Badevergnügen vor 100 Jahren im Neckar in der Nähe des Gaskessels: Was Lesern unseres Stuttgarts-Albums auffällt, ist, wie dünn die Kinder damals waren. Foto: Landesmedienzentrum

Die Stadt hat eine Neckarwelle zum Surfen abgelehnt, weil die Wasserqualität dafür nicht ausreiche. Einst war der Neckar ein Fluss zum Baden, woran sich Leserinnen und Leser unseres Stuttgart-Albums erinnern.

Stuttgart - Als der Schwimmverein Bad Cannstatt 1898 gegründet worden ist, gab es dort kein Hallenbad. Wozu auch? Damals war es normal, zum Trainieren in den Neckar zu springen. Ein Steg führte von der Liegewiese ins Wasser hinein. Aber schon Ende des 19. Jahrhunderts war der Neckar weit entfernt von der Reinheit eines Gebirgsbachs. In seinem Buch „Cannstatt und seine Geschichte” schreibt Jürgen Hagel: „Der Neckar stank derart, dass niemand in seiner Nähe die Fenster zu öffnen wagte.”

Der Geruch hat sich verbessert. Doch man braucht heute ein stabiles Immunsystem, um den Fluss ohne Darmleiden zu verlassen. Laut Landesgesundheitsamt ist der Neckar „dauerhaft mit Fäkalien und Krankheitserregern belastet“. Werte, die für ein Badegewässer zulässig wären, würden „um ein Vielfaches“ überschritten. „Gesundheitsschutz steht vorm sportlichen Vergnügen“, erklärt Bürgermeister Martin Schairer.

Schauspieler Hofrichter hat als Kind im Neckar gebadet

An das Schwimmvergnügen im Neckar erinnert sich der Schauspieler Christoph Hofrichter gern. „In Obertürkheim beim Bahnhof habe ich noch 1955 als Neunjähriger gebadet“, schreibt der 72-Jährige im Internet-Forum unseres Geschichtsprojekts und fügt auf gut Schwäbisch hinzu: „Dann hent Schwoba dr Induschdrie-Hafe baut - wägem Gäld.“ Heinz Peter notiert: „In Zuffenhausen konnte man früher sehen, welche Farbe die Lackfabriken abgelassen hatten. Das farbige Abwasser landete im Neckar.“

Oliver Hönig, ein weiterer Kommentator unseres Stuttgart-Albums, gibt zu bedenken: „Früher war man nicht so empfindlich. Da hat man im Fluss gebadet – und gut war. Heute muss alles perfekt sauber sein.“ Julia Aigner sieht es ähnlich: „Damals war der Neckar dreckiger als heute. Nur hat das niemanden interessiert.“ Hermann Rommel erinnert sich: „Wir sind vom Inselbad über die Uferböschung in den Neckar schwimmen gegangen und haben uns keine Gedanken über die Wasserqualität gemacht.“

Mit einem Köpfer in den Neckar

Martin Blaicher hat uns das Foto von einem Köpfer in den Neckar aus den 1950ern geschickt – der tollkühne Springer ist er selbst. Auf dem Fotos ist ein Teil des Inselbades zu sehen. Der Kanal des Wasserkraftwerks Untertürkheim diente als Schwimmbecken – Eintritt musste man nicht zahlen. Heute sind Betonsteine am Ufer, die das Betreten des Neckars erschweren. Schwimmer sollen nicht den Schiffsverkehr stören.

Das Badefoto mit der Liegewiese und dem Steg in den Neckar ist um 1910 entstanden. Dazu schreibt Sabine Müller: „Es fällt auf, wie dünn die Kinder waren.“ Die alten Aufnahmen mahnen zum Handeln, findet Dietrich Haaf. „Verschmutzungen müssen abgestellt werden“, fordert er. Bad Cannstatt habe in den 1970ern seine letzte Sprudelfabrik verloren, „weil viele Firmen leichtfertig mit Reinigungsmitteln umgegangen sind und dadurch Kohlenwasserstoffe in die Mineralwasser führenden Schichten gelangte“. Das Umweltbewusstsein ist größer geworden – doch von Badequalität ist der Neckar auch unter einem grünen OB und einem grünen Ministerpräsidenten meilenweit entfernt. Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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