Franz Lutz am Donnerstag an seinem ersten Arbeitstag im Polizeipräsidium. Foto: Max Kovalenko

Der neue Polizeipräsident Franz Lutz hat seinen ersten Arbeitstag hinter sich. Der 56-Jährige will auf Stuttgart-21-Gegner zugehen.

Stuttgart - Der neue Polizeipräsident Franz Lutz will sich ein eigenes Bild von der Lage bei Stuttgart 21 machen. „Ich möchte mit den Projektgegnern ins Gespräch kommen und werde auch zur Montagsdemo gehen“, sagte Lutz am Donnerstagmorgen, an seinem ersten Arbeitstag im Präsidium, unserer Zeitung.

Der 56-jährige Lutz folgt im Amt Thomas Züfle nach, der am 16. Juni 2013 bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist. Züfle hatte als Polizeipräsident unter den 2600 Beschäftigten der Stuttgarter Polizei und der Bürgerschaft viel Anerkennung erfahren. „Ich werde nicht den Fehler machen, in seine Fußstapfen treten zu wollen; man kann Menschen nicht kopieren“, betont Lutz. „Ich werde einen eigenen, individuellen Stil als Polizeipräsident entwickeln.“

Lutz war bisher Polizeichef in Reutlingen. Auf die Frage, wie er sich selbst als Chef charakterisiert, sagt er: „Ich bin einer, der zuhört, der sich intensiv kümmert. Meine Mitarbeiter können mit wichtigen Themen immer zu mir kommen, meine Bürotür steht – von Ausnahmen abgesehen – immer offen.“ Allerdings sei er auch ein Chef, der von seiner Truppe „Leistung fordert“.

Polizeiausbildung 1973 in Göppingen begonnen

Lutz erinnert an das Märchen vom Hasen und Igel, wobei er für sich, als Vorgesetzter, die Rolle des Igels reklamiert. „Ich bin gerne schon da“, sagt er. Soll heißen: Der Polizist Lutz mag keine Überraschungen. Er will immer optimal vorbereitet sein, die Sachverhalte durchdrungen haben, die Dynamik abschätzen können, wenn es ernst wird. Die Arbeitsmoral seiner Eltern, die eine eigene kleinere Firma führten, hilft dem gebürtigen Stuttgarter bei seinem Pensum: „Mein Vater hat immer gesagt: Feierabend ist’s, wenn’s Tagwerk vollbracht ist.“

Lutz begann seine Polizeiausbildung 1973 in Göppingen; 1975 bis 1979 war er im Revier Stuttgart-Degerloch im Streifendienst tätig. Diese ersten Berufsjahre in der Hochzeit des RAF-Terrors hätten ihn sehr geprägt, sagt Lutz. Roland Pieler, der im September 1977 einer der drei Polizeibeamten ist, die bei der Schleyer-Entführung in Köln ermordet werden, hatte mit Lutz zusammen die Ausbildung gemacht. Die Bilder von der Totenwache am Sarg, vom Trauerzug durch die Innenstadt, hat Lutz heute noch vor Augen.

Job „von Pike auf gelernt“

„Wenn man die Bürger-Polizei von heute mit der Polizei von 1977 vergleicht, hat sie extreme Veränderungen durchlaufen und ist um einiges weitergekommen“, meint Lutz. Dazu will er sein Teil beitragen – nicht im Hauruck-Stil, sondern mit Fortentwicklung der Organisation. Am Donnerstag hat sich Lutz den führenden Köpfen im Präsidium bekannt gemacht. In den nächsten Wochen will er damit beginnen, die Reviere zu erkunden und dabei „viele Gespräche“ mit den neuen Kollegen führen.

„Der erste Eindruck der Kollegen vom neuen Präsidenten ist gut“, sagt Personalratsvorsitzender Rainer Hurrler am Donnerstag. Lutz wirke konzentriert, mache keine unnötigen Worte und habe den Job „von der Pike auf gelernt“. Das sei ein großer Vorteil, meint Hurrler. Auf die Polizei komme nämlich bald eine Menge zusätzlicher Arbeit zu: Nächste Woche werden Proteste von S-21-Gegnern beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet; am 3. Oktober finden in der Stadt die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit statt. „Das sind Bewährungsproben für die Stuttgarter Polizei, aber auch für ihren neuen Präsidenten“, sagt Hurrler.

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