Wird die Paulinenbrücke wieder belebt? Foto: Kathrin Wesely

Für 1,4 Millionen Euro könnten die Projekte unter der Paulinenbrücke verstetigt und sogar professionalisiert werden. Doch ob der Stuttgarter Gemeinderat das Geld bewilligt, ist sehr fraglich. Falls nicht, parken hier wieder die Autos. Wie gehabt.

S-Süd - Die Arbeit des Vereins Stadtlücken unter der Paulinenbrücke ist beendet. Die Stadt, ihre Verwaltung, viele ihrer Bürger, Stadt- und Bezirksbeiräte haben die Macher und ihr Projekt im Laufe der zweijährigen Probephase ins Herz geschlossen. So gut wie niemand will, dass das Experiment endet, das einen öden Ort in ein freundliches Soziotop verwandelt hat. Darum hat die Verwaltung in den Sommermonaten rasch einen Antrag gestrickt, der noch Eingang findet bei den aktuellen Haushaltsplanberatungen.

Beifall für die Stadtlücken-Leute

Denn das Experimentierfeld könnte sich rasch in einen Parkplatz rückverwandeln. Wegen der Eile sind die Bezirksbeiräte in Mitte und Süd erst im Nachgang über den Antrag informiert worden – ein Umstand, der üblicherweise Anstoß erregt. Doch in Sachen Stadtlücken ist eh alles ein bisschen anders: Im Bezirksbeirat Süd wurde das Ansinnen, das Projekt unter der Brücke fortzusetzen, überschwänglich begrüßt, die Stadtlücken-Leute mit Applaus bedacht. Im Antrag hat die Verwaltung geklotzt, nicht gekleckert: 1,4 Millionen Euro will man in den kommenden beiden Jahren in das Projekt stecken. Größter Posten ist dabei mit 500 000 Euro die Infrastruktur, insbesondere der Bau einer öffentlichen Toilette.

Treppe ins Heusteigviertel

Was sich bislang im sozialen Probebetrieb bewährt hat, soll nun verstetigt und auf diesem Wege eruiert werden, was baulich an diesem Platz auf Dauer benötigt wird. Diese Erkenntnisse sollen in den Bebauungsplan für das Areal einfließen. Das heißt, auch die jetzt anvisierte Fortsetzung des Projekts ist eine Übergangsphase bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie baulich manifestiert wird. Was sich schon zeigt: Langfristig wird eine Treppe gebraucht, die ins Heusteigviertel führt und die Quartiere verzahnt. Solange aber oben noch der Verkehr mehrspurig hinwegrauscht, ist das Zukunftsmusik.

Obdachlose richtig einbinden

In der nun anbrechenden Übergangsphase will man bewährte Nutzungen beibehalten – etwa Foodsharing, Fahrradwerkstatt, Repair-Café, Co-Working-Ateliers, Werkstatt und Proberäume. Installiert bleiben sollen Sitzmöglichkeiten, Tribüne, Tischtennisplatte, Kicker, Boulderwand und die Kinoleinwand. Die Stadtlücken hatten diese und noch weitere Projekte betreut und dafür ein Budget von 80 000 Euro gehabt. Bei der Arbeit wurden auch Sollbruchstellen sichtbar. Beispielsweise gab es Ärger mit Anwohnern wegen Lärm. Zudem zeigte sich, dass die angestammte Obdachlosenszene nicht einfach kompatibel ist. Geht man zu wenig auf deren Bedürfnisse ein, droht man sie zu verdrängen. Kommt man ihnen entgegen, dominieren sie den Ort. „Man muss schon aufpassen, dass nicht plötzlich andere Angst haben, unter der Brücke durchzugehen“, sagte Hanna Noller von den Stadtlücken in der Sitzung des Bezirksbeirates Süd.

Ehrenamt ist keine Dauerlösung

Laut Noller „braucht es einen Runden Tisch, Absprachen und jemanden vor Ort, der die Menschen kennt und Ansprechpartner ist“. Man würde das gerne in die Hände eines Trägers geben, wofür noch ein Konzept ausgearbeitet werden müsste. Das sieht auch die Verwaltung so. Doch: Augen auf bei der Trägerwahl, warnte die Grünen-Bezirksbeirätin Christa Niemeier. „Wir brauchen ein Management für diesen öffentlichen Raum, weil er sonst verkommt. Aber wir wollen keine Gentrifizierung und keine Kommerzialisierung!“

Die Leute von den Stadtlücken bezweifeln, dass die rund 1,4 Millionen Euro bewilligt werden. Doch gibt es bereits Schützenhilfe von den Grünen, die einen Haushaltsantrag formuliert haben. Im Süden fiebert man nun den Haushaltsberatungen entgegen. „Denn der APCOA-Vertrag ist so gemacht, dass unter der Brücke wieder ganz schnell Parkplätze entstehen können“, warnte Bezirksvorsteher Raiko Grieb. Das Projekt ehrenamtlich weiter zu treiben, wenn es keine Mittel gibt, sei keine Option, sagt Noller: „Wir mussten das Ehrenamt jetzt stoppen, sonst bleibt das immer ein Provisorium.“

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