Alessandro Giaquinto (hier zwischen der Tänzerin Vittoria Girelli und dem Choreografen Mauro Bigonzetti) geht neue Wege. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Nach dem Abschied vom Ballett bleibt Alessandro Giaquinto Stuttgart treu. Als neues Mitglied des Produktionszentrums freut sich der Tänzer und Choreograf auf unbekannte Welten – und nimmt ein zweites Romanprojekt in Angriff.

Heiße 37 Grad sind angekündigt für den Tag, an dem Alessandro Giaquinto bei einem Videoanruf im Haus seiner Familie in Reggio Emilia über seinen Abschied vom Stuttgarter Ballett und seine Pläne als freischaffender Künstler spricht. Stahlblau ist der Himmel, bedächtig sind die Gesten des Choreografen und Tänzers, der im Schatten auf einer Terrasse sitzt und spricht, während im Hintergrund Grillen zirpen.

 

Zum Ende der Saison hat der Halbsolist seinen Vertrag beim Stuttgarter Ballett gekündigt. Und man kann sich gut vorstellen, dass er in der Hitze des italienischen Sommers eine erste Ahnung davon findet, wonach er sich sehnte und deshalb den sicheren Job an den Nagel hängte. „Es gibt hier viel Stille und Momente, in denen nichts passiert – mittags zum Beispiel, wenn nach dem Essen alle Siesta machen“, sagt Alessandro Giaquinto.

Viel positive Resonanz erhielt sein erster Roman

Diese Ruhe, die wenig Ablenkung bietet, kommt dem Multitalent entgegen. Auf den Geschmack gekommen ist Alessandro Giaquinto vielleicht während der Coronapandemie. Als sich die Welt aufhörte zu drehen und auch das Stuttgarter Ballett stillstand, holte der Italiener ein angefangenes Buchprojekt aus der Schublade und veröffentlichte seinen ersten Roman, „La forza di chi non è solo“ (Die Stärke, nicht allein zu sein). „Das Buch hat sich sehr gut verkauft“, sagt Alessandro Giaquinto, „ich habe viel positive Resonanz bekommen von Menschen, die mir schrieben, welche Empfindungen es in ihnen auslöste.“ Das Feedback bestärkt den jungen Schriftsteller, nun aus gesammelten Skizzen eine konkrete Idee für einen zweiten Roman zu entwickeln.

Auch für seine Arbeit als Choreograf erhofft sich Alessandro Giaquinto Impulse aus einem Plus an Zeit. „Ich wollte den Rhythmus entschleunigen, damit ich mich besser auf meine Kunst fokussieren kann“, sagt er und erklärt: „Als Choreograf, der gleichzeitig Tänzer einer großen Kompanie wie dem Stuttgarter Ballett ist, war meine Zeit für die Planung und im Ballettsaal begrenzt. Man arbeitet immer schnell und unter Druck.“ Doch gerade die Vorbereitungsphase, wenn er sich mit einem Thema intensiv beschäftige, empfindet der Künstler als „goldene Zeit“.

Alessandro Giaquinto Foto: SB/Roman Novitzky

Glanz lag von Beginn an auf der Karriere Alessandro Giaquintos, bereits als Tanzlehrling stand er mit dem Stuttgarter Ballett auf der Bühne: 2012 hatten Marco Goecke und Louis Stiens für den damals 15-Jährigen die Rolle des Jungen Gene in der spartenübergreifenden Produktion „Dancer in the Dark“ choreografiert. Viele Solo-Rollen und eine lange Liste an Choreografen, mit denen er als Tänzer zusammenarbeitete, machten den dunkelhaarigen Italiener fürs Publikum sehr präsent. 2022 zeigte er für die „Blicke hinter die Kulissen“ im Kammertheater, wie ein Tanzstück entsteht. Das Resultat, das Duett „Yasuragi no chi“, ist nur eine von 15 Choreografien, die Alessandro Giaquinto seit 2016 erarbeitet hat.

