Der Stuttgarter Stifterin Christine Stein geht es darum, benachteiligten Kindern kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Mit ihrer Stiftung „Wolkenputzer“ öffnet sie Türen, die sonst verschlossen bleiben würden.
Die Stadt ist deutlich grauer im Norden von Stuttgart. Grauer als im vergleichsweise bunt glitzernden Areal rund um die Stiftskirche, wo Christine Steins ganz besondere Stiftung, um die es hier gehen soll, ihr Hauptquartier hat. Heute ist sie in Freiberg zu Gast. Und das ist eben nicht 0711, sondern 437. So nennen die Freiberger Kids ihren Stadtteil, den internationalen Codes der Hip-Hop-Kultur nach.
Die Wandfarben, die Christine Stein für die heutige Aktion besorgt hat, bringen zumindest für einen Nachmittag ein paar buntere Schimmer in den Alltag, die nicht nur aus Smartphone-Bildschirmen oder Fernsehern kommen. Zwischen Plattenbau und Funpark dürfen die Kinder aus den benachbarten Fürsorgeunterkünften an diesem Tag eine Mauer zur Graffitiwand machen. Etwas, für das man hier ansonsten nur noch mehr Schwierigkeiten bekäme.
Kulturelle Teilhabe ermöglichen
Während die jungen Nachwuchskünstler sich in verschiedenen Schriftzügen, Formen und Figuren verewigen, sprüht der Künstler Jeroo alias Christoph Ganter, der an diesem Nachmittag den Workshopleiter gibt, einen Cartoon- Pandabären im Raumanzug an die Wand. Es ist der sogenannte Wolkenputzer, das Logo von Christine Steins gleichnamiger Stiftung.
Staunend verfolgen die Kinder die Handbewegungen von Jeroo – plötzlich zeigt sich die klobige Dose als erstaunlich filigranes Grafikinstrument. Die Werke des Sprayers sind in der ganzen Stadt zu sehen, aber so nah wie an diesem Nachmittag kommen die Freiberger Kinder der Expertise eines echten Künstlers normalerweise nicht. Zufrieden beobachtet Christine Stein die Aktion. Der Stifterin geht es darum, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Für heute heißt das: Mission erfüllt. Die Nachwuchskünstler werden den Nachmittag nicht so schnell vergessen.
Ein Ortswechsel. Zwischen Reichtum und Geborgenheit und, auf der anderen Seite, knapp bemessenem Leben und Existenzangst liegen in Stuttgart nur 950 Meter Luftlinie. Während die Schlange vor dem Laden der Schwäbischen Tafel an der Hauptstätter Straße seit Beginn der Coronazeit weiter wächst, läuft das Geschäft in den Luxusläden rund um die Stiftskirche bestens, sind die rar gesäten SUV-tauglichen Parkplätze vor der benachbarten Markthalle alle belegt. Hier sieht Stuttgart wirklich so aus, wie es die Stand-up-Komiker der Republik gern skizzieren.
Hier sitzt Christine Stein, die Stifterin und Hüterin der Wunscherfüllungsmaschine, deren Schätze sich nicht mit Geld kaufen lassen. Sie überlässt nichts dem Zufall. Der Journalist wird im verglasten Besprechungsraum gleich vor vollendete Tatsachen gestellt: „Möchtest du lieber Espresso oder Cappuccino? Und sag Bescheid, falls du noch extra Milch brauchst.“ Das Baristakännchen schiebt sie zwischen Espressotasse und Milchschaumgetränk. Und überlässt dem Gegenüber die Entscheidung, mit welcher Koffeinvariante er ins Gespräch hineinstarten will.
Alexander Stein begründet den Gin-Hype
Der erste Eindruck: exzellente Ausstrahlung im extrem gut designten Besprechungsraum. Zwischen der Glasauflage und der eigentlichen Platte des Konferenztisches sind jede Menge Hefte drapiert: diverse Ausgaben des Monkey- 47-Magazins. Das Destillat wurde 2011 auf der International Wine and Spirit Competition zum besten Gin der Welt gewählt – obwohl die erste Flasche davon nur ein gutes Jahr vorher verkauft wurde.
