Es fing ganz harmlos an mit den Heftchen seines Vaters, die er in einer Schuhschachtel entdeckte. Heute ist Hubert 40, und seit 25 Jahren pornosüchtig. Was hat das alles mit seinem Leben gemacht?
Hubert ist 15 Jahre alt, als er auf eine Schuhschachtel mit geheimem Inhalt seines Vaters stößt, ein Zufallsfund. Hubert kennt zu dem Zeitpunkt den „Playboy“ und weiß auch aus der „Bravo“, wie nackte Menschen aussehen. Aber die Bilder, die er sieht, als er den Deckel der Schachtel beiseiteschiebt, sind neu. Nackte Menschen, die Dinge miteinander tun, die er davor noch nicht gesehen hatte. Hubert ist erst verstört, er denkt: „Das kann doch unmöglich Spaß machen.“ Aber nach dem ersten Schock ist er angefixt, eine Jagd beginnt nach immer neuem Material, Sexmagazine am Bahnhofskiosk, Pornos aus der Videothek. Die Scham an der Kasse ist groß, das Bedürfnis nach immer neuem Material ist größer.
Sex? Nicht mehr möglich
Hubert sieht das im Rückblick als Beginn seiner Pornosucht. Er ist heute 40 Jahre alt, wohnt in einer aufgeräumten Wohnung in Stuttgart, arbeitet als Buchhalter, die dunklen Haare trägt er korrekt zur Seite gekämmt. Er spricht ruhig, reflektiert, freundlich. Er wirkt wie jemand, der sein Leben unter Kontrolle hat. Aber auch heute, nach fast einem Vierteljahrhundert, ist die Sucht noch da. Sie macht es ihm unmöglich, eine Beziehung zu führen, obwohl er sich nach Nähe sehnt. Sie macht es ihm unmöglich, Sex zu haben, obwohl er von Sex am Bildschirm abhängig ist. Sie mache ihn arm, zumindest in spiritueller Sicht, sagt Hubert. Auch deswegen will er über die Sucht reden.
Niemand aus seinem Umfeld weiß von der Sucht, keine Freunde, niemand aus der Familie. Hubert ist sein echter Vorname, nur den Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Das Bild zeigt ihn so, dass ihn nicht jeder erkennt, gute Bekannte vielleicht aber schon, so hat er das entschieden. Er habe nichts dagegen, erkannt und auf die Sucht angesprochen zu werden, sagt Hubert. Zu lange habe er alles verdrängt und verschwiegen. Und: „Ich habe die Hoffnung, dass es den ein oder anderen erreicht, damit er nicht dieselben Fehler macht wie ich.“
Die zweite Google-Suche war: „Brüste“
Huberts Teenagerjahre sind erst noch eine analoge Zeit. Wenn man an Pornomagazine oder -videos kommen will, muss man Geld ausgeben. Und die vorwurfsvollen Blicke des Verkäufers aushalten, wenn er das Schmuddelheft über die Theke schiebt. Das bremst Huberts Konsum ein wenig ein. Aber dann kommt das Internet.
Huberts erste Suche im Netz war: „Was ist Google?“ Die zweite war: „Brüste“. Anfangs bauen sich die Bilder noch Zeile für Zeile auf, wer nackte Menschen sehen will, braucht zu dieser Zeit Anfang der 2000er Jahre Geduld. Dann wird das Internet immer schneller, immer mehr Pornoseiten bieten eine kaum überschaubare Zahl an Videos, jede Nische, jede Vorliebe wird bedient, immer ist ein Clip in Klickweite.
Die Freundin erwischt Hubert beim Pornogucken
Huberts Situation in dieser Zeit: Die Eltern sind geschieden. Das Verhältnis zum Vater ist schwierig. Längere Zeit wird er wegen einer Depression behandelt. Er ist schüchtern, hat große Angst vor Ablehnung, manchmal nagende Selbstzweifel. Die Pornos gleichen aus, dass andere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, lösen ein kurzes Glücksgefühl aus. Und er sagt sich: Ist irgendwie auch normal, alle gucken Pornos.
Mit 21 hat Hubert den ersten Sex mit einer Frau, seine erste Beziehung. Endlich ist da jemand an seiner Seite. Das bedeutet viel. Irgendwann erwischt ihn seine Partnerin beim Pornogucken und stellt ihn zur Rede. Er sagt auch zu ihr, das sei normal, alle würden das machen. Zu der Zeit hat er erste Erektionsstörungen. Diese würden bei hohem Pornokonsum häufig auftreten, sagt die Stuttgarter Paar- und Sexualtherapeutin Marion Stelter. Das Gehirn gewöhnt sich an ein bestimmtes Erregungsmuster: Ein Klick, neue Geschlechtspartner am Bildschirm sorgen für Dopaminausstoß, und das ermöglicht Erregung, so erklärt es etwa der Autor Gary Wilson. In einer realen sexuellen Situation klappe es dann oft nicht mehr mit der Erregung, sagt Stelter. Nach fünf Jahren zerbricht die Beziehung von Hubert, er ist wieder alleine. „Auch da habe ich mir noch eingeredet, dass die Pornosucht nichts damit zu tun hat“, sagt Hubert. Er versucht, die Trennung mit viel Alkohol und Party zu verarbeiten, verliert gleichzeitig immer mehr den Antrieb. „Ich war damit zufrieden, genug Geld zu haben, um weiter Party zu machen, und um ab und zu ein neues Video zu kaufen“, sagt er. Sein Pornokonsum steigt Jahr für Jahr an, auf bis zu 15 Stunden pro Woche. An einzelnen Tagen taucht er abends in ein Meer aus Pornovideos ein und kommt erst zum Morgengrauen wieder raus, er sucht das für ihn perfekte Video.
