Dass eine Intendanz wechselt, erfährt das Publikum manchmal schon Jahre vorher, so wie im Jungen Ensemble Stuttgart und im Theater Rampe. Andere Bühnen informieren darüber erst nach Vollzug – wie das Renitenztheater, die Tri-Bühne und das Forum Theater. Foto: marqs - stock.adobe.com/Marcus Brandt

In manchen Theatern in Stuttgart wird der Wechsel in der Chefetage öffentlich ausgeschrieben, wie etwa im JES und im Theater Rampe. In manchen Häusern wird darüber intern entschieden, so unter anderem im Renitenztheater. Warum ist das so?

Neues Spiel, neues Glück, das trifft für die aktuelle Spielzeit in manchen Theatern in mehrfacher Hinsicht zu. Zum einen müssen sich die Bühnen auch in Stuttgart nach den coronabedingten Schließungen anstrengen, das bisher eher zögerlich zurückkehrende Publikum wieder zu begeistern. Zum anderen bekamen und bekommen jetzt viele Theater in Stuttgart neue Chefinnen und Chefs. Doch die Art, wie die Posten vergeben werden, unterscheidet sich in ihrer Transparenz erheblich.

 

Öffentliche Wechsel bei JES und Theater Rampe

Drei Jahre im Voraus konnten sich die Öffentlichkeit – und an dem Posten interessierte Künstlerinnen und Künstler – im Jungen Ensemble Stuttgart (JES) auf den Wechsel an der Spitze vorbereiten. Die Bewerbung wurde ausgeschrieben, auf Brigitte Dethier (63), die das Haus seit der Gründung 2002 geleitet hat, folgt im JES Grete Pagan (39), die diese Saison schon einen fulminanten Start hingelegt hat.

Das Rampe-Duo Martina Grohmann (50) und Marie Bues (42), hatte sich ebenfalls explizit einen öffentlich begleiteten Findungsprozess gewünscht. Von der Saison 2023 an werden Ilona Schaal (34) und Bastian Sistig (32) die Geschicke des Theaters im Stuttgarter Süden leiten. Schon jetzt können sich laut der Webseite des Theaters Publikum und Künstler mit den designierten Neuen austauschen: via E-Mail und vor Ort.

Dass die Entscheidungsprozesse über künstlerische Positionen und Intendanzen allerdings nicht immer so, sondern ganz unterschiedlich verlaufen, darüber darf man sich wundern. Rechtens ist es. „Der Gemeinderat der Stadt Stuttgart hat im Oktober 2015 eine Neuregelung zu Findungs- bzw. Besetzungskommissionen geförderter Kultureinrichtungen beschlossen“, so Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner die Sachlage.

Stadt will Transparenz

Kein Zwang zur Intendanzausschreibung

„Hintergrund war, dass die Stadt als eine wesentliche Zuwendungsgeberin grundsätzlich ein legitimes Interesse daran hat, in den Auswahlprozess leitender Positionen einbezogen zu werden.“ Privattheater sind meist als Vereine organisiert und „daher mit einer Vereinsautonomie ausgestattet“. Heißt: „Qua Satzung haben diese Vereine jeweils einen aktiven Beirat, in den wiederum meist Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinderatsfraktionen sowie der Kulturverwaltung entsandt werden.“

Die betreffenden Stuttgarter Privattheater haben keinen durch die Stadt auferlegten Zwang zur Ausschreibung einer neu zu besetzenden Intendanz. Kulturamtsleiter Gegenfurtner: „Allerdings plädiert die Kulturverwaltung im Sinne der Transparenz grundsätzlich dafür, Leitungspositionen öffentlich auszuschreiben – in allen Fällen wurde diese Diskussion durch die Verwaltung aktiv geführt.“

Privattheater können selbst entscheiden

Und dann eben mal so, mal so entschieden. Gegen eine öffentliche Ausschreibung entschied sich das Renitenztheater. Dort folgt Mitte 2023 Roland Mahr (Jahrgang 1975) auf Sebastian Weingarten (Jahrgang 1957), der das Haus 2004 übernommen hatte. Mahr kam 2011 zur Kabarettbühne, erst als Leiter des Theaterbüros, dann als Kaufmännischer Direktor.

Kontinuität im Forum Theater und der Tri-Bühne

Im Forum Theater ist Dieter Nelle (Jahrgang 1958) auf Elke Woitinas (Jahrgang 1938) gefolgt, die das Haus von 1987 bis 2022 geführt hat. Die scheidende Intendantin weist darauf hin, dass ihr Theater die „Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH“ habe, deren alleiniger Gesellschafter der gemeinnützige Forum 3 e. V. sei: „Deshalb war es rechtlich nur erforderlich, die Einsetzung eines neuen Intendanten mit dem Forum 3 e. V. abzustimmen. Auf die Person Dieter Nelle fiel die Wahl, weil er bereits seit 14 Jahren im Forum Theater inszeniert und seit Januar 2021 bereits als Co-Intendant tätig war.“

Renitenz, Forum und Tri-Bühne entschieden intern

Auf Kontinuität setzt auch das Theater Tri-Bühne, das von der 1949 geborenen Gründerin, Regisseurin und Schauspielerin Edith Koerber seit 40 Jahren auch geleitet wird. Hier steht ab der Spielzeit 2023/2024 ein Leitungsdoppel an der Spitze, das so neu nicht ist. Stefan Kirchknopf (1965 geboren), stellvertretender Chef, wird Geschäftsführer. László Bagossy (Jahrgang 1967), wird künstlerischer Leiter.

Auch hier fiel die Entscheidung intern. „Wir wollten sicherstellen, dass das Theater sich nicht radikal verändert, wir wollten es in dem erfolgreichen Modus halten. Wir haben als einziges Privattheater in Stuttgart ein festes Ensemble, und wir haben auch für diese Künstler eine Verantwortung“, sagt der Vereinsvorsitzende Bernhard Bendig. „Tatsächlich haben wir überlegt, ob wir neu ausschreiben, aber unsere Wahl fiel parallel dazu auf Herrn Bagossy, der in der Tri-Bühne 16 Inszenierungen in 20 Jahren auf die Bühne gebracht hat. Er hat eine hohe künstlerische Reputation.“

Der ungarische Regisseur habe sich dem Verein und Vorstand mit seinen „Inszenierungsvisionen“ vorgestellt. „Und wir wissen, er hat ein Händchen dafür, dem Publikum Fragen zu stellen und zum Nachdenken anzuregen, das ist das, was auch Edith Koerber wichtig war. Wir trauen ihm zu, das Niveau und die künstlerische internationale Ausrichtung zu halten und weiterzuentwickeln. Das hat die Entscheidung für ihn beflügelt.“

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