Von wegen Verleihnix: Tomislav Knaffl und Gian-Luca Iglesias Foto: Björn Springorum

Mitglied werden, Beitrag wählen, Dinge spenden oder ausleihen: Das Konzept des Stuttgarter Vereins Teilbar e.V. ist einfach und umweltfreundlich. Eine Crowdfunding-Kampagne soll den Fortbestand des Projekts sichern.

S-West - Glaubt man wissenschaftlichen Berechnungen, führen die Bohrmaschinen in den Kellern Stuttgarts ein tristes und einsames Leben der Vernachlässigung. Gerade mal 13 Minuten wird sie während ihres Lebens durchschnittlich eingesetzt, 13 Minuten, in denen sie ein paar Löcher für Bilderrahmen, Hängeschränke und Regale bohrt, ehe sie wieder zu der alten Skiausrüstung in den dunklen Keller verbannt wird.

Damit diese Einzelschicksale minimiert werden, gibt es den Verein Teilbar. Dahinter verbergen sich engagierte und klimapolitisch aktive Menschen, die dem ganzen unnötigen Besitz den Kampf ansagen. Ihr Laden an der Lerchenstraße 84 sieht deswegen ein wenig so aus wie ein großer Flohmarktstand: Geordnet nach Kategorien stapeln sich Kinderspielzeug, Küchengeräte, Elektronik, Hausrat oder Campingzubehör in den Regalen.

Nützliche und wichtige Dinge

Dachgepäckträger, große Koffer, Brotbackmaschinen, Schlitten, Besteckkoffer, natürlich auch die schicksalhaften Bohrmaschinen – alles nützliche und wichtige Dinge. Aber eben Dinge, die der durchschnittliche Stuttgarter nur sehr selten braucht. Deswegen gibt es den Teilbar e.V. Hier können all jene praktischen Dinge, die man eben nur hin und wieder braucht, für eine gewisse Zeit ausgeliehen werden. „Nach Anmeldung und der Festlegung eines individuellen Beitrags, der für die Mietzahlungen aufgewendet wird, kann das Spenden und Ausleihen beginnen“, erklärt Teilbar-Gründer Tomislav Knaffl.

Wer also zu Weihnachten einen Thermomix geschenkt bekommt und schon einen hat, bringt ihn einfach zu Teilbar, wo er zweifellos viele Menschen unter Zeitdruck glücklich machen wird. Laut ­Gian-Luca Iglesias gehören derzeit vier Menschen zum Team und rund 50 Mitglieder zum aktiven Nutzerkreis. „Eine Zahl“, fügt er an, „die ruhig noch wachsen darf“. Die bisherigen Beiträge der Mitglieder reichen nämlich nicht, um die Mietkosten dauerhaft zu decken. Deswegen hat der Verein eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, um das Projekt zukunftsfähig zu machen. „Wir habe viel vor, wollen auch deutlich aktiver auf die Menschen im Viertel zugehen“, erläutert Iglesias. Workshops und Vorträge aus dem sozial-ökonomischen Themenkomplex sind geplant, ebenso Infostände und Kooperationen. Wenn es denn alles wieder normal möglich ist, versteht sich.

Passt gut in den Stuttgarter Westen

Teilbar möchte aber mehr sein als eine Bibliothek der Dinge, in der die Ausleihenden anonym ein- und ausgehen. Man versteht sich als Gemeinschaft, als neuer Ansatz eines Zusammenlebens in der Großstadt. Das ist nicht neu, schon seit 2003 gibt es beispielsweise den NordPool in Weilimdorf, der neben Dingen auch Dienstleistungen und Reparaturen tauscht. Die Teilbar passt aber besonders gut in diese Gegend des Westens: Um die Ecke befinden sich sowohl ein Repair- Café als auch das Foodsharing-Konzept Raupe Immersatt. Teilen und leihen statt wegwerfen und immer gleich neu kaufen – ein Ansatz, der den Geldbeutel ebenso schont wie die Umwelt. „Wir stiften Gemeinschaftssinn“, so Iglesias. „Wir regen dazu an, die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren. Brauche ich diese Dinge wirklich alle in meinem Keller? Oder kann ich etwas davon zum Wohle der Gemeinschaft abgeben?“

Entstanden ist die Idee für die Teilbar schon vor vielen Jahren, endlich ist sie Wirklichkeit: Über einen Fördertopf für Nachbarschaftsprojekte für mehr Klimaschutz wurde eine finanzielle Grundlage geschaffen, ein Verein wurde gegründet. „Und seit März 2019“, so Knaffl, „teilen wir Sachen.“ Werkzeug gibt‘s eine Woche, Haushaltsgeräte und Freizeitzubehör für einen Monat. Verlängerung möglich. Der Renner an der Lerchenstraße: Dinge, mit denen man schrauben oder bohren kann. Die Bohrmaschinen, die hier zur Ausleihe stehen, haben zumindest deutlich mehr als 13 Minuten auf dem Tacho. Und dürften zu den zufriedensten Artgenossen ihrer Spezies zählen.

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