Moritz (links) und Philipp mit ihren Eltern Stefanie Palm und Claudius Kienzle. Philipps „Rolli“ ist so stimmungsvoll beleuchtet wie das Gazi-Stadion beim Weihnachtssingen (rechts unten). Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt/privat

Wenn über 8000 Menschen „Oh du Fröhliche“ singen, dann ist Weihnachtssingen im Gazi-Stadion. Für die Familie Kienzle aus Heumaden ist der Besuch auf der Waldau eine Tradition. Warum?

Philipps Rollstuhl schaut schon festlich aus. Den Rahmen hat der Elfjährige mit einer Lichterkette umwickelt, die Räder sind mit einer Abbildung der Zeltkuppel des Weltweihnachtscircus beklebt. Wenn es nach Philipp und dem Rest der Familie Kienzle geht: Weihnachten kann kommen.

 

Für die Familie aus Heumaden – die Eltern Stefanie Palm (51) und Claudius Kienzle (49), Philipp und seinen vier Jahre älteren Bruder Moritz – gibt es zwei Traditionen, die sie im Advent nicht missen wollen. Die eine ist ein Besuch beim Weltweihnachtscircus. Die andere: Das Stuttgarter Weihnachtssingen im Gazi-Stadion. 2019 gab es das zum ersten Mal, in diesem Jahr wird zum siebten Mal im Stadion der Stuttgarter Kickers auf der Waldau gesungen. Die Kienzles sind zum fünften Mal dabei.

Mit Fußball haben die Jungs nichts am Hut, aber Moritz und Philipp lieben alles, was mit Musik zu tun hat. Der 15-jährige Moritz spielt seit elf Jahren Schlagzeug, in seiner Schule, dem Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch, ist er in einer Band, gerade proben sie fürs Weihnachtskonzert. Philipp, der auf die Margarete-Steiff-Schule geht, hat mal Klavier gespielt und singt „eigentlich den lieben langen Tag“, wie seine Mutter lachend sagt. Welche Musik er mag? Jede, antwortet Philipp: „Von Michael Jackson über Tina Turner bis Wincent Weiss.“

Der quirlige, clevere Elfjährige, der immer eine flotte Antwort parat hat und sich mit seinem Bruder Moritz während des Interviews verbal die Bälle hin und her spielt, hat Glasknochen, ist deshalb viel mit seinem „Rolli“ unterwegs. Nicht jede vorweihnachtliche Aktivität ist für die Familie Kienzle entspannt machbar: „Auf dem Weihnachtsmarkt ist es oft viel zu voll“, sagt Stefanie Palm. „Da sieht Philipp nur Beine und hat nichts davon.“ Aber im Gazi-Stadion gibt es eine Rollstuhltribüne samt Aufzug. „Die Barrierefreiheit dort ist super.“

Auf die Räder von Philipps „Rolli“ ist ein Foto der Zeltkuppel des Weltweihnachtscircus geklebt. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

8000 Tickets fürs Weihnachtssingen in Stuttgart sind ganz schnell weg

Philipp mag vor allem die funkelnde Riesen-Discokugel, die an einem Kran ins Stadionrund geschwebt kommt – „das schießt den Vogel ab“, sagt der Elfjährige, der alles liebt, was glitzert. Die rund 8000 Tickets sind jedes Jahr schnell weg, ganze Großfamilien oder alte Schulfreunde pilgern am vierten Advent auf die Waldau, um sich in besinnliche Stimmung zu bringen. Die Kickersfans erkennt man an ihren blauen Schals, aber „das Publikum ist ganz gemischt“, erzählt Claudius Kienzle, der für die Evangelische Landeskirche arbeitet, die das Weihnachtssingen veranstaltet.

Sich warm einzupacken, ist eine heiße Empfehlung. „Man sollte Handschuhe und Mütze mitnehmen“, sagt Moritz. „Der Wind pfeift da ganz schön.“ Vor allem Philipp muss sich dick anziehen, wenn er 90 Minuten im Rollstuhl auf der zugigen Tribüne sitzt. Vergangenes Jahr trug er eine wuschelige bunte Kunstpelzmütze auf dem Kopf. Zweimal 45 Minuten wird gesungen, in der Halbzeitpause gibt es Stadionwurst, Glühwein oder Kinderpunsch. „Die Stimmung liegt irgendwo zwischen Heimspiel-Atmosphäre und weihnachtlicher Besinnlichkeit“, sagt Claudius Kienzle. Und immer treffen sie jemanden, den sie kennen.

Die Familie Kienzle – Eltern und Söhne sind große Weihnachtsfans. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

„Weihnachtsbäckerei“ in der Reggae-Version kommt beim Weihnachtssingen an

Musikalisch ist für alle was dabei: John Lennons Friedenshymne „Happy Christmas/War is over“. Ein imposantes „Gloria In Excelsis Deo“. Ein beschwingtes „Rudolph the red-nosed reindeer“. Stefanie Palm muss ganz stark sein, wenn Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“ angestimmt wird – „aber als Reggae-Version ist es ganz witzig und gut auszuhalten.“ Patrick Bopp, vielen bekannt von der inzwischen aufgelösten Vocal-Comedy-Gruppe Die Füenf und Initiator der Mitsingreihe „Aus voller Kehle für die Seele”, gibt den Takt vor.

„Wenn mehr als 8000 Menschen ‚Oh du Fröhliche’ singen, ist das echt erhebend. Für uns ist es ein Moment der Entschleunigung nach dem ganzen Adventsstress“, sagt Claudius Kienzle. „Und das ein oder andere, das schwer war im vergangenen Jahr“, ergänzt seine Frau, „lässt sich da auch von der Seele singen.“

7. Stuttgarter Weihnachtssingen

Gemeinsam Singen
Das Stuttgarter Weihnachtssingen steigt dieses Jahr am Sonntag, 21. Dezember, um 17 Uhr. Der Einlass beginnt um 16 Uhr. Patrick Bopp wird unterstützt von Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke, der Weihnachtssingen-Band, dem Blechbläser-Ensemble EJUS Brass unter Leitung von Christof Schmidt, Christian Langer, der Sängerin Sandra Hartmann und David Hanke (Hanke Brothers) an der Blockflöte. Auf den Rängen unterstützen die Mitglieder von Chormäleon, dem Chor der Dualen Hochschule. Ein Teil des Erlöses geht an die Kinderturnstiftung Baden-Württemberg und die Stiftung Singen mit Kindern. Schirmherrin ist Gerlinde Kretschmann, die Frau des Ministerpräsidenten.

Livestream
Wer kein Ticket ergattert hat, kann sich das Weihnachtssingen im Livestream auf dem Youtube-Kanal der Stuttgarter Kickers anschauen. Der Stream wird auch in mehreren Krankenhäusern in ganz Baden-Württemberg übertragen – darunter das Diakonie-Klinikum und das Marienhospital in Stuttgart.

Ticketzweitmarkt
Im Kickers-Ticketshop gibt es einen offiziellen Zweitmarkt für zurückgegebene Tickets. Mehr Informationen online unter: www.stuttgarter-weihnachtssingen.de