Unter anderem im Welcome Center werden Geflüchtete in Stuttgart beraten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Liga der Wohlfahrtspflege warnt vor den Folgen der geplanten Einsparungen im Bundeshaushalt für 2024. Dadurch würden bewährte Strukturen des Hilfesystems zerstört. Auch Stuttgarts Sozialbürgermeisterin findet deutliche Worte.

Die Träger der freien Wohlfahrtspflege in Stuttgart warnen vor massiven Einsparungen bei der Migrationsberatung. Bei einem Treffen anlässlich eines bundesweiten Aktionstags erklärten die Träger, die im Haushaltsentwurf der Bundesregierung vorgesehene Kürzung um 30 Prozent würden „dramatische Folgen haben nicht nur für die Zugewanderten und für die Träger, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland“.

Geflüchtete und andere Migranten fänden sich im hiesigen „Bürokratiedschungel“ nur schwer zurecht. Deshalb sei es wichtig, dass Angebote wie die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE), die Beratungsstellen der Jugendmigrationsdienste (JMD) und die Bildungsberatung diesen „von Anfang an zur Seite stehen“, schreiben die Mitglieder der Liga. Die Einrichtungen helfen den Migranten bei der Suche nach Deutschkursen, Kinderbetreuung, bei der Anerkennung von Abschlüssen, der Wohnungssuche und bei allen Alltagsfragen.

Der Beratungsbedarf sei massiv gestiegen

„Nicht nur die Zugewanderten selbst, sondern auch Behörden, Arbeitgeber sowie gesellschaftliche Institutionen profitieren von dieser Beratung“, heißt es in der Erklärung. Es sei deshalb „unverständlich, warum hier der Rotstift angesetzt wird“, warnt Sabrine Gasmi-Thangaraja, Leiterin des Bereichs Migration und Integration beim Caritasverband. „Diese bewährten Strukturen zu zerstören wäre fatal“, betont Gasmi-Thangaraja, die auch Sprecherin des Fachausschusses Migration der Liga Stuttgart ist.

Die Integration brauche eine langfristige Perspektive, verlässliche Strukturen und Kompetenzen, appelliert die Liga an die Bundespolitik. Deshalb müsse die bisherige Förderung mindestens gesichert oder sogar noch erhöht werden, „um den massiv gestiegenen Beratungsbedarf zu decken“. Zur Liga gehören in Stuttgart unter anderen die Evangelische und die Katholische Kirche, die jüdische Gemeinde, die Arbeiterwohlfahrt, das DRK, die Diakonie und die Caritas.

Ähnlich äußerte sich auch Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne). Die Unterbringung von geflüchteten Menschen sei nur der erste Schritt. „Das Wichtigste ist allerdings die Integration“, so Sußmann, „und da leisten die Mitarbeitenden in der Migrationsberatung wichtige Arbeit“. Die beschlossenen Kürzungen seine für sie „unverständlich“. Der Wohlfahrtsbereich sei „essenziell für die Integration von Geflüchteten“.

In Stuttgart sind in den verschiedenen Beratungsstellen insgesamt 35 Personen beschäftigt (MBE 17, JMD 14, Bildungsberatung 4). Diese Kräfte sind in der Beratung im Stuttgarter Welcome Center vertreten, weitere Beratungsstellen unterhalten die Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt (AGDW), die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Caritas, die Evangelische Gesellschaft (Eva), die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden-Württemberg (IRGW), der Verein für internationale Jugendarbeit (VIJ) und der Katholische Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Diözese Rottenburg-Stuttgart (IN VIA).

Zuwachs von 20 Prozent

Die Gesamtzahl aller Beratungen liegt derzeit nicht vor. Als Beispiel für die Entwicklung aber kann die Caritas dienen. Diese hat im MBE-Bereich in diesem Jahr bis Ende Juni bereits 364 Personen beraten. Im gesamten Jahr 2021 waren es 369 Personen, 2022 dann schon 431. Tendenz weiter steigend. Alle Träger verzeichneten einen Beratungsanstieg von etwa 20 Prozent, erklärt Sabrine Gasmi-Thangaraja. So habe man in der ersten Jahreshälfte in der Bildungsberatung schon 700 Beratungen gemacht, im Gesamtjahr 2022 waren es insgesamt 800. In der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) hätten alle Träger im ersten Halbjahr „bereits so viele Beratungen verzeichnet wie im gesamten Jahr 2022“, so Gasmi-Thangaraja. In den Beratungsstellen der Jugendmigrationsdienste (JMD) sei die Entwicklung noch ausgeprägter. Hier wurden bis Ende Mai bereits rund 1100 junge Menschen beraten, im Vorjahr lag die Zahl im selben Zeitraum bei 967.