Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Aktuell stehen die Eiszeithöhlen als Weltkulturerbe im Fokus, aber vor einem Jahr war das Werk des Architekten Le Corbusier ausgezeichnet worden – auch die beiden Häuser der Weissenhofsiedlung. Jetzt gab es die Urkunde – und mahnende Worte.

Stuttgart - s ist fast auf den Tag genau 90 Jahre her: Am 23. Juli 1927 wurde die Werkschau der Weissenhofsiedlung in Stuttgart fertig gestellt – auch die zwei Häuser des Schweizer Architekten Le Corbusier, der Stuttgart bei seinem ersten Besuch im April 1910 als „ville prenante“, als einnehmende Stadt gelobt hatte. Nun sind seine Bauten als Unesco-Weltkulturerbe eingetragen, am Montag überreichte Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, in der Akademie der Bildenden Künste die Urkunde an Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Oberbürgermeister Fritz Kuhn.

Auszeichnung vor einem Jahr

„Es war ein langer Weg bis zu diesem glücklichen Moment“, räumte Böhmer ein. Drei Anläufe waren nötig, bis das Welterbekomitee der Unesco bei der Sitzung im vergangenen Jahr in Istanbul, wo draußen der Putsch tobte, das Prädikat nach Stuttgart vergab. Und vor allem eine große und nie nachlassende Hartnäckigkeit, für die jetzt Kuhn die Freunde der Weissenhofsiedlung und aktive Befürworter wie Friedemann Gschwind vom Stadtplanungssamt ausdrücklich hervorhob.

Da das architektonische Werk von Le Corbusier 2016 insgesamt als Weltkulturerbe eingetragen wurde, bringen seine Häuser in der Weissenhofsiedlung Stuttgart in internationale Verbindung: „Die Bauten“, so Böhmer, „sind Teil einer transnationalen Serie von 17 Bauten in sieben Staaten von Argentinien bis Japan. Das bedeutet Verpflichtung und Pflege.“

Bei Stuttgartern anfangs nicht beliebt

Kuhn erinnerte daran, dass die Weissenhofsiedlung bei den Stuttgartern auf wenig Gegenliebe gestoßen war. Vom Araberdorf war die Rede, der Architekt Paul Bonatz nannte sie eine „Vorstadt von Jerusalem“, und während der NS-Zeit kursierten Postkarten, auf denen die Siedlung von Berbern und Kamelen bevölkert wurde. Für ihn, so Kuhn, sei auch der gesellschaftliche Ansatz der innovativen Architektur und Wohnplanung von Le Corbusier wichtig: „Er wollte für den fortschrittlichen Menschen bauen. Ohne Schnickschnack, funktional, gesundheitsbewusst mit Terrassen und Balkonen, und dabei von hoher und zeitgemäßer Ästhetik.“ Das sei Verpflichtung und Anregung zugleich, meinte Kuhn im Hinblick auf die Bauausstellung 2027, also zum 100-Jahr-Jubiläum der Weissenhofsiedlung.

War es Zufall oder Absicht, dass die Urkunde einen Tag nach dem Bekanntwerden eines weiteren Weltkulturerbe-Geschenkes für das Land überreicht wurde? Der Termin wurde zumindest mit einem Hintergedanken so gelegt, bekannte Böhmer lächelnd. Sie kam direkt aus Krakau, wo die Eiszeithöhlen auf der Alb eingetragen wurden. „Das ist doch herrlich“, beschied Böhmer, „dass Ihr Weltkulturerbe mit den Höhlen, Pfahlbauten, dem Limes, den Klöstern Reichenau und Maulbronn und den Corbusier-Häusern über so viele Epochen von der Eiszeit bis in die Moderne reicht.“

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