Verena Lawaetz, Uta Lawaetz mit ihrem Enkelsohn und Anitanja Lawaetz (von links). Foto: Manuela Stefan

Die Karibikinsel St. Lucia lebt vom Tourismus. Derzeit bleiben die Touristen wegen der Corona-Krise aus – viele Inselbewohner haben dadurch bereits ihre Arbeit verloren. Verena Lawaetz, die in Stuttgart und St. Lucia aufgewachsen ist, betreibt dort sanften Tourismus – und will ihre Angestellten nicht im Stich lassen.

Stuttgart/St. Lucia - Sie ist für viele Menschen das Paradies, die Insel mit den weißen Stränden, tropischem Klima, grünen Landschaften und verlassenen Buchten: die Karibikinsel St. Lucia. Doch auch dieses Paradies ist nun bedroht vom Coronavirus. Denn der Tourismussektor ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Insel. Er macht etwa die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus, ist der größte Arbeitgeber und macht 65 Prozent vom Bruttosozialprodukt aus.

 

Doch das Reisen ist derzeit bekanntlich schwierig. Die Folge: „Die Touristen bleiben vorerst weg“, sagt Verena Lawaetz. Sie betreibt zusammen mit ihrer Mutter Uta und ihrer jüngeren Schwester Anitanja sanften Tourismus auf der Insel: Auf einem familieneigenen Stückchen Land, dem Balenbouche Estate, bieten sie in kleinen Hütten Unterkünfte an, zudem spielen Wellness und Yoga eine wichtige Rolle. „Wir haben sechs Festangestellte“, sagt Verena Lawaetz, „für die fühlen wir uns verantwortlich.“ Doch die Situation ist schwierig, denn die Familie hat derzeit selbst keine Einnahmen aus dem Tourismus. „Und Kurzarbeit wie in Deutschland gibt es in St. Lucia nicht“, sagt Verena Lawaetz, die teils auf St. Lucia, teils in Stuttgart aufgewachsen ist.

Als Kind kam Verena Lawaetz erstmals nach Stuttgart

Das erste Mal, als Verena Lawaetz nach Deutschland kam, war sie gerade einmal vier Jahre alt – und sie reiste alleine von der Karibik aus mit einem Flugzeug nach Stuttgart. Dort lebte das Mädchen einige Zeit bei ihren Großeltern mütterlicherseits, sie besuchte den Waldkindergarten in Zuffenhausen. „Meine Mutter wollte, dass ich Deutschland kennenlerne“, sagt Verena Lawaetz.

Denn Uta Lawaetz hat selbst in Stuttgart an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Innenarchitektur studiert und eine Schreinerlehre gemacht. Danach ging sie ins Ausland und lernte ihren Ehemann, den karibischen Künstler Roy Lawaetz, kennen. 1977 kam ihre Tochter Verena in Dänemark auf die Welt, der Lebensmittelpunkt der Familie war dann erst einmal die Karibik.

Mit dem Balenbouche Estate schaffte die Familie einen Ort des sanften Tourismus

1984 ging Uta Lawaetz erstmals nach St. Lucia, einem Inselstaat im Bereich der Westindischen Inseln in der Karibik. Die Eltern ihres Mannes, die auf St. Croix, einer der amerikanischen Jungferninseln, lebten, besaßen dort Land. Nach der Unabhängigkeit von St. Lucia von England 1979 und während der darauffolgenden Spannungen wollte die Regierung die Familie enteignen. Uta blieb, um das Land zu retten. Aus Wochen wurden Monate und Jahre. Zusammen mit ihrem Mann gelang es ihr, zumindest einen Teil des Landes für die Familie zu erhalten. Sie begannen, das Balenbouche Plantagenhaus zu renovieren und pflanzten Sternfrucht, Maracuja, Seerosen und Tabak.

Roy und Uta Lawaetz trennten sich 1991. Uta Lawaetz blieb mit den zwei Töchtern in Balenbouche. „Das war eine sehr mutige Entscheidung von meiner Mutter“, sagt Verena Lawaetz. Es gelang Uta Lawaetz, eine Kombination aus Landwirtschaft und sanftem Tourismus zu etablieren. Als Architektin entwarf sie die Bungalows selbst, die fortan an Touristen vermietet wurden. Verena Lawaetz wandelte nach ihrer Zeit im Waldkindergarten in Zuffenhausen zwischen den Welten: Sie verbrachte fortan und bis zur 9. Klasse immer drei Monate im Jahr in Deutschland (erst an der Grundschule in Zuffenhausen, dann am Ferdinand-Porsche- Gymnasium) – und flog dann, mit Schulbüchern bepackt, wieder nach St. Lucia. „Ich wurde zu Hause unterrichtet“, sagt sie. Dann besuchte sie ein Internat in Stuttgart und machte das internationale Baccalauréat. In Washington D.C. (USA) studierte sie Entwicklungshilfe und Wirtschaft.

Verantwortung für den Ort und die Menschen

Danach kehrte sie nach St. Lucia zurück. Zusammen mit ihrer Mutter und Schwester kümmert sie sich um Balenbouche: „Mein Aufgabenbereich ist sehr vielseitig, neben dem Management und Marketing arbeite ich auch als Köchin, Zimmermädchen, Gärtnerin, Bäurin, Hausmeisterin, Tourguide, Gäste- und Kinderbetreuerin“, sagt Verena Lawaetz. Ihre Mutter stehe mit 74 Jahren noch oft auf der Leiter und repariere irgendwas. „Sie kümmert sich neben vielem anderen um Reparaturen, um die Ästhetik und den Garten, sie ist sehr leidenschaftlich“, sagt Verena Lawaetz, die Balenbouche als einen besonderen, einen spirituellen Ort bezeichnet.

Doch für einen solchen Ort trägt man denn eben auch Verantwortung – ebenso wie für die Menschen, die helfen, ihn zu bewahren. Die Familie beschäftigt drei Angestellte im Haus und drei im Garten, fast alle arbeiten schon seit vielen Jahren auf Balenbouche. Doch derzeit lebt auch die Familie vor allem von kleinen Ersparnissen. „Ich musste drei der Festangestellten nun leider vorübergehend entlassen, sie bekommen für zwei Monate Arbeitslosengeld“, sagt Verena Lawaetz. Doch die generell hohe Zahl der Arbeitslosen ist in der Krise nochmals gestiegen. „Die Insel ist pleite“, sagt Verena Lawaetz. Wenn das Arbeitslosengeld ausläuft, möchte die Familie in der Lage sein, die drei Mitarbeiter wieder anzustellen. Nun heißt es einmal mehr für die Familie, für ihren Traum zu kämpfen – was in diesem Fall konkret heißt, Geld aufzutreiben. Auf Verena Lawaetz kommt nun noch eine Aufgabe mehr zu: Sie wird zur Krisenmanagerin.