An warmen Abenden wird der Schlossplatz zum Treffpunkt von hunderten jungen Menschen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was nachts auf dem Stuttgarter Schlossplatz passiert, und ob man dort wirklich Angst haben muss, erklären die Sozialarbeiterinnen Jenny Jarling und Antonia Hacker im Interview.

Stuttgarts Mitte hat sich zu einem Party-Hotspot entwickelt. Auf und rund um den Schlossplatz verbringen mehrere hundert junge Menschen am Wochenende ihre Abende und Nächte. Der Platz hat seitdem einen zweifelhaften Ruf. Aber wer genau feiert dort eigentlich? Warum hat der Schlossplatz so eine Anziehungskraft und wird es ab 22 Uhr gefährlich? Die Streetworkerinnen Jenny Jarling und Antonia Hacker von der Mobilen Jugendarbeit Innenstadt sind dort regelmäßig unterwegs und erklären, wie die Jugendlichen ticken.

 

Frau Jarling, Frau Hacker, warum ist ausgerechnet der Schlossplatz zu so einem beliebten Treffpunkt geworden?

Jenny Jarling: Während der Pandemie waren die Kneipen und Clubs lange zu. In den kleineren Städten in der Region war nichts mehr los. Der Schlossplatz ist zu einer Art großem demokratischen Club geworden, den sich jeder leisten kann - allein wegen der zentralen Lage. In Städten wie zum Beispiel Berlin gibt es gar nicht diesen einen Ort, an dem sich alle treffen. Wir haben hier also etwas ziemliches Cooles, einen tollen Ort, der für alle interessant ist. Jetzt gilt es, ihn auch für alle gut nutzbar zu machen.

Antonia Hacker: Der Schlossplatz ist schon rein architektonisch aufgebaut wie ein riesiger Club. Der Große Schlossplatz ist sozusagen der Main-Dancefloor. Manchmal wird eine zweite Tanzfläche am Eckensee aufgemacht. Aber eigentlich ist dort mehr die Chill-out-Area. Unter den Königsbaupassagen gibt es eine Bühne für Dance-Battles, auf der einen Seite läuft Hip-Hop und auf der anderen Elektro oder arabische Tanzmusik. Die Freitreppe ist die Bar, da wird getrunken, man will gesehen werden und kommt miteinander in Kontakt.

Und der kleine Schlossplatz…

Hacker: … ist der U-18-Club. Da steht Sehen und Gesehen werden im Vordergrund, man kann von mehreren Seiten kommen und gehen, sich in Ecken verstecken und gegenseitig auschecken. Und man kann von oben den Großen Schlossplatz beobachten, bevor man sich hinuntertraut.

Nach welchen Regeln funktioniert der Club?

Hacker: Wer die größte Box hat gewinnt! Nein, im Ernst, das ist eine offene, selbstverwaltete Fläche. Es ist schön zu sehen, wie viel Kreativität manchmal entsteht. Manche spielen auf ihrem LED-beleuchteten Tisch Beer-Pong, andere haben eine bunt beleuchtete Musikbox dabei, mit der sie Musik hören und es kommt zu Tanzbattles oder Roller-Korsos. Und im Gegensatz zu anderen Clubs gibt es hier keinen Dresscode und niemand weiß, welche Musik aktuell gespielt wird.

Wer feiert dort?

Jarling: Derzeit ist die Mehrheit oft über 30. Vergangenen Sommer waren überwiegend junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren da. Arm und Reich hat sich gemischt. Während der Lockdowns brauchten aber natürlich eher die Raum und Luft, die zu dritt mit ihren Geschwistern in einem Zimmer wohnen, als die mit einem großen Haus.

Wenn so viele verschiedene Gruppen feiern – kommt es dann nicht oft zu Konflikten?

Jarling: Wir führen bei unseren Einsätzen sehr ausführlich Protokoll und im letzten Jahr wurde nur in drei von mehr als hundert Nächten die Stimmung wirklich unangenehm. An richtig warmen Abenden waren auf dem Schlossplatz mehr als 1000 Menschen zum Feiern. Dafür ist das wirklich völlig okay.

Was bedeutet Stress?

Jarling: Es gab viele Corona-Beschränkungen und dann hat man nach 22 Uhr versucht, bei alkoholisierten Menschen Regeln durchzusetzen. So etwas schaukelt sich hoch und dann wird die Situation für alle unangenehm. Und es gibt natürlich immer einige, die darauf aus sind, dass es kracht. Die werfen dann zum Beispiel mit Flaschen oder es kommt zu Schlägereien.

Hacker: Wir haben vereinzelt mit Jugendlichen gesprochen, die klar gesagt haben, dass sie nach Stuttgart gekommen sind, um Stress zu machen. Das waren aber vor allem Leute von außerhalb.

Muss man Angst haben, nachts über den Schlossplatz zu gehen?

Jarling: Ich will das nicht bagatellisieren. Es ist bestimmt für den ein oder anderen ein seltsames Gefühl über einen Platz zu laufen, auf dem sich in erster Linie junge Menschen aufhalten, die zum Teil auch betrunken sind. Aber die warten ja nie auf jemanden, den sie angehen können. Die stressen sich wenn dann untereinander, weil einer den anderen schief angeschaut hat oder die Freundin angebaggert hat.

Hätten Sie als Eltern ein gutes Gefühl, wenn Ihre Teenager sagen: „Wir gehen heute Abend auf den Schlossplatz“?

