Aus der Perspektive Türlenstraße praktisch nicht mehr zu sehen: die Stadtbliothek. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das preisgekrönte Wahrzeichen der Stadt steht nun im Schatten eines 60 Meter hohen Hotelneubaus. Passanten reagieren mit Traurigkeit, Mitarbeiter der Stadtbibliothek halten sich mit Kommentaren zurück.

Stuttgart - Der Bezirksbeirat Mitte und die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle hatten sich lange dagegen gewehrt: Man pochte auf das Versprechen, dass der sich im Bau befindende Hotelturm am Mailänder Platz begrünt werde. Sogar eine Expertin hatte man ins Rathaus eingeladen, um die Argumente des Investors Strabag, der das Grundstück im Mai 2016 von der Deutschen Bahn AG erworben hatte. Alina Schick von der Firma Visioverdis, Erfinderin der sogenannten „GraviPlants“ und Wissenschaftlerin an der Uni Hohenheim, eine Kombination von Pflanzen und Technik, die sogar Bäume waagrecht wachsen lässt, erklärte im Rat: „Das Problem des Brandschutzes ist lösbar, wenn die richtigen Leute zusammensitzen.“ Der Konzern und seine Architekten behaupteten dagegen, man könne das Hochhaus aus Gründen des Brandschutzes trotz guter Absichten doch nicht begrünen.

Nun ist zu sehen, warum der Bezirksbeirat Mitte zumindest eine grüne Fassade für das 60 Meter hohe Gebäude auf dem bis dahin letzten unbebauten Grundstück zwischen Milaneo und Stadtbibliothek unbedingt haben wollte. Es geht nicht nur ums Stadtklima, es geht auch um die Perspektive. Schon vor den Bauarbeiten kritisierte Veronika Kienzle, dass das Hotel nach der Fertigstellung ein Wahrzeichen der Stadt, nämlich die preisgekrönte Architektur der Stadtbibliothek komplett in den Schatten stellen werde. „Der Bau der Stuttgarter Stadtbibliothek ist der Gestalt gewordene Traum einer kompromisslosen Architektenfantasie, eine reine Form, die des Kubus, der eine Tempelhalle umschließt und einen Katarakt aus Büchergeschossen“, sagte etwa der Stuttgarter Schriftsteller Joachim Kalka in seiner Laudatio anlässlich der Preisverleihung zur „Bibliothek des Jahres“ im Oktober 2013.

Im Schatten des Hotelturms

Kienzle sollte Recht behalten. Die Schatten des Hotelturms sind nun so groß, dass die „kompromisslosen Architektenfantasie“ in den Hintergrund tritt. Und aus der Perspektive Türlenstraße ist die Stadtbibliothek, die vor allem nachts dank ihrer blauen Illuminierung ein echter Hingucker ist, quasi gar nicht mehr zu sehen. Klaus Wenk von der CDU meinte schon vor Baubeginn resigniert: „Die Strabag hatte noch nie Interesse, die Fassade zu begrünen. Es wird ein Schandfleck werden. Man sieht, dass Politik manchmal ein bisschen hilflos ist.“ Ex-Bezirksbeirat Matthias Vinçon (SPD) meinte: „Was bleibt vom Stadtbild und der Lebensqualität übrig, wenn dieser Koloss erst mal steht?“ Diese Frage beantworten nun Passanten: wenig.

Wer sich bei den Besuchern des Milaneo, Stadtbibliothek und im Bankenviertel umhört, bekommt ein eindeutiges Meinungsbild, das von Fassungslosigkeit und Traurigkeit gespeist ist. „Wer plant so etwas?“, fragt einer und schiebt nach: „Vor allem: Wer genehmigt so etwas?“ Manche stellen sich in Zeiten der Pandemie auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der geplanten Nutzung, da die Hotel- und Gastronomie derzeit keine rosigen Perspektiven hat. Denn im Sockelgebäude entsteht ein Premier Inn Hotel mit mindestens 270 Zimmern und im Turm ein Adina Apartment Hotel mit etwa 180 Appartements. Zusätzlich sollen im Erdgeschoss ein SPA- und Wellness-Bereich sowie Läden entstehen.

In der Stadtbibliothek selbst geht man zurückhaltend mit Kommentaren zur neuen Situation um. Marion Hekmann aus dem Direktionsteam meinte auf Anfrage, man habe ja gewusst, was auf einen zukomme. Und für die eigentliche Arbeit mache es keinen Unterschied. Gleichwohl räumt sie ein, dass ihr die nun entstandene Situation nicht egal sei.

Verlust an Strahlkraft

Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) macht aus ihrem Herzen dagegen keine Mördergrube: „Es ist einfach schade, dass man ein weltweit bekanntes Stadt- und Kulturgebäude nun nicht mehr sieht und das nun an Strahlkraft verloren hat.“ Weiter meint die OB-Kandidatin: „Noch bedauerlicher ist es aus städtebaulicher Sicht, dass es mit der Begrünung des Gebäudes nicht geklappt hat.“

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