Ein Leben lang hat Magdalena gearbeitet – als Putzfrau, Küchenhilfe, in der Pflege. Als ihre Kräfte versagen, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Sie muss wieder ganz neu anfangen. Wie sie den Kampf gegen die Altersarmut führt.
Das Wissen hat sich Magdalena teuer erkauft. Hätte sie all die Hilfsangebote, von denen sie heute weiß, damals schon gekannt, „dann hätte ich meine Wohnung nicht verloren“, sagt sie nachdenklich. Vielleicht kann sie ja helfen, dass andere eine Schlaufe weniger in ihrem Leben drehen müssen, indem sie ihre Geschichte erzählt. Für eine Frau, die es Jahrzehnte nicht erlebt hat, im Rampenlicht zu stehen, geschweige denn, dass jemand fragt, was ihr guttut, ist das ein mutiger Schritt.
50 Frauen leben in der Caritas Frauenpension
Also: Ortstermin in der Frauenpension der Caritas in Stuttgart-Bad Cannstatt. Zwei Standorte gibt es. Im Oktober feiert die Einrichtung ihren 30. Geburtstag. 50 Frauen leben hier, die Gewalterfahren gemacht haben und zum Teil Drogen und Alkohol konsumiert haben. Bei Magdalena waren es Krankheiten. Sie hat schon einen Teil des Wegs zurück in ein selbstständiges Leben hinter sich. 61 Jahre ist sie jetzt alt. Sie wartet gerade auf einen Termin, um endlich das Verfahren zu ihrer Privatinsolvenz einleiten zu können. Und natürlich hat sie auch einen Nachnamen. Aber weil sie auf ihre Kinder Rücksicht nehmen will, heißt sie auf ihren eigenen Wunsch hier nur Magdalena. Sie ist ein bisschen aufgeregt.
Früher, sagt sie, hätte sie das nicht gekonnt, hätte niemanden beim Reden in die Augen schauen können. Jetzt sitzt sie da, helle Hose und elegante Bluse Ton in Ton, auch Kette und Armband passen zusammen. Sie sucht den Blickkontakt – und hält ihn auch. Sie hat wieder Pläne für die Zukunft. Um für die zu kämpfen, muss man hinstehen können. Das will sie. Der vierte Neuanfang soll gelingen.
Und der lässt sich offenbar gut an. Ein bisschen minimalistisch lebe sie. Das klingt abgeklärt und selbstironisch, als schaue sie selbst staunend auf das, was ihr gelungen ist. In Lifestyle-Magazinen würden man dem das Etikett „Simplify your life“ anhängen. „Ich brauche nicht viel“, sagt Magdalena. Ihr Zuhause ist seit Januar ein Zimmer im obersten Stock der Frauenpension. Es ist klein, hat eine Miniküchenzeile. Auf einem Schränkchen steht eine Mikrowelle. Bett, Tisch, Regale, Schrank. Duschen und Toiletten auf dem Stockwerk. Alles, was hier nicht reinpasst und aus dem alten Leben bleiben soll, hat sie eingelagert. Auch die Fotoalben. „Das sind Erinnerungsstücke“, viel hat sie dennoch ausgemistet. Wenn man die Vergangenheit hinter sich lassen will, muss man sich auch von Dinge trennen, so ihr Ansatz. Einen Ersatz für das Aquarium, das sie einmal hatte, hat sie sich selbst gebastelt. Soviel Erinnerung darf sein. Kunstvoll gebastelte Papierfische kleben auf einer tiefblauen Tonpapierlandschaft über ihrem Bett.
Alleinerziehend nach dem Tod des Mannes
Magdalena hat ihr Leben lang eigentlich immer nur gearbeitet. Vor 19 Jahren ist ihr Mann gestorben. Da stand sie mit drei Kindern da, die sie alleine durchbringen musste. Mit Jobs, die eben nicht oben in der Gehaltsskala angesiedelt waren. Denn einen Beruf hat sie nach der Schule nicht gelernt. „Mädchen heiraten ja doch“, hatte ihr Vater in ihrer tschechischen Heimat gesagt.
Und so folgte sie ihrem Mann, der halb deutsch, halb tschechisch war, 1983 aus der Gegend um Karlsbad nach Stuttgart, wo er Familie hatte. Das war Neuanfang Nummer eins – „mit zwei Koffern und zwei Kindern fing ich an. Ich hatte nichts“. Sie arbeitet als Putzfrau. Das geht immer. Die Zeitarbeitsfirma geht irgendwann pleite, der Chef setzt sich ab – inklusive der Löhne.
Spezialisiert auf Demenz- und Parkinsonkranke
Neuanfang Nummer zwei: Magdalena heuert in einer Großküche an. Die erste Woche testet ihr Chef sie. Sie schält die heißen Kartoffeln für schwäbischen Kartoffelsalat. Sie überzeugt, Kochen ist ihre Leidenschaft, steigt auf bis zur Beiköchin für den Küchenchef. Dann geht der in den Ruhestand, die Firma wird verkauft. Es passt nicht mehr zwischen Magdalena und den Nachfolgern.
