Gemeinsam aus der Krise? Die evangelische Kirche steht aus Sicht der Stuttgarter Regionalbischöfin Gabriele Arnold „mit offenen Häusern und Herzen für die Ökumene bereit“.
Stuttgart - Es waren beschauliche Tage beim 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt. Die vielen versöhnlichen Töne können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es rumort in den Kirchen. Wie ist die Lage bei den Protestanten? Regionalbischöfin Gabriele Arnold zeichnet ein zuversichtliches Bild.
Frau Prälatin Arnold, in der katholischen wie in der evangelischen Kirche meldet sich die Basis immer deutlicher zu Wort. Wie sehen Sie diese Entwicklung grundsätzlich?
In der Evangelischen Kirche Deutschland haben die Laien, hat die Basis schon immer sehr großes Gewicht. Ja, man kann sogar sagen, dass die Evangelische Kirche von der Basis her gedacht und organisiert ist. Das sehen Sie schon daran, dass in den einzelnen Gemeinden Pfarrerinnen und Pfarrer gemeinsam mit dem Kirchengemeinderat die Arbeit vor Ort organisieren und gemeinsam die thematischen Leitlinien entwickeln. Oder denken Sie daran, dass die Kirchengemeinderäte die Mitglieder der Bezirkssynode entsenden und die Landessynode sogar in Urwahl gewählt wird – und die Landessynode wiederum den Landesbischof wählt.
Der Dialog zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen ist damit Programm?
Da geht es nicht nur um Dialog. Aus der Laienbewegung kommen zentrale Impulse für die Kirchenleitung. Da denke ich zum Beispiel an den Kirchentagsbeschluss 2019, ein Seenotrettungsschiff der Evangelischen Kirche in das Mittelmeer zu entsenden.
Eine nicht unumstrittene Entscheidung ….
Es gab öffentliche Diskussionen, richtig. Aber die Botschaft war doch unmissverständlich: Wir lassen keine Menschen ertrinken. Und man muss ja sehen, dass es hier nicht nur einen Zuruf und eine Kirchentagsentscheidung gab. Die Basis hat dieses Projekt ja auch sehr maßgeblich finanziert. Ein sehr kraftvolles Zeugnis, wirken zu können.
Einen besonderen Impuls haben die Laien jüngst auch mit der Wahl der 25-jährigen Studentin Anna-Nicole Heinrich gesetzt. Zumindest in der Außenwahrnehmung haben die EKD-Verantwortlichen diese Wahl aber eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Gibt es nicht doch Grenzziehungen „nach unten“?
Da möchte ich doch heftig widersprechen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, hat die Wahl gleich begeistert kommentiert mit: „So schreibt man Kirchengeschichte.“ Diese Wahl ist ein starkes Signal des Aufbruchs – und ich finde es einfach toll, dass eine junge Frau jetzt in dieser Rolle ist. Sie müssen ja sehen: Die Präses agiert auf Augenhöhe mit der Politik und bringt bei Themen wie etwa Klimagerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit und dem Schutz des Lebens entsprechendes Gewicht ein.
Die Pandemie haben Manche als Chance der Kirche gesehen. Auch die Evangelische Kirche scheint aber eher Schwierigkeiten zu haben, auf diese unkalkulierbare Krankheit eine Antwort zu finden, die den Menschen Halt gibt und neues Interesse an der christlichen Idee weckt ...
Ich glaube nicht, dass wir die Menschen nicht erreicht haben, im Gegenteil. Unsere Antwort war – und ist – das zu tun, was möglich ist. Dazu gehören unsere digitalen Angebote, Gottesdienste natürlich, aber auch andere Formate, die im vergangenen Jahr zwangsläufig im Mittelpunkt standen. Bei den digitalen Gottesdiensten haben wir gesehen: Die nutzen noch mehr Menschen – auch solche, die nicht im normalen präsenten Sonntagsgottesdienst dabei sind. Dazu gab es auch ganz vielfältige analoge Experimente – bis hin etwa zu einer ‚Sprechstunde‘ im eigenen Garten. Auch im Bereich der Seelsorge, der nicht so sichtbar ist, haben wir unter oft schwierigsten Umständen geholfen und begleitet. Gerade in dieser Zeit konnten wir die Menschen spüren lassen: Gott ist an Eurer Seite.
Alles ist also gut?
Natürlich gibt es jetzt Herausforderungen aus dieser Zeit. Wir haben zum Beispiel viele Taufen verschieben müssen. Jetzt gilt es, diese Familien wieder neu zu erreichen.
Sie haben sehr viele Formate ausprobiert und sehen sich jetzt damit konfrontiert, dass vor allem die Gläubigen selbst den Regel-Gottesdienst zurückersehnen. Was also wird bleiben von den vielen Debatten?
Ich glaube, dass viel bleibt. Und dass uns dies gerade in der Breite gelingen wird. Im Vordergrund stehen für viele Menschen nun wieder die Präsenzgottesdienste. Aber viele andere Formate werden bleiben. Und wir haben auch einiges gelernt – zum Beispiel für die Konfirmandenarbeit. Wir sind jetzt weiter im Dialog mit einer Generation, für die das Digitale einfach real ist. Aber man darf das Thema Digitalisierung nicht auf die Angebote an die Menschen beschränken. Wir haben jetzt eine wirkliche Chance, dass ein bestimmtes Sitzungsunwesen aufhört. Natürlich ist es wichtig, sich zu sehen, gerade die kleinen Gespräche am Rande einer Sitzung zu führen. Aber dort, wo es nur um Abstimmungen innerhalb eines Prozesses geht, empfiehlt sich doch die digitale Konferenz.
Neue Formate gab es zwangsweise auch die gerade für die evangelischen Gottesdienste so wichtige Musik ….
…. ein wichtiger Punkt. Da gab es tatsächlich ganz tolle und sehr unterschiedliche Angebote. Und immer ging es ja um die Intensität des Erlebens. Ich denke zum Beispiel an die Kirchengemeinde in Altbach im Kreis Esslingen: Jede Woche wurden und werden dort andere Künstlerinnen und Künstler eingeladen, den Gottesdienst mitzugestalten. Daraus ergab und ergibt sich natürlich eine neue musikalische Vielfalt.
Aktuell findet in Frankfurt der Ökumenische Kirchentag statt. Welche Bedeutung hat er aus Ihrer Sicht – und wird es künftig vielleicht nurmehr Ökumenische Kirchentage geben?
Unterstreichen möchte ich die gelebte Ökumene an der Basis. Und wenn 2022 der Katholikentag in Stuttgart stattfindet, wird das Thema nicht nur am Rande eine Rolle spielen. Ich selbst bin als ökumenischer Gast in der Programm-Kommission und werde gerne in Diskussionsrunden und Gottesdiensten aktiv sein. Aber man muss doch zugleich festhalten: Die großen Themen wie etwa Frauenordination oder die Frage der Rolle der Nichttheologen sind noch nicht erledigt. Die evangelische Kirche steht mit offenen Häusern und Herzen für die Ökumene bereit, die Hindernisse liegen meines Erachtens nach nicht auf unserer Seite. Von daher muss es weiterhin evangelische und katholische Kirchentage geben.