Tanzprojekt fürs Tübinger Gitarrenfestival

Weitere sollen folgen, und auch als Tänzer will der 27-Jährige aktiv bleiben. Gleich in beiden Rollen ist Alessandro Giaquinto am 17. November zu erleben, wenn er im Rahmen des Tübinger Gitarrenfestivals eine Choreografie für sich und zwei weitere Tänzer vorstellt. Die Bühne ist mit der Stiftskirche ein Raum, dessen spirituelle Stimmung Alessandro Giaquinto auch als bekennender Atheist schätzt und im Dialog mit zeitgenössischer und klassischer Gitarrenmusik erfahrbar machen möchte.

Stuttgart bleibt auch nach dem Abschied vom Ballett die Basis des Multitalents. „Ich verbinde mit der Stadt ein gutes Heimatgefühl“, sagt Alessandro Giaquinto, der neues Mitglied im Produktionszentrum für Tanz und Performance ist und sich unter anderem beim dort angebotenen Training fit halten will. Die Verbindung zum Stuttgarter Ballett will er auf keinen Fall abreißen lassen. „Ich freue mich aber sehr darauf, auch eine neue Welt und neue Tänzer kennenzulernen“, blickt Alessandro Giaquinto hoffnungsvoll nach vorn.

Alessandro Giaquinto als Choreograf mit dem Tänzer Friedemann Vogel Foto: SB/Roman Novitzky

Der Sprung in die Selbstständigkeit brachte verständlicherweise auch Ängste mit sich. „Ich habe einen Lebensabschnitt begonnen, der mir unbekannt ist, da sind Momente der Unruhe und Sorgen normal“, sagt Alessandro Giaquinto, der inzwischen durchatmen kann. „Die Arbeit kommt nach und nach. Bis Mai sieht der Kalender sehr voll aus.“

Räume für neue Chancen

Ein Projekt darin hat am 5. April in Zagreb Premiere, mit dem Kroatischen Nationalballett wird Alessandro Giaquinto ein Tanzstück zum Thema „Broken Relationships“ realisieren. Die Grundidee einer zerbrochenen Beziehung hat der Künstler in seiner Bewerbung auf das eigene Wurzeln in zwei Ländern übertragen - und ging mit zwei weiteren Choreografen erfolgreich aus dem Wettbewerb hervor. Die Kunst soll zeigen, wie sich an einer Bruchstelle durch ungewöhnliche Begegnungen Räume für neue Chancen eröffnen – und wird vielleicht auch zum Spiegel für Alessandro Giaquintos neuen Lebensabschnitt.

Info

Ausbildung
Der Italiener Alessandro Giaquinto wuchs in Reggio Emilia auf und begann dort seine Tanzausbildung, die er 2016 an der Cranko-Schule abschloss, um als Eleve beim Stuttgarter Ballett zu starten. 2012 übertrugen ihm Marco Goecke und Louis Stiens die Rolle des Gene in „Dancer in the Dark“, einer Koproduktion von Schauspiel und Ballett.

Tänzer
Von einem Part in Hans van Manens „Solo“ über den gestiefelten Kater in „Dornröschen“ bis zu Gremio in „Der Widerspenstigen Zähmung“ reicht die Liste an Rollen, die Alessandro Giaquinto für das Stuttgarter Ballett übernahm. 2021 wurde er zum Halbsolisten befördert.

Choreograf
Der in Scandiano geborene Italiener hat bei den Noverre-Abenden erste Erfahrungen gesammelt, es folgten Auftragsarbeiten für die eigene Kompanie wie „Aedis“ als Teil des Ballettabends „Response II“ und „Ascaresa“ für den jüngsten „Creations“-Abend. Das Solo „Do Butterflies Remember Being Caterpillars?“ choreografierte Alessandro Giaquinto für den B-Boy Lazylegz alias Luca Patuelli, einen teilweise gelähmten Breakdancer.