„Gott schütze Johnny vor überraschendem Reichtum“, steht an der Wand, und den Spruch kann man in diesen Räumen nur als Indiz ausgeprägter Selbstironie verstehen. Denn Alexander Stein, Christines Mann, hat es mit dem besagten Getränk in der Tat zu gewissem Reichtum gebracht, überraschend oder nicht. Mit seinem Destillateur Christoph Keller begründete Stein den notorischen internationalen Gin-Wahn mit, der seit Beginn der 2010er-Jahre grassiert. Ehe er Monkey 47 im Jahr 2016 an den französischen Konzern Pernod Ricard veräußerte, für eine Summe, über die Stillschweigen vereinbart wurde.
Und während Alexander Stein sich nun anschickt, mit dem Whiskey namens Horse With No Name die nächste Mixologen-Erfolgsgeschichte zu erzählen, hat Christine Stein ihre eigene Vorstellung davon, was man mit Reichtum alles anstellen kann. Die dreifache Mutter möchte von ihrem Glück etwas zurückgeben, indem sie dunkle Wolken im Leben von Kindern so gut wie möglich wegputzt – in einer, wenn man so will, Kehrwoche der Zuneigung: 2017 gründete sie die Stiftung Wolkenputzer. Heute ist sie als One-Woman-Show unterwegs, um Kinderwünsche zu antizipieren, bevor diese überhaupt geäußert werden.
Zuvor war Christine Stein für große Firmen als Rechtsanwältin tätig. „Im Gegensatz zum juristischen Kontext von früher freuen sich die Menschen heute, wenn ich mich melde“, sagt sie. „Geht es um Jura, erklärt man meistens, was alles verboten ist. Beim Wolkenputzer geht es dagegen um die Dinge, die man darf, die man möglich macht.“
Die Seiteneingänge ins Leben zeigen
Oft sind es reine Zufälle, die interessante Weichen im Leben stellen und Selbstvertrauen schenken. Zum Beispiel: Beim Schnuppertag an der Musikschule ist beim Trompetenunterricht am wenigsten los – und am Ende bestärkt der Trompetenlehrer das Kind, verhilft ihm zum Erfolgsmoment, der zum Berufswunsch Jazzmusiker führen könnte. Oder: Ein Mädchen oder Junge kennt bisher nur Fertiggerichte – und ist von den vielen Gerüchen in der professionellen Küche eines Sternerestaurants so beeindruckt, dass es Köchin oder Koch werden will.
Was aber passiert mit den Kindern, die gar nicht in die Nähe solcher potenziellen Zufälle kommen? Die keine Eltern haben, die ihnen alle Seiteneingänge ins Leben zeigen? Das ist die Stelle, an der Christine Stein in Erscheinung tritt. Die Frau, die Kindern die Wünsche erfüllt, von denen sie oft noch gar nicht wussten, dass sie sie hatten.
„Kindern ab einem gewissen Alter muss man zeigen, was es im Früchtekorb des Lebens alles gibt, damit sie lernen: Was interessiert mich, was mag ich?“, erklärt sie. „Von jeder Erfahrung bleibt etwas, ein Geruch, ein Geschmack. Ich hoffe, dass die Fußspuren, die unsere Erfahrungen im Kopf hinterlassen, später wieder aktiviert werden.“
Die in Stuttgart geborene Stein ist eine Selfmade-Stifterin. Laut dem Bundesverband Deutscher Stiftungen gab es im Jahr 2020 in Deutschland fast 24 000 Stiftungen. Wie schafft man es da, sich als Neuankömmling sinnvoll einzubringen? Stein profitiert dabei von ihrer direkten Art, die keinen Unterschied macht zwischen Großkopferten und Sozialpädagogen. Mit Letzteren („Das sind nur nette Leute“) kommuniziert sie am liebsten über WhatsApp, das sie gern zum Verschicken von Sprachnachrichten nutzt.
