Armin Petras Foto: Leif Piechowski

Ein Gespräch mit dem Schauspielchef, Regisseur und Autor Armin Petras über Drehbühnen, Sprachliebe, Moorlandschaften und Fußball.

Stuttgart. - Herr Petras, Sie dürfen sich häufig über aus- verkaufte Vorstellungen im Schauspielhaus freuen. Da ist vieles gut gelaufen – doch wie sieht es dort mit der neuen Drehbühne aus? Man hört, die Technik mache immer noch Probleme. Hat der Tüv die Drehbühne überhaupt schon abgenommen?
Wenn wir keine Tüv-Abnahme hätten, dürften wir nicht spielen. Das kennen Sie ja beim Auto, es gibt noch drei Mängel, aber da dürfen Sie trotzdem noch fahren. So ist das bei uns. Vor einem Jahr war ja nicht einmal klar, ob sie sich überhaupt ­bewegen würde. Ich war zwar immer ­optimistisch, und es hat dann ja auch geklappt. Aber es gibt immer noch Probleme.
Wie viele? Müssen Techniker Angst vor marodierenden Bühnenwagen haben?
Das war noch nie ein Thema. Dass bestimmte Meister oder andere Leute in der Technik nicht gut schlafen, das glaube ich nach wie vor. Wir müssen aber nicht jeden Abend nacharbeiten. Wir haben manchmal Schließtage, da wird an den Computern recherchiert. Wir hatten eine Liste von 320 Fehlern, etwa 180 davon sind beseitigt. Es bleiben noch 60 oder 70, und die werden im Sommer bearbeitet.
In Berlin haben Sie das kleinste von fünf großen Theatern geleitet, in Stuttgart leiten Sie seit einem Jahr das größte. Anstrengender oder entspannter?
Dass ich noch mehr im Büro sitze, das ist nicht so schön. Es gibt mehr Abteilungen und mehr Menschen, die einen sehen wollen. Andererseits ist es in der Tat gut, dass man nicht mehr ängstlich zum Hörer greifen muss, wenn man mit Regisseuren spricht, die man sich wünscht. Nächstes Jahr kommen unter anderem Jan Bosse, Stephan Kimmig und René Pollesch.
Stuttgart hat einen guten Ruf. Eine Hamburger Studie sieht die Stadt als Kulturmetropole Nr. 1. Kürzlich verkündete die Berliner Schaubühne stolz, der Leiter des Stuttgarter Schauspielhauses, Armin Petras, wolle sich langfristig mit der Bühne verbinden.
In der Tat haben wir vor, miteinander zu arbeiten.
Muss man bald öfter nach Berlin pendeln, um Ihre Arbeiten zu sehen?
Wie erfolgreich und langfristig eine Arbeitsbeziehung ist, das kann man von vornherein niemals sagen. Und ich mache definitiv nicht mehr als zwei Arbeiten als Gast, wenn ich in Stuttgart arbeite.
Sie inszenieren in Berlin Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ und in Stuttgart Wilhelm Raabes „Pfisters Mühle“: zwei Prosatexte. Ihr neuer Spielplan besteht aus viel Roman- und Filmstoff. Sie sagten einmal, Sie wollten keine Trends bedienen – hier tun Sie es.
(Lacht) Sagen wir so, vor zehn Jahren hat man mir vorgeworfen, dass ich das mache, und jetzt wird mir vorgeworfen, dass alle das machen. Das ist schon sehr lustig. Spätestens seit dem Wechsel von Frankfurt nach Berlin bestreiten wir den Spielplan mit etwa 60 bis 70 Prozent aus Romanen, Filmen und anderen nicht dramatischen Vorlagen. Dürrenmatts „Das Versprechen“ oder Tolstois „Anna Karenina“ sind Beispiele dafür, Stoffe zu finden, die eine große Anziehungskraft für Zuschauer haben. Adaptionen von Filmen haben sich öfter als schwierig erwiesen, weil Filmdrehbücher eben nicht so stark sind wie Romane und Filme, eben stärker auf der Bild- als auf der Bühnenebene brillieren. Der Film kommt vom Bild, der Roman von der Sprache. Was nicht heißt, dass man das nicht machen kann oder sollte.
Und doch bringen Sie Lars von Triers „Breaking the Waves“ und einen Bergman-Film, dazu mit prominenten Gästen. Regt sich da nicht Unmut im Ensemble?
Corinna Harfouch kenne ich, seit ich 21 Jahre alt bin. Mit Fritzi Haberlandt habe ich sicher auch schon zehn Arbeiten gemacht. Das wissen die Schauspieler. Wir haben keine Gäste, die nicht imweiteren Sinne zu unserer Theaterfamilie gehören, ob das Hans Löw ist oder Michael Klammer.
Zu neuen Theaterformen zählen in jüngster Zeit sogenannte Recherchen, Labore – sind Dramatiker nicht mehr zeitgemäß?
Bei uns schon. Dirk Laucke und Anne Habermehl arbeiten für uns in dieser Saison. Außerdem René Pollesch und Jan Neumann. Wir haben aber tatsächlich während des Berliner Theatertreffens, zu dem wir mit Tschechows „Onkel Wanja“ eingeladen waren, darüber gesprochen, auch über die Abschaffung des Berliner Stückemarktes . . .