Jarling: Wäre ich als Eltern persönlich nie da gewesen, sondern hätte alles, was ich über den Schlossplatz weiß, aus den Medien oder von Bildern auf Social Media, dann würde ich mir Sorgen machen. Aber das sind Momentaufnahmen und kein Dauerzustand. Es wurde einfach viel Negatives über den Schlossplatz berichtet. Fakt ist: Wir sind dort unterwegs, es ist immer mindestens eine Polizeistreife im Einsatz und es gibt Lokalitäten rund um den Platz, die Security haben. Aber egal wie viel Sicherheit man aufbaut, es kann immer was passieren.

Sind Mädchen und Jungen auf dem Platz gleichberechtigt?

Jarling: Es ist manchmal ein bisschen männlicher, aber wirklich nur ein bisschen.

Sind Drogen ein Problem?

Jarling: Drogen gehören ein Stück weit zu Jugend und Party dazu. Es wird gekifft, aber auch nicht mehr als woanders – auch Drogenkonsum muss man sich erst mal leisten können.

Wie sieht es mit Waffen aus?

Hacker: Es gibt junge Männer, die haben ein Messer dabei, aber das ist absolut nicht die Mehrheit.

Jarling: Die meisten sagen, wie verrückt das ist, ein Messer bei sich zu tragen, wo doch jeder weiß, wie das enden kann. Wir versuchen, in Gesprächen auf Prävention und Vernunft zu bauen.

Hilft das Waffenverbot dabei?

Jarling: Das wird man sehen. Das kommt sicher auch darauf an, wie und vor allem wer kontrolliert wird. Blöd wäre es, wenn es durch ständige Kontrollen wieder zu einer aufgeheizten Stimmung kommt. Wer ein Messer mitnehmen will, wird das weiterhin tun.

Hacker: Wir hören von ganz vielen jungen Menschen, dass vor allem häufige Kontrollen viel Frust auslösen.

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Hat sich die Jugendkultur verändert? Feiern Jugendliche heute exzessiver?

Hacker: Es ballt sich jetzt mehr an Plätzen, die schon immer interessant waren. Je mehr sich treffen, desto mehr Dreck gibt es, desto mehr Lärm, desto mehr Scherben und entsprechend beschweren sich mehr Leute.

Jarling: Auf alten Bildern der Jugendarbeit sieht man, dass früher schon genauso gefeiert wurde, aber da hat man die Bilder nicht auf Instagram geteilt. Und dadurch stand das nicht so im Fokus.

Muss die Stadtgesellschaft akzeptieren, dass junge Leute solche Plätze zu bestimmten Zeiten besetzen?

Hacker: Besetzen klingt mir zu negativ. Wir müssen akzeptieren, dass es die jungen Leute gibt, dass die auch irgendwo sein dürfen und dass sie dort sie selbst sein wollen. Das bedeutet, sie müssen dort flirten oder sich aneinander reiben können, um erwachsener zu werden und sich zu entwickeln. Aber dass den jungen Leuten zu einer bestimmten Zeit ein Platz gehört, auf dem sich sonst keiner wohlfühlt, ist nicht akzeptabel. Aber durch die Öffnung der Theater, der Gastronomie und der Clubs hat sich viel verändert – es sind wieder zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Menschen unterwegs und nicht nur eine Altersgruppe. Das lockert ganz viel auf.

Jarling : Es gibt nun diesen ganz besonderen Club in der Stadt, den sich die Jugendlichen während Corona eröffnet haben. Ich fände es wünschenswert, dass man den jetzt nicht einfach wieder schließt. Der Schlossplatz ist ja nur eine Option mehr. Durch das Leben und das Feiern dort wird niemandem etwas weggenommen – und niemand wird davon ausgeschlossen. Wenn wir es schaffen, dass dieser Club gut läuft, dann sehe ich da nur Gewinn für die Stadt.

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Wer müsste Verantwortung übernehmen in diesem Club, damit es gut läuft?

Jarling: Alle, die in der Stadt leben, müssen mitziehen. Wer aus der Oper um 23 Uhr kommt, muss auf dem Schlossplatz genauso willkommen sein, um den Abend ausklingen zu lassen, wie junge Leute, die ihre Boxen dabei haben, sich unterhalten oder tanzen. Darum sollten die Menschen dort auch einfach wieder hingehen. Ich kann das nur empfehlen, man kann da viel erleben!

Was?

Hacker: Im Moment gibt es Donnerstag bis Sonntag mit der Veranstaltungsreihe „Mein Schlossplatz“ ganz unterschiedliche musikalische, kulturelle und sportliche Angebote für jedermann und jedefrau. Es gibt die Musikbox vor dem Kunstmuseum, Straßenkünstler, Musikanten und Tanzgruppen. Und man kann uns treffen! Der Schlossplatz ist einfach ein schöner bunter Ort, an dem man gerne ist.

Mobile Jugendarbeit

Sozialarbeiterinnen
 Jenny Jarling ist seit 2009 für die Evangelische Gesellschaft bei der Mobilen Jugendarbeit (Mja) im Einsatz, seit Januar 2021 im Team Innenstadt. Zuvor hat die 35-Jährige sieben Jahre in Stuttgart West gearbeitet. Antonia Hacker (32) war fünf Jahre lang für die Caritas in der Geflüchtetenhilfe tätig, bevor sie im Oktober 2020 im Projekt Mja-Innenstadt startete.

Streetwork
 Das Team der Mobilen Jugendarbeit ist von Donnerstag bis Samstag nachts auf dem Schlossplatz unterwegs. Sie stehen auch an einer so genannten „Haltestelle“. Da können sich Feierende ausruhen, Hilfe holen oder ihr Handy aufladen.  

Jenny Jarling und Antonia Hacker (von links) Foto: Mobile Jugendarbeit