Stuttgartnacht Rathaus sendet Signal für Subkultur

Von Sascha Maier 

Sozialbürgermeister Isabel Fezer legte im Rathaus auf Foto: factum/Granville
Sozialbürgermeister Isabel Fezer legte im Rathaus auf Foto: factum/Granville

Trotz nasskalten Wetters hat die Stuttgartnacht am Samstag 9000 Besucher in den Kessel gezogen. Im Rahmen der Kulturveranstaltung traten Bürgermeister als DJs auf.

Stuttgart - Kulturbegeisterte haben sich am Samstag auch nicht von nasskaltem Wetter aufhalten lassen und sind in Scharen zur Stuttgartnacht geströmt. 9000 Besucher verzeichnete die Kulturveranstaltung des Stadtmagazins „Lift“ diesmal, die sich dank eines reibungslos ablaufenden Bus-Shuttle-Services auf etwa 70 teilnehmende Einrichtungen aller Sparten verteilten.

Während die Lange Nacht der Museen vor allem Einblicke in die Hochkultur gewährt, beleuchtet die Stuttgartnacht auch die Subkultur im Kessel. Ein klares Signal haben die Stuttgarter Bürgermeister Werner Wölfle, Peter Pätzold (beide Grüne) und Isabel Fezer (FDP) gesendet: Im Rathaus versuchten sie sich an den Plattentellern und haben als DJs ihre Lieblingsmusik aufgelegt.

Bürgermeister legen auf

Wenn man Clubbetreiber in Hintergrundgesprächen über die Stadtverwaltung befragt, ist einiges nicht zitierfähig. Häufig fühlten sich die Vertreter von Subkulturen von den Offiziellen im Rathaus in den vergangenen Jahren stiefmütterlich behandelt, was zu Gründungen von Interessengemeinschaften wie dem Club Kollektiv Stuttgart führte. Dass das Früchte trägt, hat die Stuttgartnacht gezeigt: Die Bürgermeister Werner Wölfle, Peter Pätzold und Isabel Fezer haben sich am Rathaus als DJs versucht und gemeinsam mit Martin Elbert, dem Betreiber des Szene-Blogs kessel.tv, ein klares Signal an die Subkulturschaffenden der Stadt gesendet.

„Bürgermeister sind zum Anfassen“, sagte Wölfle. Der Verwaltungsbürgermeister fühlt sich am Mischpult heimisch, hat er doch bereits in den 70ern im Club Hades in seiner Heimatstadt Konstanz aufgelegt. „Damals allerdings noch mit dem Tonband“, so Wölfle weiter. Heute spielen viele DJs ihre Musik mit digitaler Technik. Er machte im Rathaus mit Songs wie „Schüttel Deinen Speck“ von Peter Fox oder „Aisha“ von Khaled Stimmung.

Pätzold spielt „Big in Japan“

Peter Pätzold spielte im Batman-Shirt Hits wie „Big in Japan“ von Alphaville oder „Like a Prayer“ von Pop-Ikone Madonna. „Meine Teilnahme am Nachtleben ist etwas übersichtlich, da ich kleine Kinder habe“, sagte Pätzold, der in seiner Jugend ebenfalls Erfahrungen als Hobby-DJ gesammelt hat.

Als Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer an den Plattentellern stand, tönten „Evil Ways“ von Santana oder „I wish“ von Stevie Wonder aus den Boxen. „Eine Großstadt ohne Nachtleben geht nicht“, sagte sie.

Auf die Idee, Bürgermeister hinter die Plattenteller zu stellen, kam übrigens Jana Braun von der Pressestelle der Stadt. Die ehemalige „Lift“-Redakteurin hat den Bürgermeistern damit sichtlich Freude bereitet.

Wer hat Angst vor Spinnen

Warum drängen sich in der Reuchlinstraße 11 im Stuttgarter Westen trotz Regens Menschen sogar außerhalb der Erotik-Boutique Frau Blum ans Schaufenster? Richtig, weil nackte Haut zu sehen ist. Es ist rappelvoll, da die Burlesque-Künstlerinnen Fanny di Favola und ChiChi Bouvet im Stundentakt die Hüllen haben fallen lassen.

„Wer hat Angst vor Spinnen?“, fragte die Stuttgarter Burlesque-Show-Veranstalterin Raunchy Rita. „Ich!“, antwortete eine ältere Dame mit zittriger Stimme. Als die Münchnerin Bouvet dann im Spinnenkostüm die Bühne betrat, war ihre Angst im Nu verflogen.

„Besonders Frauen lieben Burlesque“, erklärt die Stuttgarter Burlesque-Künstlerin di Favola. „Es geht dabei darum, Weiblichkeit mit Stil zu zelebrieren. Beim Burlesque gibt es kein Schönheitsideal. Egal, welche Figur man hat. Egal, wie alt man ist. Es geht um die Performance.“ Die Burlesque-Queen Tempest Storm gibt bis heute Shows in Las Vegas. Sie ist 87 Jahre alt.

Viele sind heute zum ersten Mal in einer Erotik-Boutique oder auf einer Burlesque-Veranstaltung. Cocktails von Jonas Hald, Barkeeper der Stuttgarter Bar Le Petit Coq, förderten die Offenheit der Besucher.

Auch eine Friedhofskapelle

„Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“ Dieses Zitat des chinesischen Philosophen Laotse war auf einem Schild am Friedhof in Heslach zu lesen.

Zusammen mit anderen Sprüchen, die sich mit dem Thema Tod beschäftigen, hing es dort an einem Baum herunter. „Die Bestattungskultur hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt“, sagt Hagen Müller vom Verein für Friedhofskultur, „besonders alternative Bestattungsformen erleben Aufwind. Es gibt Weltraumbestattungen, Diamantpressungen aus der Asche von Verstorbenen.“

Über die Möglichkeiten wollte der Verein am Samstag informieren und hat zu diesem Zweck die Jazzformation New Orleans Celebrators in die Friedhofskapelle geholt. „Das Besondere dabei ist, dass die Musik erst langsam und traurig und dieselben Stücke danach schnell und fröhlich gespielt werden“, sagt Müller. Eine Art musikalischer Leichenschmaus also. Gleichzeitig war eine farbenprächtige Trauerstätte nach mexikanischem Vorbild zum Gedenken an die Toten aufgebaut.

Ob ein Friedhof bei all den teilnehmenden Einrichtungen, die mit Musik, Tanz und Kunst aufwarten, nicht etwas aus dem Rahmen der Stuttgartnacht fällt? „Keineswegs“, sagt Müller. Die erste Stuttgartnacht habe schließlich noch Kulturnacht geheißen. „Und wir beschäftigen uns schließlich mit Friedhofskultur.“

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