Als Haushaltshilfe nimmt sie einen Ein-Euro-Job an. Weil sie gut ist, wird sie gefragt, ob sie im Altenheim arbeiten will. Magdalena erfindet sich zum dritten Mal neu, hilft im Pflegeheim als Alltagtagsassistentin, macht Fortbildungen. Sie spezialisiert sich auf Demenz- und Parkinsonkranke, strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie davon erzählt, wie glücklich Menschen plötzlich schauen, die nichts mehr sagen, aber sehr wohl schmecken können, wenn sie ihnen ein Stück Schokolade gegeben hat. „Die Kleinigkeiten machen es schön“, sagt sie. Magdalena spürt, was Menschen gut tut. Sie backt mit den Männern im Pflegeheim Brot, erzählt ihnen dabei Geschichten. Magdalena geht auf in diesem Job.
Doch die Arbeit ist aber auch körperlich anstrengend. Obwohl sie es nicht soll und muss, hilft Magdalena den alten Menschen, wenn sie Hilfe brauchen und die eigenen Kräfte nicht ausreichen. Immer ist da zu wenig Personal. 20 Jahre lang geht das gut. Dann gerät Magdalena selbst an ihre Grenzen. Der Rücken, die Nieren, das Herz, dazu gesellen sich Depressionen.
Magdalenas Leben gerät in eine Abwärtsspirale. Aus Angst vor der Entlassung versucht sie, trotz Schmerzen durchzuhalten. Aber irgendwann macht ihr Körper nicht mehr mit. Sie ist hoffnungslos überfordert. Zu viel kommt zusammen. Sie wird wegen Eigenbedarfs gekündigt. Als in der neuen Wohnung, in die sie dann zieht, der Schimmel durchkommt, mindert sie eigenmächtig die Miete, wird gekündigt, bekommt die Räumungsklage – und steht mit ihrem Sohn vor dem nichts: Gesundheit weg, Job weg, Wohnung weg.
Vom Schatten ins Licht
„Ich musste erst wieder zu mir kommen“, sagt sie. Hilfe bekommt sie über die Frauenberatung und zunächst im Neefhaus, einer anderen Einrichtung der Caritas, und jetzt in der Frauenpension. Sie zieht mit ein bisschen Bekleidung, „ein paar Töpfen, Tellern und Besteck“ ein. Letzteres ist ihr wichtig. Am Anfang ist alles aufregend, dann vermittelt ihr das Haus und sein Angebot Sicherheit – etwa im Austausch mit den Behörden. „Das Telefonieren mit ihnen muss ich noch lernen“, sagt Magdalena.
Wenn sie aufgeregt ist, wird ihr Deutsch mit dem tschechischen Akzent ein bisschen holprig. Das wird sie noch meistern. Fast beiläufig sagt sie: „Ich entdecke mich ganz neu. Ich komme raus aus dem Schatten. Früher war ich eine graue Maus. Jetzt trete ich ins Licht.“ Was für ein Satz. Was für eine Leistung. Zu 60 Prozent sei sie schon wieder bereit für ein Leben außerhalb dieser schützenden Mauern und der Hilfe der Sozialarbeiterinnen.
Der vierte Neuanfang hat begonnen. Magdalena kocht für die Mitbewohnerinnen, die das freiwillige Angebot des gemeinsamen Mittagessens annehmen. Stillsitzen ist nicht Ihr Ding. Aber ihr Körper ist zu krank, um in einem Acht-Stunden-Job zu bestehen. „Aber ich kann mich auch anders engagieren“, sagt die Frau, der die Kontrolle über ihr Leben vor fünf Jahren entglitten ist und die damals nicht mehr weiter wusste.
In welcher Armut Menschen in Deutschland leben, habe sie immer interessiert. Damit, dass sie es am eigenen Leib erleben würde, hat sie natürlich nie gerechnet. Aber nun verwandelt sie die Vorlage, die ihr das Leben ihr beschert. Jetzt will sie die Kraft, die sie selbst zurückgewonnen hat, für andere verwenden. „Jetzt habe ich mehr Selbstbewusstsein“, sagt sie.
Als Sprecherin in Berlin
Mit ihrer Sozialarbeiterin war sie bei einer Zukunftswerkstatt in Würzburg eingeladen. Mit anderen hat sie dort Ideen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit und Altersarmut entwickelt. Sie selbst ist eine von 1505 Frauen, die in Stuttgart als „untergebrachte Wohnungslose ohne eigene Wohnung“ geführt werden. Insgesamt sind es 3700 Menschen. „Ich habe dort geredet und habe mich dabei gefühlt wie der Fisch im Wasser. Ich war in meinem Element“. In Würzburg zeigt sie, was sie kann und dass wer durch alle Maschen im Leben fällt, dennoch Kompetenzen hat oder entwickeln kann. „Viel zu viele alte Menschen leben in Armut, sind einsam, sammeln Flaschen, obwohl sie das ganze Leben gearbeitet haben“, sagt sie. Und schämten sich dafür. So wie sie es auch getan hat.
Doch für sie ist die Zeit der Scham nun vorbei. Da ist es auch kein Wunder, dass man aus den vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Zukunftswerkstatt sie ausgewählt hat, als deren Sprecherin zu agieren. Mitte Oktober wird sie ganz alleine zu einem parlamentarischen Frühstück nach Berlin reisen und die Ergebnisse vorstellen. Die Frau aus dem kleinen Zimmer in der Frauenpension. Ihr Lebensakku ist wieder aufgeladen. Der nächste Schritt: Wohnungssuche für sich und ihren Sohn.