Stuttgarts OB Fritz Kuhn und seine Frau Waltraud Ulshöfer Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Damit der Festakt zu seinem 60. Geburtstag im Rathaus vor 330 Gästen nicht allzu steif gerate, hat Fritz Kuhn als Moderator den schwäbischen Comedian Dodokay alias Dominik Kuhn engagiert. Die Botschaft des OB an seinem Fest: „Die Demokratie muss mehr atmen.“

Stuttgart - Da dachte Alexander Kotz, der Fraktionsvorsitzende der CDU, er könne an diesem heißen Sommerabend im Großen Sitzungssaal des Rathauses bequem auf seinem Ehrenplatz in der ersten Reihe die Beine ausstrecken – doch dann musste er überraschend „in die Bütt“, wie er es selbst nannte.

Jürgen Zeeb von den Freien Wählern hätte als dienstältester Fraktionschef am Freitag den OB für den Gemeinderat würdigen sollen. Aber ein Hexenschuss hinderte ihn daran. Also musste Kotz ran. Politisch mögen der CDU-Mann und der grüne OB Fritz Kuhn weit auseinanderliegen – der Umgang untereinander aber ist locker, fast freundschaftlich. „Wenn es etwas zu besprechen gibt“, sagt Kotz, „kann ich den OB anrufen, und wir treffen uns schnell mal zum Eisschlecken auf dem Marktplatz.“ Dies sei bei Wolfgang Schuster komplizierter gewesen.

Dass Kotz sagt, er höre Fritz Kuhn „gern reden“, überrascht Insider des Rathauses nicht. Viel Zeit, erzählt man sich, nehme sich der nunmehr 60-Jährige, um seine Reden selbst zu schreiben und an ihnen zu feilen – da fehle dann oft die Zeit für politisches Handeln. Als „Aktenfresser“ gilt Kuhn nicht, eher als Feingeist und humorvoller Rhetoriker. Würden mehr Bürger den OB reden hören, meint Alexander Kotz, wären dessen Beliebtheitswerte nicht so schlecht, wie sie es zu sein scheinen.

Viel, was der Grüne im Wahlkampf versprach, konnte er bisher nicht umsetzen – immer wieder sitzt er zwischen den Stühlen. Beispiel Verkehr: Für die einen macht er es den Autofahrern zu leicht – andere ärgern sich, weil sie so o ft im Auto im Stau stehen.

Dodokay macht die Merkel

Ein klarer Kuhn-Fan dagegen scheint die Kanzlerin zu sein. Angela Merkel gratulierte zu Beginn des Festakts auf gut Schwäbisch. Na klar, dahinter steckte Comedian Dodokay alias Dominik Kuhn. Er schenkte dem OB einen synchronisierten Gratulationsfilm – darin agieren Prominente mit der schwäbischen Stimme von Dodokay. Danggeeee!

Verwandt sind die Kuhns nicht, aber sich sehr verbunden. Als Orgelspieler Harry Fauserwar der OB in der Dodokay-Show in der Porsche-Arena aufgetreten. „Er ist absolut bühnentauglich“, lobt der Comedian.

„Man sollte nicht immer nur über das Negative von OB Kuhn reden“, findet Ballett-Chef Eric Gauthier,einer der Gäste beim Festakt, „er hat viele positive Seiten .“ Schon sein Vorgänger Schuster sei ein Freund der Kultur gewesen, sagt der Choreograf: „Doch Kuhn ist es noch viel mehr – und erst recht seine Frau Waltraud Ulshöfer.“ Bei der Feier waren auch die Söhne der beiden samt Freundinnen dabei. Mario und Leon Kuhn studieren in Heidelberg .

Das größte Geschenk kommt von der Grünen- und SPD-Fraktion im Landtag. Edith Sitzmann und Claus Schmiedel einigten sich darauf, dass Bürgermeister bis 73 arbeiten und sich auch mit 65 noch mal für eine volle Amtszeit bewerben können. Im Landtag macht das böse Wort von der „Lex Kuhn“ die Runde, weil die Daten so haarscharf auf den OB passen. Rentenmäßig braucht Kuhn das wegen der langen Zugehörigkeit zum Land- und Bundestag nicht mehr. „60 ist kein Alter, lieber Fritz“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seiner Laudatio: „Hillary Clinton schickt sich mit 67 an, die mächtigste Frau der Welt zu werden. Ich will es auch noch mal wissen. Da erwarten wir auch von dir noch einiges.“

War das seine Aufforderung an Kuhn, für eine zweite Amtszeit anzutreten? Noch will sich der OB nicht dazu äußern. Aber er werde sich „fit halten“, versprach er. Als „Elder statesman“ gibt er sich schon jetzt mit 60. „Große Veränderungen“ seien notwendig, sagte er in seiner Ansprache. Die Demokratie müsse „mehr atmen“. Bürgerbeteiligung ist ihm etwa bei der Planung des Rosensteinviertels wichtig, das entsteht, wenn Gleisflächen im Zuge von Stuttgart 21 frei werden. Mit Hannes Rockenbauch,Fraktionschef von SÖS/Linke-plus im Gemeinderat, hatte sich Kuhn am Donnerstag wegen S  21 richtig gefetzt.

Eingeladen war der Fraktionschef dennoch, er zog aber eine andere Veranstaltung vor. „Um 18 Uhr gibt es die Demo gegen das griechische Spardiktat“, sagt Rockenbauch. Den Geburtstag zu feiern sei ganz okay. „Ich bin aber eher der Demonstrant als der Gratulant.“

Eine Feier für 330 Gäste kostet (dabei: Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth,SWR-Intendant Peter Boudgoust, Bahn-Vorstandsmitglied Volker Kefer, Ballettintendant Reid Anderson, VfB-Präsident Bernd Wahler). Gut für die Stadtkasse, dass ein OB nur einmal 60 wird. Stuttgart hat schon den 60. von Wolfgang Schuster (auch unter den Gästen) 2009 beglichen. Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) präsentiert am Montag den Jahresabschluss 2014. „Trauerflor ist nicht angebracht“, sagt Föll.

Beim Festakt redete er seinem Chef ins Gewissen. „Bayern München ist quasi die Atomkraft des deutschen Fußballs“, sagte der Bürgermeister. Aber längst wissen wir: Der Ausstieg ist möglich. An den denkt der OB beim Fußball jedoch nicht. Darüber kann er mit Föll einmal im Grünen beraten. Die Bürgermeister schenkten ihrem Chef ein Picknick im Park der Villa Berg.

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