Annette Sudol und Simone Segatori: Ästhetik gepaart Taktgefühl Foto: Baumann

Lange war das Tanzpaar Annette Sudol und Simone Segatori die Nummer drei in der Welt – doch bekanntlich führt Beharrlichkeit zum Ziel. Nun sind die beiden Stuttgarter Weltmeister.

Stuttgart - Für Annette Sudol und Simone Segatori ist am 15. November 2014 in Wien ein Traum in Erfüllung gegangen. Das Paar wurde bei den Amateuren Weltmeister in den Standardtänzen. Dabei sind sie schon dreimalige Champions. Von 2011 bis 2013 gewann das deutsch-italienische Paar die Titel in der Kategorie Standard-Kür. Gibt es eine Gewichtung? „Nein“, sagt Annette Sudol energisch, „für uns ist jeder Titel gleich viel wert.“ Trotzdem wiegt die zuletzt errungene Meisterschaft ein wenig schwerer. „Titelkämpfe in den Standardtänzen gibt es schon länger, die WM im Kürtanzen erst seit 2011.“ Tradition geht vor Innovation.

Dabei ist das Kürtanzen geradezu die ideale Disziplin für das für den TSC Astoria Stuttgart startende Paar Sudol/Segatori. Zu einem selbst gewählten Thema können sie ihre Kleidung, ihre Musik und ihre Choreografie bestimmen. Mit ihrem künstlerischen und eleganten Tanzstil sowie ihrer natürlichen Ausstrahlung können sie das Publikum und die Kampfrichter meist sofort auf ihre Seite ziehen. Bei den fünf Standardtänzen Langsamer Walzer, Wiener Walzer, Tango, Slow Foxtrott und Quickstep und den strengen Regularien, speziell beim Frack für die Herren und bei den langen Kleidern bei den Damen, ist dies deutlich schwerer.

Seit zehn Jahren bilden Annette Sudol und Simone Segatori ein Paar. Gekannt hatten sie sich schon davor, weil sie sich auf verschiedenen Turnieren immer wieder begegnet waren. „Als wir auf der Suche nach neuen Partnern waren, hat Simone über seine Trainer William Pino und Alessandra Bucciarelli den damaligen Bundestrainer Oliver Wessel-Therhorn kontaktiert.“ Die Partnerschaft, die zunächst nur für die Tanzfläche geplant war, wurde schnell aufs Private ausgeweitet. Die Kombination – er der impulsive Italiener, sie die rationalere Deutsche – passt, die beiden sind verlobt. „Als Italiener würde Simone das nie zugeben, aber Annette ist der Chef“, beschreiben langjährige Wegbegleiter die Rollenverteilung bei dem erfolgreichen Tanzpaar.

Nicht nur Annette Sudol und Simone Segatori sind ein erfolgreiches deutsch-italienisches Tanzpaar. Auch Claudia Köhler und Benedetto Ferruggia, ihre Vorgänger als Weltmeister, bilden ein entsprechendes Duo, das Ende November Europameister bei den Profis wurde. Annette Sudol hat eine Theorie, warum es zwischen deutschen Frauen und Italienern so gut klappt: „Sicherlich ergänzt sich die Kombination zwischen Regeln und Freiheit, Seriosität und Spaß, Technik und Kunst, Ordnung und Spontanität.“ Über ihre Erklärung muss sie lachen.

Zu Hause ist das Paar entweder in Frascati vor den Toren Roms oder in Hürth bei Köln. Doch in den eigenen vier Wänden sind die beiden ohnehin eher selten. „Weil wir sehr viele Turniere im Ausland tanzen, sind wir etwa 220 Tage im Jahr unterwegs“, sagt die 31 Jahre alte Tänzerin. Über die Turniere finanziert das Duo, das offiziell in der Amateurklasse startet, seinen Lebensunterhalt. Denn wenn sie in Asien unterwegs sind, fungieren sie auch als Trainer. Ansonsten gibt’s Unterstützung von den Verbänden, der Sporthilfe, dem Verein – und von den Eltern.

Zum Tanzen sind Annette Sudol und Simone Segatori über Umwege gekommen. Schon sehr früh hatte sie mit Tennis begonnen. Durch das intensive Training litt die Achtjährige unter Schmerzen, weil ihre Wirbelsäule eine Fehlstellung hatte. „Mein Arzt hat mir das Tanzen verschrieben“, sagt Sudol und lacht. Eine Tanzkarriere auf Rezept. Segatori führte eine Wette mit seinem Onkel aufs Parkett. Seinerzeit behauptete der acht Jahre alte Simone, dass er in zwei Minuten besser tanzen könne als sein Onkel – und ließ den Worten Taten folgen. Die Karriere eines Tänzers war ­geboren.

Ein wenig Anlaufschwierigkeiten hatte die gemeinsame Karriere. Das lag aber auch an der massiven Konkurrenz. Die Weltmeisterpaare Tania Kehlet und Emanuel Valeri (Dänemark) sowie Köhler/Ferruggia (Stuttgart) waren zu stark – für Sudol/Segatori blieb immer nur Platz drei. „Für den deutschen Verband war es ein großer Erfolg, zwei Paare unter den ersten drei der Welt zu haben“, sagt Sudol, „für uns als zweites Paar war es lange Zeit deshalb aber schwieriger.“ Da war Beharrlichkeit gefragt. Der Weg war erst dann frei, als die Konkurrenten ins Profilager wechselten – prompt klappte es mit dem WM-Titel.

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