Fast 1000 Kinder ab vier Jahren warten auf einen Kitaplatz. Die Stadt will mit Umbau, Digitalisierung und flexibleren Betreuungszeiten gegensteuern – erste Schritte sind gemacht.
Auf dem Papier sind ausreichend Kindergartenplätze vorhanden – dennoch haben fast 1000 Kinder in Stuttgart, die fast vier Jahre und älter sind, keinen Betreuungsplatz. Das zeigt der Jahresbericht 2024 zur Entwicklung der Kindertagesbetreuung in Stuttgart, der nun im Jugendhilfeausschuss vorgestellt wurde. Zuletzt war die Stadtverwaltung noch von 750 betroffenen Kindern ausgegangen.
Im April 2024 hat das Jugendamt 954 Kinder mit knapp vier Jahren und älter ohne Kitaplatz gezählt, dabei gibt es auf dem Papier für nahezu 100 Prozent aller Kinder zwischen drei und sechs Jahren in Stuttgart einen Betreuungsplatz.
Zu dieser Diskrepanz kommt es, weil rund 1600 der statistisch vorhandenen Plätze für Kinder dieses Alters nicht besetzt werden können – unter anderem, weil Fachkräfte fehlen – und weil nicht alle Bezirke gleich gut versorgt sind. Ein wenig Hoffnung machte Jugendamtsleiterin Katrin Schulze dennoch: Aus den aktuellen Anmeldezahlen könne man herauslesen, dass diese Zahl wieder sinke.
35 Prozent der Kinder haben „intensiven Sprachförderbedarf“
Die Mitglieder des Ausschusses zeigten sich von diesem Ausmaß betroffen. Gerade hatten sie über das Thema Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit gesprochen, die sich nur dann einstellen könnten, wenn Kinder früh in Einrichtungen gefördert werden und zum Beispiel gut Deutsch lernen. Die aktuellen Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen (ESU) des Gesundheitsamtes zeigen, dass der Anteil der Kinder, die vor der ersten Klasse „intensiven Sprachförderbedarf“ haben, in Stuttgart bei knapp 35 Prozent liegt. Genau aus dieser Gruppe haben aber viele keinen Kitaplatz.
Der Jahresbericht, den die Stadt alle zwei Jahre veröffentlicht, bildet ab, wie viele Krippen- und Kindergartenplätze es statistisch gibt, wie viele noch in Planung sind – und wie viele weiterhin fehlen.
Im Bereich der Kinder unter drei Jahren ist der sogenannte Versorgungsgrad, also die Prozentzahl, für wie viele Kinder dieser Altersgruppe ein Platz zur Verfügung steht, seit 2022 um zwei Prozentpunkte auf 54 Prozent gestiegen – und das, obwohl die absolute Platzzahl um 154 gesunken ist. Weil gleichzeitig aber die Zahl der Kinder in diesem Alter um gut 800 zurückging, fällt das nicht ins Gewicht. Derzeit gibt es 8777 Krippenplätze. Ziel des Jugendamtes ist es, für 59 Prozent aller Kinder unter drei Jahren eine Betreuung zur Verfügung zu stellen. Dafür fehlen noch 820 Plätze, 1200 sind allerdings bereits beschlossen und in Planung.
Noch besser sieht es rechnerisch im Kindergartenbereich aus, also bei den Plätzen der Drei- bis Sechsjährigen. Derzeit gibt es für 99,5 Prozent aller Kinder einen Platz, insgesamt gut 19 000. 2000 weitere Plätze sind beschlossen.
Ungefähr 3000 Plätze können nicht belegt werden
Allerdings: 3000 aller Plätze im Krippen- und Kindergartenbereich können nicht belegt werden. „Der überwiegende Teil wegen fehlendem Fachpersonal“, sagte die Jugendamtsleiterin. Manchmal stünden auch wegen Baumaßnahmen weniger Plätze zur Verfügung.
Außerdem gestaltet sich die Lage in den Stadtbezirken unterschiedlich. In Degerloch ist die Stadt 24 Prozent vom Versorgungsziel an Krippenplätzen entfernt, während es in anderen Bezirken wie Zuffenhausen oder Bad Cannstatt eine Vollversorgung gibt. Im Kindergartenbereich bildet Mühlhausen weit abgeschlagen das Schlusslicht. Nur zwei Drittel der Drei- bis Sechsjährigen sind versorgt. Dass es mancherorts nur schleppend vorangeht, liegt laut Katrin Schulze vor allem daran, „dass geeignete Flächen fehlen und sich Bauvorhaben verzögern“. Zukünftig will die Stadt den Ausbau nur noch punktuell, etwa in Neubaugebieten vorantreiben, und eher daran arbeiten, die eingerichteten Plätze belegen zu können. Außerdem könne man in Zukunft durch das neu eingerichtete elektronische Elternkonto, über das Eltern einen Platz beantragen müssen, genauer sagen, in welchem Bezirk welcher Bedarf besteht.
Um dem Fachkräftemangel zu begegnen und aus dem bestehenden System mehr Plätze zu schaffen, hat die Stadt im Herbst 2023 den sogenannten Kita-Prozess gestartet. Mit Rückenwind des Gemeinderats will sie die Zahl der Ganztagsplätze mit acht Stunden Betreuung und mehr im Krippenbereich von derzeit 90 auf 60 Prozent abbauen, im Kindergartenbereich von 70 auf 60 Prozent. Stattdessen soll es mehr Plätze mit sechs und sieben Stunden täglicher Betreuung, sogenannte VÖ-Plätze, geben.
Im aktuellen Kitabericht, der die Zeit bis 1. März 2024 wiedergibt, bildet sich das allerdings noch nicht ab, die Zahl der so genannten VÖ-Plätze sank. Der Umwandlungsprozess startete erst danach, erklärte die Jugendamtsleiterin.
Sie kann keine Prognose geben, wie sich die VÖ-Zahlen bis heute entwickelt haben, diese lägen noch nicht vor. Klar sei aber, dass die freien Kita-Träger bislang nur „wenige Anträge auf Umwandlung“ von Ganztags- in VÖ-Plätze in ihren Einrichtungen gestellt hätten. Die Stadt hingegen will in einem ersten Schritt rund 1200 der Kita-Plätze in ihrer Verantwortung in VÖ-Plätze umwandeln. Auch die Antragslage zum Haushalt 2026/27 zeichne ein ähnliches Bild: „Den vielen Anträgen des städtischen Trägers hin zu zeitgemischten Gruppen stehen wenige der freien Träger gegenüber“, heißt es vom Jugendamt. Man wolle das Thema deshalb mit den Trägern weiter diskutieren und das Vorgehen abstimmen. „Die Träger haben eine Mitverantwortung, diesen Umwandlungsprozess gut abgestimmt zu gestalten“, so Schulze.
Betreuung für unversorgte Kinder
Spielstuben
Um Kindern ohne Kitaplatz ein Minimum an Betreuung zu bieten, hat die Stadt bereits 2018 sogenannte Spielstuben für Kinder aus Gemeinschaftsunterkünften eingerichtet. 2024 waren 20 solcher Spielstuben in Betrieb, die maximal zehn Stunden Betreuung pro Woche umfassen, und in denen auch fachfremdes Personal betreut.
Spielräume
Im Oktober 2024 beschloss der Jugendhilfeausschuss das Konzept der Spielräume, in denen Kinder über drei Jahre in ähnlichem Setting wie dem der Spielstuben betreut werden, und das von freien Trägern umgesetzt werden kann. Mittlerweile seien 26 Anträge auf Spielräume von vier freien Trägern eingegangen, heißt es im Jahresbericht 2024.