Der denkmalgeschützte Eingangspavillon der Wilhelma wird noch bis Herbst 2024 für rund 1,8 Millionen Euro restauriert. Nicht nur die historischen Wandmalereien sollen dann in neuem Glanz erstrahlen. Eine große Herausforderung für die Denkmalpfleger.
Seit September 2021 ist das Kulturdenkmal eingerüstet: Der Pavillon stammt aus dem Jahr 1843 und war einst Teil des ehemaligen Lustschlosses La Wilhelma, das Karl Ludwig von Zahnt für König Wilhelm I. von Württemberg erbaut hat. Es war ein Aussichtspavillon für den Monarchen, stand erhöht auf einem Sockel und war nicht begehbar für die Bevölkerung.
Welches Juwel mit vielen original Malereien, Farben und Konstruktionen im Stuttgarter Zoo Wilhelma zu finden ist, zeigt ein Besuch auf der Baustelle mit Eckhard Gromen von der Hochbau-Abteilung von Vermögen und Bau, Architektin Jana Kronawitt von den Strebewerk-Architekten und Hans-Georg Keitel vom Landesamt für Denkmalpflege. Sie sind stellvertretend für das Team aus Restauratoren und Fachplanern, die koordinieren und mit den Denkmalbehörden zusammenarbeiten.
Team von denkmalerfahrenen Handwerkern und Restauratoren
Apropos Denkmal: Das Gebäude stellt einige Herausforderungen an die Sanierung. Etwa der Umgang und die Erhaltung der bauzeitlichen Originalbauteile und -materialien sowie der Umgang mit den neueren Materialien aus vergangenen Sanierungen. Ein Team von denkmalerfahrenen Handwerken und Restauratoren ist hier am Werk. Geht man durch den Haupteingang, fällt gleich die achteckige Form auf. Der Pavillon besteht aus einem oktogonalen, massiven Kernbau und einem umlaufenden gusseisernen Gang.
Erstmals gusseiserner Gang um den Pavillon demontiert
Ausgangspunkt der Restaurierung war der Zustand der gusseisernen Bauteile und deren schwindende Standsicherheit. Doch die Prüfung durch die Materialprüfungsanstalt (MPA) brachte ein positives Ergebnis und neue Erkenntnisse: Der gusseiserne Gang um den Pavillon wurde in seiner Erbauungszeit in Einzelteilen gegossen, auf die Baustelle transportiert und dort wie ein „Baukasten“ zusammengefügt. Erstmals seit seiner Errichtung wurde der Gang nun demontiert, seine Bauteile samt Anschlussstellen und Knotenpunkten wurden überprüft. Dabei wurde anhand von Originalproben die Materialeigenschaften festgestellt und das Tragverhalten statisch neu berechnet. Das Team freut sich, dass die Standfestigkeit des Wandelgangs nachgewiesen werden konnte und damit auch heutigen Anforderungen genügt..
Klassizistische Gemälde mit Motiven eines Lustgartens
Der Blick in den Pavillon zeigt: Hier gibt es viel Kunst, darunter klassizistische Gemälde, die in hoher Qualität erhalten sind und in ihrer Fülle und Farbigkeit beeindrucken. Dargestellt sind auf diesen Wandmalereien Motive eines Lustgartens: Blumengirlanden, Ranken, exotische Vögel, aber auch Masken und Gesichter, geflügelte Wesen mit Instrumenten, so genannte Putten, sowie Lilien und Palmblätter. Auch Gold- und Silberfarben wurden verarbeitet.
Die Entwürfe stammen vermutlich vom Baumeister von Zanth, ausgeführt wurden sie von den Kunstmalern Gottlob Lettemaier mit seinen Schülern Sautter, Weigle, Haverkamp und Pilgram. Besonders spannend: Die Zoologen ermitteln gerade, welche Vogelarten hier dargestellt sind.
Fast alle Oberflächen des Pavillons, der Wandelgang, sowie die Außen- und Innenwände des Kernbaus, sind farbig gefasst. Die Untersuchungen brachten ans Tageslicht, dass sich unter den jüngsten Farbschichten teilweise ältere Farbfassungen verbargen. Jana Kronawitt zeigt die Ergebnisse auf dem Tablet. Die Farbschichten wurden untersucht, freigelegt und konserviert. Auch diese werden restauriert. Es wurden naturwissenschaftliche Untersuchungen zum Wandaufbau und der Malerei gemacht, zudem zu den Überarbeitungen seit der Wiederfreilegung der Originale in den 1970er Jahren.
