Erst seit sechs Jahren als Straßenbahn- und Zacke-Fahrer aktiv: Holger Kiggen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Mal gleitet er federleicht durch die Lüfte, mal bändigt er auf der Erde tonnenschwere Gewichte: Holger Kiggen ist Zacke-Fahrer, außerdem Fluglehrer für Ultraleichtflugzeuge. Und dann testet der Mann aus Zuffenhausen auch noch Motorradreifen und fährt leidenschaftlich mit dem Rad durch Stuttgart.

Stuttgart - Natürlich hätte man sich auch auf dem Flugplatz bei Pattonville im Kreis Ludwigsburg treffen können. Doch der Marienplatz im Stuttgarter Süden passt noch besser, startet hier doch jenes Fortbewegungsmittel, das Holger Kiggen regelmäßig von der Leine lässt. Der 47-Jährige ist einer von circa 30 Fahrern der Zahnradbahn, im Volksmund Zacke genannt. Zum gemütlichen Plausch vor Ort kommt er allerdings nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern mit dem Drahtesel. Sein Auto, mit dem er und seine Familie zuletzt ohnehin noch allenfalls 5000 Kilometer im Jahr unterwegs waren, hat er vor einiger Zeit abgeschafft. „Ich mache fast alles mit dem Fahrrad, wenn es das Wetter denn erlaubt.“

Kiggen, der an diesem Vormittag keinen Dienst hat, plaudert über die Geheimnisse auf dieser steilen Strecke: „Jeder von uns Fahrern hat den Ehrgeiz, bergauf so komfortabel wie möglich anzuhalten, dass es nicht ruckelt. Dafür muss man die Bahn oben ausrollen lassen und am toten Punkt schnell die Bremse zuziehen – der ideale Stopp ist, wenn die 33 Tonen so wenig wie möglich schaukeln und die Gäste gar nicht merken, dass der sich da vorne so viel Mühe gibt.“

Die Zahnradbahn gehört zu den Attraktionen der Landeshauptstadt, viele Touristen pilgern, durch Tipps in Reiseführern motiviert, zum Marienplatz. Von ihrer Art gibt es nur noch drei weitere in Deutschland: die Drachenfels-, die Zugspitz-, und die Wendelsteinbahn. Die Zacke ist jedoch die einzige, die im alltäglichen Routinebetrieb einer Großstadt fährt, und das zum üblichen VVS-Tarif. Auch Kiggen nimmt Verwandte bei Besuchen regelmäßig zur Endstation mit – ein Pflichttermin wie demnächst auch wieder der Fernsehturm, sagt er.

Im aktuellen Beruf ein Spätzünder

Viele Männer, heißt es oft, wollen als Kind nur eines werden: Lokomotivführer. Oder wenigstens Straßenbahnkapitän? Bei Kiggen trifft nichts von beidem zu. Vielmehr ist er sogar ein absoluter Spätzünder, was seinen Beruf angeht. Erst vor sechs Jahren heuerte er bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) an. 20 Jahre davor war der medizinisch-technische Assistent (MTA) beispielsweise an der Schillerhöhe in Gerlingen und später in einer leitenden Funktion bei einem Kosmetikhersteller tätig. Doch der Stress und die permanente Verantwortung, die ihn bis in die Wochenenden beschäftigten, entsprachen nicht seinen Vorstellungen.

2010 entschloss er sich, auf Anregung eines entspannten SSB-Mitarbeiters aus der Nachbarschaft, zum Neuanfang und erwarb die Fahrberechtigung. Drei Jahre später absolvierte er eine Zusatzausbildung und fährt seit 2013 je zur Hälfte Straßenbahn – vor allem auf den sogenannten Heslacher Routen – und Zacke. „Mein Beruf macht mir sehr viel Spaß“, sagt der verheiratete Vater von vier Söhnen (im Alter zwischen vier und 15 Jahren, dazu hat Kiggen noch vier Brüder), „den Wechsel habe ich bis heute nicht bereut.“

Schwerstgewicht auf dem Boden – und Leichtgewicht in der Luft: Seit 1989 fliegt Kiggen, entschied sich seinerzeit für Ultraleichtflugzeuge, also Zweisitzer mit einem Gesamtgewicht von maximal 470 Kilogramm. Weil er sich’s eher leisten konnte, aber auch, so seine erstaunliche Begründung: „Weil ich beim Fliegen einen Fallschirm haben will; das Sicherheitsdenken ist bei mir sehr ausgeprägt.“ In normalen Flugzeugen ohne Fallschirme fühle er sich überhaupt nicht wohl, gesteht er. 1991 schob er den Fluglehrer nach.

