Fläschchen statt Stillen: An Anfang der Elternzeit hat unser Autor gewisse Angst davor, seinen Sohn satt und zufrieden zu bekommen. Foto: privat

Zu Beginn seiner Elternzeit ist unser Autor die zweite Wahl seines Kindes. Er fragt sich: War es doch zu früh, das Kind von seiner Mama zu trennen?

Unser Baby kann eine elegante Geste: Er wischt Dinge weg. Ruhig, bestimmt, mit einer Handbewegung, als würde er ein Argument vom Tisch fegen. Er kann das sogar mit geschlossenen Augen. In den Wochen vor meiner Elternzeit trifft es vor allem das Fläschchen. Danke, könnt ihr gerne selbst haben. Den Weg zur Brust findet er dagegen immer. Manchmal klettert er auf den Schoß seiner Mama, kuschelt sich an ihren Oberkörper, in perfekter Stillposition, strahlt sie an. Er weiß, wie er kriegt, was er will. Und ich denke: Wie soll man da als Vater in Elternzeit bestehen?

 

Ich war fest entschlossen, mich genauso intensiv um unser Baby zu kümmern wie meine Freundin. Routinen aufbauen. Bedürfnisse erkennen. Eine gute Vater-Kind-Zeit haben. Doch je näher meine alleinige Elternzeit im Dezember rückt, desto lauter werden die Zweifel. Habe ich mich zu wenig reingehängt? Fühlt er sich bei mir genauso sicher wie bei seiner Mutter? Was, wenn er schreit – und erst aufhört, wenn sie nach Hause kommt? Ist es zu früh, mit knapp zehn Monaten so lange von ihr getrennt zu sein?

Mir wird bewusst, was ich verpasst habe, während ich arbeiten war

Dann der erste Tag ohne Mutter zu Hause: Erst gibt es Tränen. Aber nur kurz. Er sitzt auf meinem Schoß, zieht ein Bilderbuch nach dem anderen aus dem Regal, lässt sich von mir zu jedem Lichtschalter und zu jeder Lampe in der Wohnung tragen. „Da!“, ruft er dann. Nach einem Babytreff lacht er mich auf dem Heimweg selbst im lauten und übervollen Bus an. Es ist ein guter Tag.

Und trotzdem wird mir erst in den nächsten Wochen bewusst, was ich verpasst habe, während ich arbeiten war.

Wie klingt müdes Quengeln? Wie unterscheidet es sich von Hunger oder Langeweile? Was beruhigt ihn wirklich? Wann braucht er Ablenkung, wann will er sich in der Trage einkuscheln? Viel Trial and Error, ich bin jetzt der Lehrling meines Kindes. Langsam werden wir in der Zeit ein besseres Team. Aber abends, wenn meine Freundin heimkommt, stürzt er sich fast schon auf sie. Und will auch nicht mehr weg. So viel Zeit, so viel Energie – und du bist trotzdem die Nummer Zwei. Es gibt schönere Gefühle.

Aber wir wachsen immer mehr zusammen, entwickeln unsere eigenen Spiele. Wir krabbeln laut rufend aufeinander zu, dann mache ich eine Brücke und er krabbelt unter mir durch. Ich ziehe ihn im Wäschekorb durch die Wohnung. Wir tanzen so ausgelassen, wie ich mich es in keinem Club trauen würde. Wir drehen uns zum Kinderlied „Wenn die Bären Kolo tanzen“ und nicken mit dem Kopf zu „Mr. Brightside“ von den Killers. Meistens fangen wir beide irgendwann zu kichern an. Natürlich ist nicht jeder Moment so ausgelassen, aber diese Erlebnisse empfinde ich als besonders prägend.

Kuscheln, füttern, tragen: So sieht der neue Alltag unseres Autors aus. Foto: privat

Vor kurzem dann, zwei Monate meiner Elternzeit sind rum: Er guckt erst der Mama zu, wie sie sich für den Tag fertig macht. Dann setzt er seinen kleinen Körper in Bewegung, patsch-patsch-patsch machen die Händchen auf dem Boden. Er krabbelt durch den Flur zu mir in die Küche, bis er an meinen Füßen ist, streckt seine Ärmchen nach oben, will von mir hochgenommen werden. Ich bin jetzt nicht mehr die Nummer 2, sondern die Nummer 1b.

Das Fläschchen wischt er nicht mehr beiseite, er kuschelt sich beim Trinken jetzt manchmal genauso an wie sonst nur beim Stillen. Ich fühle mich ihm näher als je zuvor. Eine Beziehung braucht eben Zeit. Ohne längere Elternzeit wäre sie so wohl nicht entstanden.

Der Autor

Florian Gann
(42) ist Reporter im Team Familie, Zusammenleben und Bildung unserer Redaktion und wurde im Februar 2025 Vater. Seit Ende November ist er in Elternzeit. Er wird in mehreren Artikeln erzählen, wie viele seiner Erwartungen der Realität standhalten. Er lebt mit Freundin und Sohn in Stuttgart.