Auch Wandmalereien im Außenbereich des Pavillons
Im Außenbereich wurden die Wandmalereien bereits aufwendig gereinigt und konserviert, die Restaurierung steht noch an. Besucher dürfen sich freuen: Originale bauzeitliche Wandmalereien werden – sofern sie sich erhalten haben – restauriert und dann wieder sichtbar sein. Dies betrifft vor allem die Außen- und Innenwände des Kernbaus. Insbesondere im Innenraum, der nach der Restaurierung für eine begrenzte Besucherzahl geöffnet sein wird.
Der Pavillon hat glücklicherweise den Zweiten Weltkrieg ohne nennenswerte Schäden überstanden. Da sehr viel dazu überliefert ist, sind die Restaurierungsmaßnahmen aufwendig. Lediglich die Glasfenster sind verloren gegangen. Deshalb werden neue Fenster eingesetzt, darunter auch zwei ehemals bodentiefe Fenster im Erdgeschoss.
Decke und Fußboden werden im Innenraum erneuert. Unter der Kuppel hing möglicherweise ein Kronleuchter. Das kann man sich gut vorstellen, wenn man oben auf dem Gerüst am Dach des Pavillons steht und die filigran künstlerisch gestaltete gusseiserne Zierspitze sieht. Auch an den oberen Bereichen der Fensterreihe unter dem Dach gibt es Überraschendes: Blüten in Gusseisen sind auf Stein montiert.
Mit detektivischem Spürsinn historische Farbreste ermittelt
Bedauerlicherweise ist die bauzeitliche Farbgebung auf den gusseisernen Bauteilen fast vollständig entfernt worden: Es bedurfte eines detektivischen Spürsinns nach Farbresten und eines hohen restauratorischen und analytischen Aufwands, um eine stimmige, sich an der Erbauungszeit orientierende Farbwahl für das Gusseisen zu treffen, berichten die Experten.
Zuletzt wurde der Pavillon 1974 in größerem Stil saniert. Damals wurden Kassen eingebaut mit neuer Verglasung samt Durchreiche für den Kassenbetrieb. Zudem wurde eine Heizung installiert. Die Technik innen wurde für die Arbeitsplätze sowie für die Besucherinformation laufend ergänzt und erneuert: So gab es beispielsweise neue Kassensysteme, eine Klimatisierung und Bildschirme für Besucherinformationen.
Die Wandmalereien im Außenbereich wurden immer wieder restauratorisch überarbeitet. Größere Sanierungsmaßnahmen wurden jedoch nicht umgesetzt. Bisher diente der Pavillon als Kassenhaus für den Verkauf von Eintrittskarten, künftig wird er als Servicezentrum für Besucher geöffnet. Während der Öffnungszeiten werden Mitarbeiter der Wilhelma dort Ansprechpartner für unterschiedliche Servicethemen sein.
Die aktuellen Sanierungsarbeiten
Aktuell wird
die Gusseisenkonstruktion samt Verbindungen der Konstruktionsteile instandgesetzt und neu beschichtet. Die Wandmalereien im Innen- und Außenbereich werden gereinigt, konserviert und restauriert. Die Fensterscheiben in den Gussrahmen werden neu eingekittet. Der Naturstein wurde gereinigt, konserviert und restauriert. Die Kassen sind abgebaut. Es entsteht ein Informations- und Servicezentrum für Besucher.
Die Strebewerk-Architekten
betreuen federführend die Restaurierung. Sie kümmern sich um die sensible Instandsetzung der denkmalgeschützten Bausubstanz mit deren größtmöglichem Erhalt, nur mit notwendigen Eingriffen und Anpassungen, um das Kulturdenkmal mit besonderer Bedeutung auch für die kommenden Generationen erlebbar zu erhalten.
Noch anstehende Arbeiten
sind der Wiederaufbau der Gusseisenkonstruktion und Einrichtung des Vordaches, die Instandsetzung der Wandmalereien innen, die Überarbeitung des Natursteinbelags im Außenbereich und Innenraum im Gesamten.
Das Projekt kostet
rund 1,8 Millionen Euro. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien fördert rund 900 000 Euro der Sanierungskosten. Abschluss der Sanierungsarbeiten für die neue Nutzung als Servicepavillon soll voraussichtlich Herbst 2024 sein.