Heimatverein ist der LSV Hohenasperg

Sein Heimatverein ist der Luftsportverein Hohenasperg, der von Pattonville startet. Dort bildet Kiggen zum einen Flugschüler aus (die Stunde kostet 55 Euro) und begleitet zum anderen Piloten während ihrer regelmäßig alle zwei Jahre anstehenden Leistungsüberprüfung. Zu seinen Klienten gehören Chauffeure ebenso wie Vorstandschefs großer Konzerne. Mit denen geht es dann von Pattonville aus vorwiegend in nördlicher Richtung (um dem Echterdinger Airport nicht in die Quere zu kommen) mit dem 100-PS-Motor bis auf 3000 Meter Höhe bei einer Reisefluggeschwindigkeit zwischen 180 und 210 km/h. Da er die meiste Zeit in der Luft, also als Fluglehrer verbringt, ist dieses ­für ihn selbst gar nicht so teuer, ja fast kostenneutral. Dazu kommt, dass die 35 Aktiven in der Fachgruppe Ultraleichtflug des LSV Hohenasperg zwei Flugzeuge zur Verfügung ­haben – „da kommt keiner zu kurz“ – und mit diesen auch Urlaubsreisen etwa an die Nordsee oder nach Südfrankreich unternehmen können.

Genug der besonderen Fortbewegungsmöglichkeiten? Nicht bei Kiggen: Denn auf zwei Rädern ist er nicht nur mit Beinmuskelenergie, sondern auch mit Motorkraft unterwegs. Zweimal hat er vertretungsweise für die Motorpresse an zehntägigen Ausfahrten etwa nach Frankreich teilgenommen, um die Reifen zu testen und auf Verschleiß runterzufahren – und musste sich oft ganz schön in die Kurvenlegen, was für die anderen „Motorradcracks“ etwas einfacher war, wie er einräumt. Diese kitzligen Momente gehören indes der Vergangenheit an. Mittlerweile fahre er nur noch selten Motorrad.

Und welches Reiseziel kommt eines Tages noch infrage? Na klar: „Die Cable Cars in San Francisco würden mich schon mal interessieren.“ Doch an diesem sonnigen, aber kalten Mittag in Stuttgart hat er erst mal einen anderen Ausflug vor: Kiggen schnappt sich sein Fahrrad, lässt sich vom Kollegen in der Zacke hochkutschieren. Dort will er die Downhill-Strecke hinunterfahren. Der Bewegungsfan will offenbar immer etwas Neues ausprobieren, wenn’s sich anbietet. Aber alles in Maßen: „Ich geh’ da kein Risiko ein und bretter’ runter“, beruhigt der Familienvater, „ich bin eher so der Pendelradler.“

Hintergrund

1884 wurde die Stuttgarter Zahnradbahn, im Volksmund Zacke oder auch Zacketse genannt, nach sensationeller Bauzeit von lediglich vier Monaten in Betrieb genommen. Sie verbindet den Marienplatz (auf 266 Meter) und den Stadtbezirk Degerloch (470 Meter). Noch heute ist die „Bahn zur schönen Aussicht“ mit ihrem herrlichen Blick auf den Talkessel die meistgenutzte und einzige im städtischen Linienverkehr eingesetzte Zahnradbahn Deutschlands.

2,2 Kilometer lang ist die Zahnradbahn und überwindet mit einem Tempo von maximal 30 Stundenkilometern bei einer Steigung von bis zu 17,8 Prozent knapp 205 Höhenmeter.

Fahrräder werden nur bergauf mitgenommen. Diese können am Marienplatz auf den sogenannten Vorstellwagen geladen werden. Die Zacke ist nicht für Rollstühle geeignet, heißt es bei der Stuttgarter ­Straßenbahnen AG. Für die Strecke bis zur Haltestelle Haigst ist der Tarif für eine Zone zu bezahlen, die gesamte Strecke umfasst zwei Zonen. In der Regel besteht ein 15-Minuten-Takt, die Fahrt dauert zehn Minuten. Ab 21 Uhr gibt es einen Schienenersatzverkehr.