweisen, anstatt eine ambulante Psychotherapie zu beginnen“, so die Psychotherapeutin.

Danach muss entschieden werden ob eine Weiterbehandlung überhaupt erfolgt. Dies lässt sich nicht allein an einzelnen Symptomen oder Störungsbildern festmachen. „Entscheidend ist, ob eine psychische Erkrankung gemäß ICD-10 bzw. ICD-11 vorliegt“, sagt die psychologische Psychotherapeutin.

Die Nummern in den Diagnosekatalogen ICD-10 und ICD-11 legen fest, welche Diagnose Patientinnen und Patienten erhalten. Berücksichtigt wird dabei auch, wie hoch der Leidensdruck sowie die Einschränkung der Alltagsbewältigung sind, beispielsweise in Studium, Beruf oder sozialen Beziehungen.

Gleichzeitig wird geprüft, ab wann eine ambulante Psychotherapie nicht mehr ausreichend ist. Bei schweren Symptomen, akuter Gefährdung oder massiver Einschränkung ist in der Regel eine stationäre oder teilstationäre Behandlung erforderlich. Diese wird dann unter anderem im Zentrum für Seelische Gesundheit des Klinikums Stuttgart durchgeführt.

Notfälle brauchen im Klinikum Stuttgart keine Einweisung

„Ein Großteil der Aufnahmen im Zentrum für Seelische Gesundheit sind Notfälle“, sagt Professor Martin Bürgy, der Leiter des Zentrums für Seelische Gesundheit am Klinikum Stuttgart. Dazu gehören unter anderem schizophrene Störungen oder suizidale Krisen bei Depressionen, auch im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich. Für die Aufnahme von Notfällen ist keine Einweisung durch einen Arzt nötig, da die Ambulanz oder die Dienstärzte des Klinikums Stuttgart die Patienten stationär aufnehmen.

Anders verhält es sich bei einer Einweisung durch niedergelassene Ärzte, Hausärzte, Psychiater oder Psychotherapeuten. Über diese sind auch geplante, nicht notfallmäßige stationäre Aufnahmen möglich und sinnvoll. Diese Aufnahmen finden bei affektiven Störungen statt, also solchen, die die Gefühlslage einer Person krankhaft verändern. Sie stehen oft im Zusammenhang mit Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Zwangsstörungen sowie psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.

Für das Zentrum für Seelische Gesundheit gibt es keine Wartelisten

Das Zentrum für Seelische Gesundheit behandelt akute Krisen auch als solche. Das heißt, es gibt hierfür keine Wartelisten. „Es sollte aber nicht zu lange gewartet werden, bis eine psychische Erkrankung zum Notfall wird. Daher besteht unser Interesse in einer möglichst zeitnahen Aufnahme im Bedarfsfall“, sagt Martin Bürgy.

Es kann allerdings auch vorkommen, dass Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen, vor allem, wenn kein Notfall vorliegt oder die Störung nicht schwerwiegend genug ist. Als Faustregel gilt: Je gefährdeter der Betroffene ist, desto rascher muss die stationäre Aufnahme erfolgen.

Wenn kein Notfall vorherrscht, erfolgt die psychotherapeutische Behandlung

Wenn dies nicht der Fall ist, erfolgt die Weiterbehandlung in einer Psychotherapeutischen Praxis. Dabei kommen in der ambulanten Psychotherapie verschiedene Verfahren zum Einsatz:

• Verhaltenstherapie

• Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

• Analytische Psychotherapie

• Systemische Therapie

Diese vier Verfahren unterscheiden sich in ihrer theoretischen Herangehensweise und Methodik. Sie lassen sich jedoch nicht einzelnen Erkrankungen eindeutig zuordnen. Je nach individueller Situation können alle Verfahren bei unterschiedlichen psychischen Erkrankungen wirksam eingesetzt werden..

„Im Praxiszentrum für Psychotherapie Stuttgart arbeiten wir überwiegend verhaltenstherapeutisch. Wir haben aber auch systemische sowie tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Kolleginnen und Kollegen“, sagt Echtler-Geist. Das Ziel der Behandlung sei es, „diese leitlinienorientiert, zielgerichtet und so effizient wie möglich zu gestalten, ohne dabei die therapeutische Qualität aus dem Blick zu verlieren.“

Die Nachfrage nach Behandlungen ist höher als das Angebot

„Psychotherapeuten können aufgrund ihrer Arbeitsweise nur verhältnismäßig wenige Patienten behandeln“, sagt Kai Sonntag, Leiter des Stabsbereichs Kommunikation der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Eine Behandlung dauert pro Sitzung ziemlich lange und geht dann oft über einen langen Zeitraum.

Daher können Psychotherapeuten auch nicht so einfach einen Patienten noch „dazwischenschieben“. „Die Nachfrage nach Behandlungen ist deshalb deutlich höher als das Angebot“, so Kai Sonntag.

Die extreme Länge der Wartelisten schreibt Sonntag der medizinischen Entwicklung zu. „Das Zusammenspiel von psychischen und somatischen Erkrankungen wird immer häufiger beachtet, sodass viel mehr Erkrankungen als früher eben auch psychisch behandelt werden.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg verzeichnet zudem eine deutliche Zunahme an Behandlungen. Das bedeutet laut Kai Sonntag jedoch nicht, dass die Bevölkerung psychisch kranker wird.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württembergs hat aktuell (Stand Oktober 2025) etwas mehr als 210 Kassensitze in Stuttgart besetzt. In dieser Zahl sind Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, psychotherapeutische Ärzte sowie Fachärzte für Psychosomatische Medizin enthalten. Die Zahl der Therapeuten wurde zuletzt im Jahr 2019 aufgestockt.