Das Stuttgarter Weindorf wird am kommenden Mittwoch eröffnet und geht bis zum 10. September. Foto: dpa/Wolfram Kastl

Ein Crêpe wird als Pfannkuchen serviert. Champagner ist verboten, dagegen darf man Aperol Spritz trinken. Über den regionalen Anspruch des Stuttgarter Weindorfs, das am nächsten Mittwoch startet, wird in der Stadt hitzig diskutiert.

Der neue Bußgeldkatalog, den der Verein Pro Stuttgart als Weindorf-Veranstalter erstmals für diese Saison festgelegt hat, sollte nicht in die Öffentlichkeit gelangen. Unsere Zeitung hat davon erfahren, dass etwa Wirte, die trotz des Verbots Champagner ausschenken, nach einer Verwarnung beim zweiten Verstoß 5000 Euro Strafe bezahlen müssen – diese Summe wird auch fällig, wenn man Fette in den Gully schüttet.

 

In der Stadt wird nun hitzig diskutiert, ob in einer Weltstadt nicht das französische Edelgetränk erlaubt werden sollte und ob die Beschränkung auf regionale Produkte überhaupt noch zeitgemäß sei. Die eine Seite argumentiert in den sozialen Medien, dass, sobald Champagner genehmigt wird, in der Folge italienische und spanische Billigweine das Fest erobern könnten – auf Kosten der heimischen Winzer, für die man das Weindorf in den 70ern erfunden habe.

Lässt sich Regionalität in allen Bereichen umsetzen?

Die andere Seite findet, dass sich auch ein traditionsreiches Fest, wie das Beispiel Cannstatter Wasen zeigt, zur Steigerung der Attraktivität weiterentwickeln dürfe. Komplette Regionalität dürfe kein Dogma sein und sei gar nicht mehr umsetzbar, ist zu hören. Sei es nicht ein Widerspruch, so wird gefragt, dass man Champagner aus Frankreich verbietet, aber Aperol Spritz mit einem Likör aus Italien erlaubt?

Zum Thema „Weltstadt Stuttgart“ bemerkt Jazz-Open-Promoter Jürgen Schlensog: „Man muss Champagner nicht trinken, aber man sollte ihn trinken können.“ Der Podcaster Boris Mönnich stellt folgende Fragen: „Wie definiert man Regionalität? Ist ein Produkt nur dann regional, wenn es zu 100 Prozent in Stuttgart und Umgebung hergestellt wird? Oder gilt es noch als regional, wenn nur bestimmte Zutaten aus der Region stammen – und dabei ein bestimmter prozentualer Anteil nicht unterschritten wird?“

Der Businesscoach Bernd Schönwald lobt die strenge Haltung der Veranstalter: „Offenbar gibt es Anbieter, die nicht verstehen wollen, dass es sich hier um ein Fest für die regionalen Weine handelt, die trotz guten Zuredens nicht einsichtig sind. Kann ich nachvollziehen, dass es dann an den Geldbeutel gehen muss.“ Wer unbedingt Spaghetti bolognese essen oder französischen Schaumwein trinken wolle, könne „in viele Restaurants drum herum“ gehen.

Was ist erlaubt, und was nicht? Bärbel Mohrmann, die Geschäftsführerin von Pro Stuttgart, sagt, auf dem Fest werde man unterscheiden zwischen Getränken und Speisen. Bei Weinen hätten unangefochten die heimischen Anbieter mit ihrer oft hohen Qualität das Vorrecht. „Es gibt Winzersekt von hier, der so gut ist wie Champagner“, lobt Mohrmann. Der Bußgeldkatalog und Kontrollen sollten nun dafür sorgen, dass das schon länger geltende Verbot des Champagner-Ausschanks endlich eingehalten werde. Bei Aperol Spritz gelte eine Ausnahme, weil die Nachfrage für dieses Mixgetränk sehr hoch sei. Man wolle die Wünsche der Gäste nicht ignorieren. Manchen kommt es wohl vor, als sei der Drink längst schwäbisch.

Grünes Licht gab es für Avocados und Tomaten Mozzarella

Für die Speisen gilt die Bitte, deutsche Bezeichnungen zu verwenden. Deshalb wird Crêpe als süßer Pfannkuchen angeboten. Pommes und Hamburger stehen auf dem Index – Maultaschen-Hamburger sind erlaubt. Alle Laubenbetreiber mussten ihre Speisekarten dem Büro des Weindorfs vorlegen, das gewissenhaft kontrolliert hat. Was zu englisch klang, musste übersetzt werden.

Grünes Licht gab es für Avocados, für Tomaten Mozzarella, natürlich auch für Kaffee, dessen Bohnen nicht regional sind. Während Pro Stuttgart bei den Weinen sehr streng auf die regionale Herkunft achtet, sind bei den Speisen viele Ausnahmen gestattet. „Wir müssen die Ansprüche unserer Gäste berücksichtigen“, sagt Chefin Bärbel Mohrmann, „vielen sind schwäbische Gerichte zu schwer, sie wollen etwas Leichteres.“ In einer Großstadt könne und wolle man die internationalen Einflüsse nicht ausblenden.

Das Stuttgarter Weindorf zählt zu den schönsten Weinfesten im Süden Deutschlands. Am kommenden Mittwoch öffnen die Lauben um 11.30 Uhr, aber erst am Abend gibt’s den offiziellen Startschuss im Hof des Alten Schlosses mit Grußworten von OB Frank Nopper und Innenminister Thomas Strobl. Erstmals wird es auf dem Schillerplatz an der Seite zur Planie keinen Eintrittsbogen geben. „Die Besucher sind da oft schnell durchgelaufen – meist an den ersten Lauben vorbei“, sagt Jens Zimmermann, der Vorsitzende des Vereins Pro Stuttgart, der die Eröffnungsfeier moderieren wird.

Das Viertele Trollinger gibt es noch für fünf Euro

Trotz der erhöhten Standgebühren – je nach Lage und Länge der Lauben zahlen die Wirte diesmal bis zu 20 Prozent mehr als im Vorjahr – sollen die Preise „moderat“ bleiben, hört man bei den Betreibern. Dass ein Boulevardblatt schrieb, beim Weindorf 2023 gebe es keine Viertele mehr unter sieben Euro, stimme nicht. In der Laube von Pro Stuttgart mit Weinen aus dem städtischen Weingut beispielsweise kostet das Viertele Trollinger fünf Euro. Aber auch in anderen Lauben gebe es ein Viertele zu diesem Preis.

Immer wieder hört man einen deutlichen Appell der Wirte in Richtung Berlin: Der für Corona verringerte Mehrwertsteuersatz bei Speisen auf sieben Prozent müsse beibehalten werden. Laufe diese Regelung zum Jahresende aus und gelte dann wieder der frühere Steuersatz von 19 Prozent, werde es zu drastischen Preiserhöhungen kommen. Das Weindorf geht bis zum Sonntag, 10. September, ist täglich von 11.30 bis 23 Uhr geöffnet, donnerstags bis samstags bis 24 Uhr.