. . . bei dem bisher neue Stücke gezeigt und später oft von Theatern aufgeführt wurden. Jetzt zeigte man stattdessen Performances.
Genau. Die neue Chefin Yvonne Büdenhölzer sagte – für mich nachvollziehbar –, neue Dramatik sei heute nicht mehr unbedingt dialogisch. Es gibt ganz neue Formen von neuer Dramatik. Literaturrechercheprojekte, Kommentarprojekte, Klassikerbearbeitungen. Das Stadtteilprojekt Nord, in dem mit Schülern verschiedener Schulen gearbeitet wird und das gerade Premiere hatte, ist ein weiteres Beispiel für Textrecherche am Ort.
Als Dramatiker sind Sie dagegen ein geradezu klassischer Schreiber. Auch bei Ihrer Hauff-Adaption „Das kalte Herz“ gab es viele Dialoge.
In der Tat sehe ich mich als einen neokonservativen Autor und Theatermacher. Zum Beispiel wollte ich bei Heins „Drachenblut“ und Kleists „Marquise von O“ im Kammertheater die Novellen einander gegenüberstellen und die Schicksale der Figuren eben nicht miteinander verschneiden. Jeder Stoff verlangt nach einer spezifischen Umsetzung, ich will das gar nicht werten. Ich habe einfach ein sehr großes Interesse an Sprache. Sprache ist ein zentraler Bestandteil von Kultur, ein Träger von Gedanken, Emotionen, Gefühlen – und das ist für mich nicht uninteressant.
Apropos Kulturträger. Kunstschaffende fürchten, mit dem Freihandelsabkommen werde die kulturelle Vielfalt bedroht. Private Anbieter könnten verlangen, gefördert ­z­u werden wie staatlich subventionierte ­Theater etwa. Weil das keiner leisten kann, ­würden dann womöglich Subventionen komplett abgeschafft.
Natürlich ist das so, dass der sogenannte Turbokapitalismus auch an unser Eingemachtes geht. Es gab ja das Ansinnen des deutschen Bühnenvereins, die deutsche Theaterkulturlandschaft unter Unesco-Schutz zu stellen, was ich als Theatermensch natürlich sehr lustig fand, weil es scheinbar sofort zur Musealisierung führt und damit völlig absurd ist. Andererseits ist die deutsche Stadt-Theaterlandschaft eben wirklich einzigartig. Sie sehen das, sonst würden Menschen wie Johan Simons, Meg Stuart und Luk Perceval, die zu den besten Künstlern der Welt zählen, bestimmt nicht in Deutschland arbeiten. Es ist ein System, das aus kultureller Sicht, wenn man sich dafür interessiert und diesen Mehrwert erfährt und erkannt hat, absolut schützenswert ist. Wenn es da Einschnitte gibt, sind die unwiederbringlich. Das ist durchaus zu vergleichen mit der Natur, mit einer Moorlandschaft zum Beispiel.
Inwiefern?
Wenn diese Landschaft einmal zerstört ist, ist sie zerstört. Man kann nicht künstlich ein Moor anlegen. Das ist unmöglich. Ich habe das erlebt. Ob es Dessau ist, ob es Frankfurt/Oder ist, ob es Nordhausen ist, diese Theater, die zugemacht werden, die wird es nicht wieder geben. Diese kulturelle Einzigartigkeit ist für immer zerstört.
In strukturschwachen Regionen schließt man vielleicht lieber ein Theater als einen Kindergarten, eine Schule oder ein Freibad.
Ich sage nicht, dass eine Gesellschaft oder eine städtische Community nicht das Recht hat, das zu tun. Ich finde nur, man muss wissen: Wenn man ein Moor oder ein Theater zerstört, kriegt man das nicht zurück. Das ist weg. Es ist wichtig, dass man sich das überlegt. Was passiert mit den Jugendlichen? Was passiert mit einer Kultur in einer Stadt – erst recht dann, wenn es sterbende Städte sind, wenn es Probleme mit der Demografie gibt? Theater sind Orte, an denen man Solidarität, ein soziales Netz und vor ­allem einen Diskurs über Gesellschaft­ ­generieren kann.
In Stuttgart scheint man es zu wissen, Ihre Auslastung tendiert in Richtung 90 Prozent.
Für Schauspieler, die auch in anderen Städten spielen, wo die Auslastung vielleicht bei 40 bis 50 Prozent liegt, ist es eine Riesenfreude, hier so oft vor einem vollen Haus zu spielen. Stuttgart ist ein wunderbarer Ort für Theater. Und wir werden alles dafür tun, damit das so bleibt.
Wenn zurzeit nicht alle Vorstellungen ausverkauft sind,könnte das an der Fußball-WM liegen. Welche Mannschaft würden Sie gerne trainieren?
Ich würde gern Kolumbien trainieren, weil das die lustigsten Spieler sind. Die sind alle verrückt. Wunderbare Verrückte.
Wie Schauspieler?
Ein bisschen.
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