Reisen in andere Welten
„Der Wolkenputzer hat zwei Werkzeuge. Zum einen die Wunschmaschine, mit der er konkrete Wünsche erfüllen und finanzieren kann: Geige spielen, Ausflüge unternehmen, einen Urlaub fürs Kinderheim bezahlen. Das zweite Tool sind Reisen in andere Welten, die im Kopf hängenbleiben“, erklärt Christine Stein. Dazu bindet sie Kinder auch auf anderem Wege ein. Beim Kinderbeirat Stuttgart treffen beispielsweise Kinder aus akademischem Umfeld auf Kinder, die nicht ganz so behütet aufwachsen.
Was immer funktioniert: Kunst. Mit dem Esslinger Tim Bengel hat sie dabei gern gearbeitet. Auf einer seiner Vernissagen lernte Stein auch den Graffitispezialisten Jeroo kennen, der gegen Honorar mit den Kindern die erwähnte Fläche in Stuttgart-Freiberg gestaltete.
Blinden Kindern Yoga ermöglichen
Gemeinsam mit starken Partnern konnte Christine Stein in den vergangenen Jahren auch viele Reisen ins für Kinder Unbekannte möglich machen. Gemeinsam mit der Nikolauspflege verhalf sie zum Beispiel blinden Kindern zu Yogastunden – bei einer ebenso blinden Lehrerin.
Die Nikolauspflege hat es ihr besonders angetan. Jene 1856 gegründete Stiftung, die blinden und sehbehinderten Menschen Teilhabe ermöglicht, freut sich über Unterstützer wie sie. „Im Fokus der Wolkenputzer-Stiftung steht die praktische Unterstützung. Auf diese Weise konnte Christine Stein schon mehrfach blinde, sehbehinderte und mehrfach behinderte Kinder der Nikolauspflege ganz konkret und schnell unterstützen“, sagt Christina Schaffrath, Pressesprecherin der Nikolauspflege.
Der Traum von der Villa Kunterbunt
Gerade die Auseinandersetzung mit den blinden Kindern berührt Christine Stein enorm. „Das Leben kann ganz schön hart sein. Wenn die Kinder nichts sehen und dazu noch andere Behinderungen haben, ist das schon sehr tragisch. Das sind echte Schicksale, auch für die Eltern“, sagt Stein, die unter anderem die Bücher von Astrid Lindgren liebt und ein riesiger Pippi-Langstrumpf-Fan ist.
Gibt es denn noch das eine Projekt, das sie gern möglich machen würde? „Ja. Ein offenes Haus, ein Wolkenputzer-Hauptquartier, das könnte ich mir für später vorstellen“, antwortet sie. „Voll mit Ton, Holz und Büchern, ein Ort, an dem die Kinder eine gute Zeit haben können. Wenn man so will: eine Villa Kunterbunt.“
Sie sammelt unbezahlbare Erfahrungen
Bis dahin macht sie weiter wie bisher, erfüllt Kinderwünsche und hofft dabei, dass bei möglichst vielen von ihnen eine Erinnerung oder Inspiration gepflanzt wird, die das weitere Leben positiv beeinflusst. „Wenn nur ein Kind zu uns kommt und später glücklich nach Hause geht, hat es sich am Ende schon gelohnt“, sagt Stein. Auf ihrem Weg als ideelle Reisebegleiterin sammelt sie auch selbst eine Menge unbezahlbare Erfahrungen.
„Die Aufgeweckten bleiben einem im Kopf. Pro Gruppe gibt es ein bis zwei besonders Interessierte.“ Als Christine Stein die erste Blindenyogastunde begleitete, kam am Ende ein Mädchen auf sie zu. Erzählte von sich und seinem Leben, umarmte Christine Stein zum Schluss. „Frau Stein, ich mag dich“, sagte die Kleine, „du riechst so gut“, ehe Stein das Kind noch bis zur Bahn begleitete. Auch eine Stifterin darf einfach mal zutiefst gerührt sein.