Als er sechs Wochen alt ist, bringt ihn seine Mutter die Woche über in die Krippe. Spät erkennt Stephan (63), wie ihn das geprägt hat. Wie übersteht ein Kleinkind das emotional?
Es war wie so oft im Leben. Das Offensichtliche erkennt man manchmal nicht. Oder zumindest lange nicht. Genauso ist es Stephan ergangen, der hier nur mit Vornamen genannt werden möchte. Lange war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass sein knapp zweieinhalb Jahre älterer Bruder ein Wochenkrippenkind war. In der Familie erzählte man davon, dass die Mutter den Bruder schon im Alter von nur wenigen Wochen immer montagmorgens in die Krippe gebracht und ihn am Samstagmittag erst wieder abgeholt habe. Sie war quasi allein erziehend, weil der Vater in Mecklenburg studierte, sie arbeitete als Buchhändlerin.
Fünfeinhalb Tage die Woche verbrachte der Bruder getrennt von seiner Familie, betreut von Frauen, die im Schichtdienst wechselten und nachts manchmal, so belegen es die Forschungen der Dresdener Historikerin Heike Liebsch, für bis zu 90 Kinder zuständig waren. Kuscheltiere oder Spielzeug sind auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos aus den Wochenkrippen in den Gitterbettchen nicht zu sehen. Es gibt Berichte, denen zu Folge die Säuglinge nachts in ihren Betten fixiert wurden. Babys und Kleinkinder waren so dem Gefühl völliger Ohnmacht, Einsamkeit und Verzweiflung ausgesetzt.
Ohnmachtsgefühle in der Menge
Dass er Ähnliches erlebt haben könnte wie sein Bruder, kommt Stephan über Jahrzehnte nicht in den Sinn. Das eigentlich auf der Hand Liegende wird für ihn erst „irgendwann 2020“ Teil seiner ganz persönlichen Erzählung seines Lebens. Erst da kommt ihm der Gedanke, dass „wenn der Bruder in der Wochenkrippe war, ich wohl auch dort gewesen sein muss“. Drei Jahre der Bruder und er selbst eineinhalb Jahre.
Vieles passt nun zusammen. Er hat zwar keine realen Erinnerungen an den Aufenthalt dort. In seinem Körpergedächtnis aber ist die Zeit allgegenwärtig. „Man schleppt das doch irgendwie mit“, sagt er. Die Ohnmachtsgefühlen etwa, die ihn in Menschenmengen lähmen und ihn in Angst versetzen.
Der Leipziger Kinder- und Jugendpsychiater Kai von Klitzing nennt Wochenkrippen „eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Kindesmisshandlung“. Diese Form der Verwahrung war in der DDR und auch in anderen sozialistischen Gesellschaftssystemen von den 1950er bis Ende der 1980er Jahre eine gängige Form der Betreuung für Kinder zwischen sechs Wochen und drei Jahren. Mindestens 200 000 Kinder wurden in der DDR in dieser Zeit unter Aufsicht des Ministeriums für Gesundheit unter der Woche von ihren Eltern getrennt – und so auch von ihnen entfremdet. Die Forschung darüber setzt spät um 2015 ein. Und es sind einmal mehr wie schon bei den Heimkindern und Verschickungskindern die Betroffenen selbst, die beginnen, ihr Schicksal zu erforschen.
Emotionale Vernachlässigung
Heute ist Stephan 63 Jahre alt. Ein Mann, der anschaulich und beherrscht erzählt. Er sieht inzwischen klarer. Hat sich Wissen angelesen, sowohl über die historischen Hintergründe als auch die psychischen Verwerfungen, die eine solch prägende Erfahrung bei Menschen hinterlassen kann. So hat er Deutungen für das gefunden, was ihn immer wieder einholt. Der Bindungspsychologe Karl-Heinz Brisch erkennt im Aufwachsen „unter diesem Zwangssystemen“ eine Form der emotionalen Vernachlässigung und Gewalt – mit lebenslangen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und die Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Als Symptome nennt er posttraumatische Belastungsstörungen, Panikanfälle und Depressionen und suizidale Krisen. Mit einer Gruppe, die er im Stuttgarter Selbsthilfekontaktstelle Kiss anbieten möchte, will Stephan nun sich und anderen helfen. „Ich will, dass es mir und den anderen besser geht.“ Da viele Menschen so wie er nach dem Fall der Mauer in den Westen gegangen sind, ist der Wahlstuttgarter überzeugt, dass auch in Stuttgart und Umgebung Betroffene leben.
Denn dass die Zeit viele Spuren hinterlassen hat, merkte Stephan immer wieder. Nach der Wende sucht er sich mit seiner damaligen Frau einen Job im Westen. Erst als Waldarbeiter, dann nach einem Studium als Forstingenieur. Er zieht mit ihr und den gemeinsamen drei Töchtern als Kinderdorf-Vater in eine Betreuungseinrichtung für Kinder und Jugendliche – und merkt, dass ihn die alltäglichen Konflikte mit den Jugendlichen überfordern. Schon als Kind machte er in solchen Situationen innerlich zu. Jetzt wieder. In der Krippe „war das für das Kind Stephan die Rettung“. Für den Erwachsenen funktioniert diese Strategie nicht mehr. „Ich konnte keine Konflikte lösen, ich konnte nur wegtauchen“. Seine Frau und er beschließen, sich als Familie zu trennen. Ende der 1990er Jahre fährt Stephan zu seinen Eltern nach Güstrow, um sie mit Fragen zu seiner Kindheit zu konfrontieren.
