Stuttgarter Weindorf Wengerter Tilmann Ruoff ist „kein junger Wilder mehr“

Von Klaus Eichmüller 

Stiller Genuss im über 500 Jahre alten Weinkeller: Für den Wengerter Tilmann Ruoff werden die kommenden Tage beim Stuttgarter Weindorf etwas hektischer. Foto: Leif Piechowski
Stiller Genuss im über 500 Jahre alten Weinkeller: Für den Wengerter Tilmann Ruoff werden die kommenden Tage beim Stuttgarter Weindorf etwas hektischer. Foto: Leif Piechowski

In den nächsten Tagen wird das Weindorf wieder viele Menschen in die Innenstadt locken. Einer der Wirte dort ist Tilmann Ruoff. Der Wengerter aus Obertürkheim ist quicklebendig, auch wenn in seinem Haus einst der Tatort „Tod im Weinberg“ gedreht wurde.

Stuttgart - In den nächsten Tagen wird das Weindorf wieder viele Menschen in die Innenstadt locken. Einer der Wirte dort ist Tilmann Ruoff. Der Wengerter aus Obertürkheim ist quicklebendig, auch wenn in seinem Haus einst der Tatort „Tod im Weinberg“ gedreht wurde.

Herr Ruoff, welchen Wein der Konkurrenz trinken Sie am liebsten?
Ich bin da nicht festgelegt. Ich probiere gern aus, was die Mitbewerber so machen. Man wird sonst betriebsblind.
Was sind die eigenen Lieblingströpfchen?
Das wechselt, es kommt auf die Lust und Laune an. Gerade trinke ich gern meinen Auxerrois, einen fruchtigen Weißwein mit ganz dezenter Säure. Es ist ein Versuchs­anbau. In ganz Baden-Württemberg gibt es von dieser Rebe gerade mal einen Hektar.
Sie galten, lange bevor der Begriff ein Marketing-Instrument wurde, als junger Wilder.
Das bin ich nicht mehr, darüber bin ich hinaus. Ich weiß, dass es im Weinbau auch alte Werte gibt, die nicht verkehrt sind.
Ihr Ruf als junger Wilder hatte viel mit Ihrem Aussehen und dem Irokesenhaarschnitt zu tun.
Der Irokese, das war Punk, das war New Wave.
Geblieben ist der Pferdeschwanz.
Das ist halt so.
Vor 20 Jahren haben Sie den elterlichen Betrieb übernommen. Dauert es lang, bis man als Irokese von den Kollegen hier ernstgenommen wird?
Man kennt sich untereinander. Da haben sich eher die Leute in der Meisterschule in Weinsberg schwergetan.
Regiert in der Branche mehr die Konkurrenz oder eher die Kollegialität?
Ich komme mit den Nachbarn gut aus. Wenn ich mit meinem Traktor im Weinberg hängen bleibe, zieht mich der Kollege raus. Und umgekehrt. Man hilft sich gegenseitig.
Ihr Besen hängt an einem 500 Jahre alten Fachwerkhaus.
Der Weinkeller ist wahrscheinlich noch ­älter. Da hängt man dran. Das Haus lebt ­einfach.
Der junge Wilde und die alte Tradition, wie passt das zusammen?
Ich mache mein Ding. Die „jungen Wilden“ sind eine Werbeidee, damit habe ich mich nie identifiziert.
Sie verfolgen eine eigene Philosophie.
Ich sehe den Beruf als Handwerk. Ich habe gern einen kleinen Betrieb, weil ich gern selbst im Weinberg arbeite. Je größer ein ­Betrieb, umso mehr muss man sich um die Vermarktung kümmern. Ich will lieber das Wetter draußen mitkriegen.
Ihr Besen hat es sogar ins Fernsehen geschafft, als Schauplatz für den Bienzle-Tatort „Tod im Weinberg“.
Vor knapp zehn Jahren hat ein Filmscout unser Haus entdeckt. Dann wurde gedreht.
Sie hatten sicher eine schöne Nebenrolle?
Nein, ich habe vom Dreh kaum etwas mitbekommen. Seither liegen auf der Kellertreppe Rutschmatten. Sonst wäre Bienzle vielleicht ausgerutscht.
Hat sich wirklich sonst für das Haus nichts geändert?
Das Haus, diese Kulisse, ist mein größter Trumpf. Ich werde oft darauf angesprochen.
Bienzle war ein Kommissar der alten Schule. Muss man als Wengerter aus ähnlichem Holz geschnitzt sein?
Man muss nicht konservativ sein. Aber es gibt im Weinbau Methoden, die waren früher in Ordnung – und die sind heute immer noch in Ordnung.
In Ihrem Besen fühlt man sich in die Vergangenheit zurückversetzt.
Den Leuten gefällt’s. Sie wollen keine radikale Veränderung, sie suchen das Urige. Im Damenklo gibt es noch immer eine Dusche, weil dort früher das Badezimmer war.
Ganz aus der Zeit gefallen sind Sie nicht. Seit 1999 sind Sie auf dem Stuttgarter Weindorf vertreten.
Das Weindorf ist ein schönes Fest, auch wenn es für den Wirt wegen der langen Tage ganz schön stressig ist.
Was hat sich aus Ihrer Sicht auf dem Weindorf verändert?
Die Qualität der ausgeschenkten Weine hat sich in den Jahren enorm verbessert. Auch das Trinkverhalten hat sich zum Positiven verändert.
Heißt das, Sie verkaufen jetzt mehr Sprudel?
Nein. Die Besucher trinken weniger, aber besseren Wein.
Ist die Zeit der alten Knaudl, die Trollinger aus Henkelgläsern schlürfen, vorbei?
Nachmittags kommen nach wie vor viele Rentner und Einkäufer aufs Weindorf. Abends aber wird das Publikum deutlich jünger.
Kommen die jungen Leute wegen des Weins oder weil sie überall hingehen, wo Party ist?
Das Weindorf ist halt ein Fest, das zieht die Jungen an, auch wenn sie unter 25 Jahren kaum Wein trinken.
In welche Richtung wird es weitergehen? Wird der Wein noch besser und das Essen noch feiner?
Es gibt viele Wirte, die bieten exquisite Küche an. Ich als einer der kleineren Wirte halte es lieber mit einfachen, bodenständigen ­Gerichten.
Mit Würsten und Sauerkraut . . .
. . .  mit Ripple, Maultaschen . . .
. . . und dem berühmten Kartoffelsalat aus der Küche Ihrer Mutter Lotte. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, das Rezept zu verraten.
Ganz ehrlich, ich kenne es nicht. Nur ein langjähriger Mitarbeiter ist da eingeweiht.

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