Frühmorgens – noch sind kaum Autos unterwegs – ist dieses Bild an einem Verkehrsschild gemacht worden. Foto: Marcel Diemer

Nackt in der Natur, befreit von Zwängen, ganz ohne erotische Absichten: Womit Künstler gerade für Aufsehen sorgen, hat in Stuttgart Tradition. In den 1920ern war die Stadt führend, was Bewegung im Licht ohne Hüllen anging. Unser Kolumnist Uwe Bogen erinnert daran.

Stuttgart - Sie kommen in aller Frühe, wenn fast die gesamte Stadt noch friedlich schlummert, ziehen sich schnell aus, lassen sich fotografieren und sind längst wieder fort, falls doch noch eine Polizeistreife kommt.

Wie die Schafe haben sich diese Woche die Nackten in der Wiese am Bismarckturm getummelt – dicht aneinander, schnuppernd im Gras und den Allerwertesten nach oben gestreckt, blank, versteht sich.

Für den Kunstkalender „Kessel Safari“, mit dem ein Team der hiesigen Kunstakademie 2018 zeigen will, wie wild die lange als bieder und spießig eingestufte Stadt in Wahrheit ist, werden gerade Tierszenen in der Natur und im Asphalt aufgenommen.

Noch mehr Nackte werden gesucht

Der größte FKK-Flashmob steht noch bevor. Für eine Art Wolfsrudel wollen die Kalenderkünstler 150 Nackte, Frauen wie Männer, egal welchen Alters, nach den Sommerferien mitten in der Stadt versammeln – wann und wo, ist noch geheim. Aber man kann sich dafür bereits anmelden, per E-Mail an justynakoeke@yahoo.de.

Ob Nacktheit in der Öffentlichkeit Spaß ist oder gar eine politische Botschaft darstellt, ist vor dem CSD hitzig diskutiert worden. Lange bevor es den Begriff Freikörperkultur gab, vertraten revolutionäre Menschen in Stuttgart die Ansicht, dass, wenn alle nackt sind, alle auch gleich sein könnten. Der 1906 geborene Schauspieler Oscar Heiler, bekannt für seine schwäbische Spießerfigur des „Häberle“, schloss sich als Linker der Nacktbewegung an und wurde Vorsitzender des Vereins für freie Lebensgestaltung. Der Vereinsname zeigt, dass es um eine neue Art der Lebensführung ging, im besten Falle sogar um Befreiung.

Zurück zur Natur! Wer meint, dies sei eine Parole von genervten Großstädtern heute, kennt die Freunde des Ausdruckstanzes nicht, die in den 1920ern Stuttgart zum Zentrum ihrer Bewegung machten. Führend dabei war der ungarische Autor Rudolf von Laban. Von Zürich war er nach Stuttgart gezogen, um Intendant am Staatstheater zu werden. Daraus wurde zwar nichts, doch rasch scharte von Laban Gleichgesinnte um sich und schrieb sein Buch „Die Welt des Tänzers“ – er schrieb Tanzgeschichte.

Zu seinem naturnahen Lebenskonzept gehörte, dass man sich der heilenden Kraft der Luft, des Sonnenlichts und der Bewegung ganz ohne Hüllen aussetzen wollte.

Besitzer des Teehauses förderte die Kunst

Gibt es dafür einen schöneren Ort als die Anhöhe des Bopser? Ein Förderer der Tanzes war der Unternehmer Ernst Sieglen, der sein Reichtum der Herstellung von Dr. Thompsons Seifenpulver verdankte. Dem Stuttgarter gehörte der Weißenburgpark samt Villa. Das Teehaus dieses Anwesens, ein Pavillon mit Säulenkranz, diente der Eigentümerfamilie als Gartenhaus. Der Patron, ein Kunstmäzen, lud die Ausdruckstänzer ein, die in dem noch nicht öffentlich zugänglichen Park mit dem Einsatz des gesamten Körpers ihre Gefühlswelt erkunden und darstellen konnten. Mit dabei war die spätere Tanzlehrerin Ida Herion , der es in ihrer Tanzerziehung vor allem um Kunst, Gesundheit und Körperharmonie ging.

Burlesque-Tanz erlebte seine Blüte

„Bewegung kann eine momentane Stimmung oder Reaktion als auch konstantere Wesensmerkmale einer Persönlichkeit charakterisieren“, schrieb Rudolf von Laban in dem Buch „Die Kunst der Bewegung“. Dass er seine Tänzerinnen ohne Kleider agieren ließ, hatte wenig mit Verruchtheit zu tun. Es war der Drang, sich nach einem verlorenen Krieg aus der Depression zu befreien. Die Menschen wollten den Neuanfang in allen Bereichen. Es war der Traum von friedlichen Zeiten, in denen der Mensch auf seinen Körper hört, auf die Gesetze der Natur, nicht auf die Selbstzerstörung hoher Herrschaften. Viele ernährten sich vegetarisch.

Ebenfalls in den 1920ern erlebte der Burlesque-Tanz seine Blüte – eine erotische Show, die glamourös die Kunst der Andeutung zelebriert. Stuttgart gilt heute als Hochburg dieser Tanzform.

Nacktheit sorgt für Aufmerksamkeit, sofern nicht alle nackt in der Sauna sitzen. Die Kalenderkünstler wollen damit ungewohnte Sichtweisen auf Stuttgart eröffnen – mit Szenen von tierähnlichen Zusammenrottungen in Wiesen und Wäldern. Sind das Fake-News? In der Natur ist alles wahr – und die meisten Geschöpfe, mit Ausnahme der Menschen, ziehen sich nie etwas an.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: