Frühestens in zwei bis drei Jahren können in Jettingen (Kreis Böblingen) fünf Windräder der Stadtwerke Stuttgart gebaut werden. Falls genügend Wind weht. Das wird jetzt geprüft.
Zwar sind die Stadtwerke Stuttgart noch in der Planung, aber das Interesse des Stromversorgers ist groß, in Oberjettingen – dem Jettinger Teilort – fünf Windräder zu bauen. Sie könnten 36 Megawatt liefern, und damit 33 000 Haushalte versorgen, also deutlich mehr, als im benachbarten Ort Jettingen vorhanden sind.
Die Gemeinde war auch informiert und involviert, als die Ausschreibung des Windkraftstandortes im vergangenen Sommer angestoßen wurde. Der Jettinger Bürgermeister Hans Michael Burkhardt und auch der Gemeinderat stehen dem Projekt wohlwollend gegenüber. Zwar sind sie nicht die Eigentümer des Waldstücks am Oberjettinger Umspannwerk, denn das ist die staatliche Baden-Württembergische Forstverwaltung, aber es liegt auf der Markung der 8000- Seelen-Gemeinde. Nun beginnen die Untersuchungen und dann kann ein Genehmigungsverfahren eingeleitet werden.
Ein Probemast wird errichtet
Ein Umstand ist auf jeden Fall vorteilhaft: Der Standort auf einem Grundstück im Nordosten des Ortsteils Oberjettingen grenzt direkt an eines der größten Umspannwerke des Landkreises Böblingen, was bedeutet, dass die Einspeisung der erwirtschafteten Wattstunden überhaupt kein Problem wäre.
Zunächst sind folgende Schritte vorgesehen: Nach der artenschutzrechtlichen Prüfung wird voraussichtlich ein Probemast errichtet, der den Wind misst, die so genannte Windhöffigkeit. Das wird dann die Nagelprobe: Erst dieses lasergestützte Messgerät mit dem Namen Lidar wird erweisen, ob es sich lohnt, Windräder zu bauen. Da können durch aus auch Überraschungen entstehen und sicher geglaubte Einnahmequellen mit dem Winde verwehen. Vor einigen Jahren war ein bereits sicherer und guter Standort auf dem Schurwald bei Esslingen ausgefallen, weil trotz der Angaben im Baden-Württembergischen Windatlas zu wenig Winddruck auf die Rotoren kam.
Der Bürgermeister Hans Michael Burkhardt schätzt, das die Anlage in zwei bis drei Jahren genehmigungsfähig ist, wenn alles passt. Auch wenn nun die Stadtwerke Stuttgart die Hoheit über die Windräder haben, bringt die Anlage auch für Oberjettingen Vorteile. Der Bürgermeister rechnet damit, dass die Gemeinde eine kleine Beteiligung am Windstrom bekommt.
Nicht nur wegen des Windparks sieht der Bürgermeister Jettingen auf einem herausragenden Platz bei der Energiewende. Dazu zählt auch das Umspannwerk, das umgebaut werden muss für die geplanten Stromtrassen von Norden nach Süden. Die Gemeinde wird für diesen Ausbau ein zwei Hektar großes Grundstück direkt neben dem Oberjettinger Umspannwerk bereitstellen. Für die Stadtwerke Stuttgart ist der mögliche Windpark ein sehr wichtiger Baustein für das erklärte Ziel, Stuttgart bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu machen. „Rechnen wir den künftigen Windpark mit, dann können wird wir 100 000 Haushalte versorgen“, sagt Karoline von Graevenitz, die Pressesprecherin des Unternehmens. Den Beschluss, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu werden, hat die die baden-württembergische Landeshauptstadt im vergangenen Juli gefasst. Dazu haben die Stadtwerke Stuttgart eine Strategie vorgelegt, mit dem Rückenwind der Verwaltung: „Unsere Stadtwerke sollen mit der städtischen Kapitaleinlage von 100 Millionen Euro mehr denn je zum Motor der Energiewende werden. Dies ermöglicht einen Quantensprung bei den Investitionen für Photovoltaik-Anlagen, in die Wärmewende und die Windkraft“, sagte damals der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper. Der Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, Thomas Fuhrmann, hieb damals in die gleiche Kerbe: „Mit ihrer Strategie wollen die Stadtwerke die Reduktion von bis zu einem Viertel der Emissionen in Angriff nehmen und damit einen relevanten Teil des städtischen Klima-Fahrplans umsetzen. Ich freue mich über diesen ebenso kompetenten wie verlässlichen Partner der Energiewende an der Seite der Landeshauptstadt.“
Die Stadtwerke brauchen drei Milliarden
Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der Stadtwerke, erklärt dazu: „Wir haben uns am Klima-Fahrplan der Stadt orientiert und ganz konkrete Umsetzungsschritte für uns abgeleitet.“ Diese konkreten Umsetzungsschritte umfassen die Strom-, Wärme- und Verkehrswende. Die Stadtwerke Stuttgart rechnen bis zum Jahr 2035 mit einer Investitionssumme von drei Milliarden Euro für alle drei Bereiche.
Das bedeutet letztlich, dass die Stadtwerke Stuttgart den Ökostrom für ihre Kunden künftig selbst erzeugen wollen: Angestrebt werden bis 2035 eine Erzeugungsmenge von etwa 1,7 Terawattstunden pro Jahr. Zu diesem Zweck investieren sie in großflächige Photovoltaik-Freiflächenanlagen, wie eben auch in die Windparks . „Unsere Maxime lautet: so nah wie möglich. Doch klar ist, dass die Erzeugungsmöglichkeiten in und um die Stadt begrenzt sind. Dies gilt insbesondere für die Windkraft. Wir werden aber auch in Stuttgart nichts unversucht lassen“, erklärt Peter Drausnigg. Er ergänzt: „Der Vorteil eigener Erzeugung liegt auf der Hand: Wir werden unabhängiger und können den Kunden stabilere Preise anbieten.“