Heidi Rehse tanzt mit den Kindern im Don-Bosco-Heim in Lungi Foto: Heidi Rehse

Ebola? War da was? So wenig hört man aus Afrika, dass man glauben könnte, die Seuche sei besiegt. Doch noch immer sterben Menschen – und vor allem die Kinder leiden. Ihre Eltern sind tot, und niemand will sie aufnehmen. Die Stuttgarterin Heidi Rehse kümmert sich in Sierra Leone um Ebola-Waisen.

Stuttgart - Was Ibrahim erlebt hat, kann man sich kaum vorstellen. Der vier Jahre alte Knirps verlor seine Familie durch Ebola. Er selbst kam in Quarantäne – und wurde vergessen. Zwei Monate lang lebte er zwischen Leichen, auf sich allein gestellt. Als man ihn fand, mehr tot als lebendig und nahezu blind, kam er ins Don-Bosco-Zentrum in die 8000-Seelen-Stadt Lungi in Sierra Leone. Dort hat Heide Rehse ihn kennengelernt, einen verstörten Jungen, der sich an ein kleines Radio klammerte, seine Verbindung zur Welt.

In einem Café im Stuttgarter Westen erzählt die 47 Jahre alte Tanz- und Traumtherapeutin diese Geschichte. Zwischen zwei Reisen nach Sierra Leone. Ende Februar war sie zurückgekehrt, momentan ist sie wieder dort, um den Kindern zu helfen, die in dem Zentrum in Lungi leben. 180 Kinder zwischen vier und 19 Jahren gehen dort zur Schule, 45 leben auch dort. Ihre Eltern sind tot. Oder sie wurden verstoßen. Weil sie sich angesteckt hatten. Zwar sind sie genesen, doch ihre Familien wollen sie aus Furcht nicht mehr aufnehmen.

„Die Kinder sind schwer traumatisiert“, sagt die dreifache Mutter Heidi Rehse, „und ich versuche, sie über das Tanzen zu erreichen, dass sie ihre Gefühle ausdrücken können, dass sie sich selbst wieder spüren und fühlen.“ Und ihre Sprache wiederfinden. Und eine Perspektive. So wie es Heide Rehse mit ihrem Förderverein Salamaleque schon in den Armenvierteln in Rio de Janeiro, in Ghana, Indien, Kenia und Liberia macht.

1987 ging sie als Studentin nach Brasilien, für einen Austausch. Sie blieb 15 Jahre dort und fand ihre Berufung. In einer Favela sprach ein Mädchen sie an, ob sie Ballettunterricht geben könne? Sie konnte, daraus entwickelte sich das Tanzprojekt Salama­leque, inspiriert von moleque, dem Lausbub. Die Kinder tanzten über ihr Leben, über die Gewalt der Drogengangs und Polizisten, über ihren Alltag. Sie traten außerhalb der Favela auf, trugen ihre Geschichten hinaus. In Indien tanzte sie mit Slumkindern, in Ghana mit Straßenkindern, in Liberia mit Kindersoldaten. Nun also Sierra Leone.

Aber hat sie keine Angst vor Ebola? Die Seuche hat doch mehrere Tausend Menschen umgebracht und wütet immer noch. „Ich bin ja privilegiert, ich kann mich schützen“, sagt sie, „ich war gut vorbereitet mit Desinfektionsmitteln, aber natürlich ist man nervös: Ich kann nicht sagen, wie oft ich mir Fieber gemessen habe.“ Eine erhöhte Temperatur kann ein Indiz dafür sein, dass man sich mit Ebola angesteckt hat.

Ebola ist eine Viruserkrankung, die nach einem Fluss im ehemaligen Zaire benannt ist, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Dort tötete es erstmals Menschen. Offenbar wurde das Virus von Fledermäusen und Affen übertragen. Dieser jüngste Ausbruch in Westafrika begann in Guinea, seitdem breitete sich die Seuche in die Nachbarländer Liberia und Sierra Leone aus. Bisher wurden rund 24 700 Fälle verzeichnet, mehr als 10 200 Menschen sind bisher gestorben. Das Virus wird über Blut, Speichel, Urin und Schweiß übertragen.

Ebola ist ein Killer. Und macht die Ärmsten der Armen noch ärmer. „Die Landwirtschaft liegt brach, die Menschen habe ihre Arbeit verloren, die Gesellschaft ist zerrüttet“, sagt Heide Rehse, „nun droht eine Hungersnot.“ Es sei für uns außerhalb jeglicher Vorstellungskraft, aber die Waisenkinder hätten ihr erzählt: „Wir hatten noch nie so ein schönes Leben!“ Sie dürfen zur Schule gehen und bekommen dreimal am Tag Essen.

Dank der Salesianer Don Bosco. Die katholische Ordensgemeinschaft arbeitet seit 1986 in Sierra Leone. „Das Land ist wunderschön“, schwärmt Heidi Rehse, „mit tollen Stränden und Palmen.“ Aber durch und durch korrupt und zerrüttet von einem langen Bürgerkrieg. In der Hauptstadt Freetown und in Lungi kümmerten sich die Salesianer zunächst um Kindersoldaten, nun werden Ebola-Waisen dort betreut. Eigentlich sollen sie in Pflegefamilien unterkommen. Doch Heidi Rehse ist skeptisch, dass dies klappt. „Die Leute haben wenig und kaum genug für ihre eigenen Kinder“, sagt sie, „warum sollen sie nun andere Kinder aufnehmen?“

Momentan wisse niemand, wie es weitergeht. Entmutigen lassen will sie sich aber nicht. „Wenn ich sehe, wie die Mitarbeiter bei Don Bosco sich engagieren, in einem Maße, wie es nicht vorstellbar ist, dann bin ich glücklich, ein bisschen helfen zu können.“ Bei den Tanzworkshops könnten die Kinder ihre Ängste und Sorgen teilen, „und mit der Therapie können wir sie stabilisieren und ihnen einen Neuanfang bieten“.

Und Selbstvertrauen vermitteln. Rehse: „Ich habe die Kinder gefragt: Was kannst du gut?“ Die Antwort der Mädchen sei gewesen: „Ich bin brav!“ Das sagt viel über eine Gesellschaft, in der 70 Prozent der Menschen Analphabeten sind und 95 Prozent der Mädchen beschnitten. Doch es gibt auch Zuversicht. Der kleine Ibrahim ist einer der eifrigsten Tänzer geworden. Und ein aufgeweckter Kerl. Vielleicht kann er bald wieder sehen. Dank Spendengeldern wird er operiert. Ein Lichtblick. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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