Antidepressivum für den Bettnässer
Bis kurz vor der Abreise dort schiebt er die Aussprache immer wieder auf. Am Ende reden sie acht Stunden „über die Dinge, die mich verletzt haben“. Der Vater gewalttätig, die Mutter das akzeptierend, mit diesen Worten umreißt er seine Kindheit. Lange ist er Bettnässer. Ein Symptom, das in Heimzusammenhängen oft auftaucht, wenn Kinder emotional überfordert sind. Seine Eltern suchen Hilfe in der Psychiatrie in Rostock. Dort macht man Tests mit ihrem Sohn und verschreibt schließlich ein Medikament, das seine Eltern die Pinkelpille nennen. Stephan liest jedoch die Bezeichnung, die auf der Verpackung steht: Antidepressivum. Ein Wort, das er nicht kennt. Umso intensiver prägt es sich ihm ein. All das kommt bei dem langen Gespräch auf den Tisch.
Eltern ohne Mitgefühl
Ein Bedauern bei seinen Eltern über das, was willentlich oder auch ohne ihr eigenes Zutun geschehen ist, spürt Stephan jedoch nicht. „Man wünscht sich doch irgendwie Heilung,“ sagt er. Doch die Heilung kommt nicht. Die Eltern liefern zwar Fakten, mehr aber auch nicht. Und das für sie offenbar Selbstverständliche, dass nämlich auch ihr jüngerer Sohn in der Wochenkrippe war, sprechen sie nicht aus.
Heute weiß Stephan, dass sein Leidensweg dort im Alter von sechs Wochen begann und mit 18 Monate später endete. Dann zieht die Familie zum Vater in ein Dorf bei Güstrow. Er hat sein Studium beendet und arbeitet dort als Lehrer. „Zum Glück“, sagt Stephan. Er kommt in eine Art Kindergarten, in dem er sich wohl fühlt.
Frühe Warnungen
Die Wochenkrippe ist ein Puzzleteilchen unter den vielen Grausamkeiten in seiner Kindheit. Es gibt zwar schon zu DDR-Zeiten Stimmen aus der Wissenschaften, die warnen, wie schädlich für die kindliche Entwicklung dieser ständige Verlust der Bezugsperson und der damit einhergehende Bindungsabbruch sei. Von Entwicklungsverzögerungen und Bindungsstörungen war etwa in den Forschungen von Eva Schmidt-Kolmer in den 1970er Jahren die Rede. Aber die Bedenken der „bedeutendsten Krippenforscherin der DDR“, die Medizin und Pädagogik zusammendachte, werden beiseite geschoben. Die Arbeitskraft der Frauen sei dem System wichtiger gewesen, als das Wohlergehen der Kinder. „Es war jede Woche wie ein Abschied für immer“, fasst Stephan das Gefühl existenzieller Not zusammen, dem Wochenkrippenkinder wie er regelmäßig ausgesetzt waren.
„Es ist auf die Resilienz des einzelnen Kindes angekommen, wie sie das überstanden haben“, sagt Stephan. Manchen konnten offenbar mehr wegstecken als andere. Was sich wie ein Widerspruch anhört, brachte den einzelnen eine Auszeit von der Krippe. „Die starken Kinder wurden krank und durften nach Hause, weil auch die Mutter krank geschrieben wurde.“
Austausch untereinander hilft
2017, da lebt er einer neuen Beziehung wegen schon einige Jahre in Stuttgart, beginnt er eine Therapie. Denn immer noch meidet er Konflikte in seiner Partnerschaft, hat lange Phasen depressiver Verstimmungen. 2023 fährt er nach Rostock zu einem Kongress, den die Universität zum Thema Wochenkrippenkinder in der DDR anbietet. Die Kunsthalle dort zeigt die Ausstellung „Abgegeben“. Stephan trifft endlich Menschen, die das Gleiche erlebt haben wie er. Der Kongress öffnet ihm weiter die Augen. Das Reden über Erlebtes und die unterschiedlichen Wege der Hilfe tun ihm gut. In einer der Sitzungen „habe ich dem kleinen Stephan aus der Krippe abgeholt und ihm versprochen, dass er da nie wieder hin muss“, erinnert sich der erwachsene Stephan. Danach, sagt er, „bin ich sehr beschwingt durch die Stadt getänzelt“. Es habe sich so gut angefühlt.
Vor einem Jahr fährt Stephan endlich mit seinem Bruder nach Schönebeck an der Elbe, in der Nähe von Magdeburg gelegen. Sie suchen die Wochenkrippe, in der sie beide waren, fragen sich durch und finden das ehemalige Sparkassengebäude. Es steht dort, wo es die Mutter beschrieben hat. Es ist heute ein Pflegeheim.
Betroffene, die sich mit anderen austauschen wollen, können sich per E-Mail unter stuttgart@wochenkinder.de beim Gründungsinitiator melden.
Die Selbsthilfekontaktstelle KISS Stuttgart befindet sich in Stuttgart in der Tübinger Straße 15. Sie ist unter Telefon 0711/6406117.
Selbsthilfegruppe
Wer
Betroffene, die sich mit anderen austauschen wollen, können sich per E-Mail unter stuttgart@wochenkinder.de beim Gründungsinitiator melden.
Wo
Die Selbsthilfekontaktstelle KISS Stuttgart befindet sich in Stuttgart in der Tübinger Straße 15. Sie ist unter Telefon 0711/6406117.