Als die Mutter stirbt, wird ihm klar, wie einsam er ist
In der ganzen Zeit gibt es einen Menschen, zu dem er ein echtes Vertrauensverhältnis hat, wo er sich ausheulen kann: seine Mutter. Auch sie weiß zwar nichts von der Sucht, aber für alles andere ist sie da. Im Sommer 2018 schläft sie eines Nachts ein und wacht nicht wieder auf. „Mit ihrem Tod ist mir erst bewusst geworden, wie einsam ich mich fühle“, sagt Hubert. Er zieht sich emotional zurück. Eine Beziehung, die gerade erst begonnen hatte, zerbricht daran. Er zieht sich noch weiter in seinen emotionalen Schildkrötenpanzer zurück.
„Was, wenn mich meine Mutter jetzt so sehen würde?“
Kurz danach scrollt Hubert durch seine Lieblingspornoseite, er braucht eine kurze Ablenkung, einen Dopaminkick. Er findet ein Video mit der schönsten Frau, die er jemals gesehen hat, so erzählt er es. In dem Clip sind mehrere Männer dabei, sie bespucken und schlagen die Frau, er empfindet die Szenen als hart und übergriffig. Erst ist Hubert wütend auf die Männer im Video. Dann wird ihm klar: „Ich bin ja derjenige, der nach diesem Video gesucht hat.“
Er sitzt mit runtergelassenen Hosen vor dem Rechner und denkt: „Was, wenn mich meine Mutter jetzt so sehen würde?“ Da brechen die angestauten Emotionen aus ihm heraus, die Trauer um die Mutter, die Scham vor sich selbst. Hubert beschließt, nie wieder einen Porno zu gucken.
Da ist eine Stimme in seinem Kopf, die auf ihn einredet, wie das Teufelchen auf der Schulter, das man aus Filmen kennt. Die Stimme sagt: „Komm schon, ist doch nicht so schlimm. Willst du deswegen wirklich aufhören?“ Er verbrennt seine Pornosammlung, Magazine, Videos, ganze Kartons davon. Aber die Stimme gibt keine Ruhe, nicht nach 90 Tagen, nicht nach 180 Tagen, sie ruft einfach immer weiter nach ihrem Stoff.
Was, wenn das Verlangen nicht aufhört?
Heute stellt sich Hubert oft die Frage: „Was ist, wenn es den Rest meines Lebens so ist? Ich werde es sowieso nicht durchhalten, also warum überhaupt probieren?“ Er habe die Sucht zu 60, vielleicht 70 Prozent unter Kontrolle. Er besucht die Selbsthilfegruppe von Love is More für pornosüchtige Männer, aber er findet keinen bezahlten Therapieplatz. Hubert fürchtet die Rückfälle, die Gefahr sei immer dann am größten, wenn er sich einsam fühle. Man könne sich ablenken, arbeiten, mit Freunden was unternehmen. „Aber irgendwann hockt man alleine zu Hause“, sagt er.
Überhaupt, die Einsamkeit. Nach seiner ersten Freundin hatte er es nie länger als ein paar Wochen in einer Beziehung geschafft. Immer, wenn er jemanden trifft und sich mehr wünscht, kommt irgendwann das abrupte Ende und das Gefühl der Abweisung. Manchmal ist da der Gedanke: „Vielleicht habe ich es nicht verdient, mit einer Frau zusammen zu sein“, sozusagen als Strafe für sein Verhalten. „Ich wäre gerne in einer Beziehung, ich sehne mich nach echter Nähe. Aber die Angst vor Ablehnung ist mittlerweile so groß, dass ich nicht mehr nach einer Partnerin suche“, sagt Hubert. „Und selbst wenn das alles nicht im Weg stehen würde, wären da immer noch die Erektionsstörungen.“ Mit der Sucht wurden auch die immer schlimmer. Normaler Geschlechtsverkehr sei nicht mehr möglich, sagt Hubert. Was wäre also, wenn er eine Frau kennenlernt und es intim wird?
Wie viele Menschen sind von Pornosucht betroffen?
Anzahl
Eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten laut Expertenschätzungen als pornosüchtig, Männer sind wesentlich häufiger betroffen als Frauen. Das sind etwa gleich viele wie Internetsüchtige, aber weniger als Alkoholabhängige (1,6 Millionen) oder Spielsüchtige (1,3 Millionen). Aber die Dunkelziffer bei Pornografiesüchtigen ist hoch.
Definition
Von Sucht spricht man, wenn man sein Verhalten nicht mehr kontrollieren kann und die Abhängigkeit Probleme bereitet, seinen Alltag gemeistert zu bekommen