An Oktay Ciceks Weihnachtsmarktstand treffen Schupfnudeln auf türkisches Streetfood. Das geht gut zusammen. Rechte Hetze im Netz versuchen die Ciceks an sich abprallen zu lassen.
„Der türkische Schwabe“ – an Oktay Ciceks Weihnachtsmarktstand im Advent ist er Programm. Nicht nur lebt der 52-Jährige schon seit seiner Kindheit in Stuttgart, das Ländle und die Türkei treffen sich in der Schlemmergasse vor der Alten Kanzlei auch kulinarisch. Zum einen bieten Oktay Cicek, sein Sohn Samet und seine Schwiegertochter Leyla Krautschupfnudeln an, zum anderen einen anatolischen Streetfood-Klassiker: Gözleme.
Gözleme sind dünne, würzig gefüllte und dann knusprig ausgebackene Fladen aus einem Teig aus Mehl, Salz, Olivenöl und Wasser. In der Türkei werden die Fladen hauchdünn ausgezogen. Das haben die Ciceks auch versucht, dann aber festgestellt, dass das angesichts des Weihnachtsmarkt-Ansturms nicht praktikabel wäre. Also nehmen sie Tortilla-Fladen. Auch lecker. Gefüllt werden die Gözleme entweder herzhaft – mit Hirtenkäse, Spinat, mariniertem Hähnchenfleisch oder Sucuk, einer türkischen Wurst – oder süß. Wer lieber Schwäbisch isst, bekommt hier auch Krautschupfnudeln – ohne Speck, was (Vegetarier werden es wissen) auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt gar nicht so leicht zu finden ist.
Auf Tiktok wird der Standbetreiber vom Weihnachtsmarkt Stuttgart angefeindet
Leyla Cicek hat vor ein paar Tagen ihr Angebot mit einem kurzen Clip auf Tiktok vorgestellt – das Video wurde seither über 100.000 Mal angeklickt. „Es hat uns total überrascht, wie sehr das durch die Decke ging“, sagt Samet Cicek. Leider finden sich in den Kommentaren neben Herzen und Likes auch Posts von Menschen, die meinen, rassistisches Gedankengut kundtun zu müssen. Der Tenor: Türkisches Essen habe auf einem Weihnachtsmarkt nichts zu suchen. Einige der Kommentare treffen weit unter der Gürtellinie.
„Das wurmt einen natürlich schon, wenn jemand schreibt, türkisches Essen gehöre hier nicht her“, sagt Oktay Cicek. Trotzdem haben sich die Ciceks entschieden, nicht auf die Hetzer zu reagieren. „Vor allem deshalb, weil sich das im realen Leben gar nicht widerspiegelt“, sagt Samet Cicek. Ein böser Kommentar im Netz sei schnell hingetippt, aber „hier am Stand bekommen wir ganz viele positive Rückmeldungen. Die Menschen freuen sich über ein vielfältiges Angebot.“ Oktay Ciceks Lieblingskommentar sagt für den Stuttgarter alles. Er lautet: „Wo genau kommen Crêpes und Knoblauchchampignons in der Bibel vor?“
Seit vier Jahren werden die Ciceks im Dezember „Ein-Monat-Gatronomen“. Denn eigentlich haben alle drei andere Jobs: Oktay Cicek arbeitet in der Betriebsleitstelle der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB). Sein Sohn Samet ist Pflegefachkraft, Leyla Cicek arbeitet als Baubegleiterin.
Dass man bei ihnen halal essen kann, dafür machen die drei Ciceks und ihre Mitarbeiterin Jane Fraas keine offensive Werbung. „Viele fragen danach“, erzählt Oktay Cicek. Denn auch wenn das nicht ins Weltbild rechter Hetzer im Netz passt: Natürlich schlendern auch jede Menge muslimische Menschen über den Weihnachtsmarkt – Stuttgarterinnen und Stuttgarter genauso wie Touristen aus dem Ausland. Und die Kunden, die an diesem sonnigen Mittwochvormittag an der Planie ihr Gözleme bei den Ciceks ordern, tun das aus einem einfachen Grund: „Weil’s lecker schmeckt“.