Ein Blick ins Innere der Stadtbibliothek. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Stadtbücherei feiert Geburtstag. Vor zehn Jahren zog sie vom Wilhelmspalais ins Europaviertel an den Mailänder Platz. Damals war der Neubau umstritten, mittlerweile gilt das Gebäude als Wahrzeichen. Auch wenn man es zugebaut hat.

Stuttgart - Mit einem selbst gebackenen Pflaumenkuchen hat alles angefangen. Dieser diente zur Stärkung und zur Inspiration als Hannelore Jouly, die Direktorin der Stuttgarter Stadtbücherei, und ihre Stellvertreterin Ingrid Bussmann über eine neue Bibliothek sinnierten. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hatte die beiden gebeten, sich Gedanken über einen Neubau im Europaviertel zu machen, damals noch eine Brache. Ihre Ideen über ein großes Haus des Lesens und Lernens, des Entschleunigens und Meditierens mit Wegen zum Flanieren, mit Ruhezonen und einem leeren Raum im Zentrum setzte der Architekt Eun Young Yi in seinem Würfel aus Beton und Glasbausteinen um.

 

Der Neubau sollte in einem See stehen

Es sollte noch 14 Jahre dauern vom Genuss des ersten Pflaumenkuchens bis zur Eröffnung der letztlich 80 Millionen Euro teuren neuen Stadtbibliothek am 24. Oktober 2011. 1999 hatte Eun Young Yi den Wettbewerb gewonnen mit seinem Konzept, die Bücherei vom Wilhelmspalais in einen Würfel zu überführen, der mehr als 40 Meter im Quadrat messen sollte. Der Neubau sollte in einem flachen See stehen, als Sinnbild des Lebens, alles fließt.

Die Wogen schlugen hoch

Doch die Wogen sollten bald hochschlagen. Der Streit über Stuttgart 21 wühlte die halbe Stadt auf. Und mittendrin landete die Bibliothek. Sie sollte nach dem Willen von Schuster Leben ins Europaviertel bringen, die Menschen dort hinziehen. Doch wer Stuttgart 21 ablehnte, konnte diesen Standort nicht gut finden. So flirteten die Grünen im Rathaus mit einem Investor, der einen Standort an der Kronprinzstraße anbot.

Damals entstand auch das bitterböse Wort vom „Bücherknast“. Die S-21-Gegner schlugen damit den Sack, meinten aber den Esel. Eun Young Yi sagte über den Spitznamen augenzwinkernd: „So einen schönen ,Bücherknast’ wie diesen habe ich jedenfalls noch nicht gesehen.“

Vielfach gelobt

Damit war er nicht alleine. Die amerikanische Wochenzeitschrift „Time“ kürte die Bibliothek zu einer der 20 schönsten Büchereien der Welt. Als einzige in Deutschland, in einer Reihe mit den Häusern in Oxford und New York. Im Rückblick scheint die Kritik ebenso typisch schwäbisch wie der Umgang mit der Bücherei. Man strich den See – und einen dritten Aufzug, um ihn hernach zerknirscht und für mehr Geld nachträglich einzubauen. Das kleine Wasserbecken im Erdgeschoß strich man blau, nachdem zu viele Besucher nasse Füße bekommen hatten. Und stand sie eine Weile lang als Solitär und strahlte gut erkennbar in die Nacht hinaus, ist sie nun völlig zugebaut. Die Strabag hatte das Nachbargrundstück von der Bahn gekauft und errichtete darauf ein 60 Meter hohes Hotel. Dass nun die Stadtbücherei verdeckt. Dies war schon im Wettbewerb angelegt, den Bebauungsplan zu ändern wäre möglich gewesen, hätte allerdings eine Entschädigung gefordert. Dazu war der Gemeinderat nicht bereit.

Mehr als eine Million Medien

Die Bücher kann man nicht fragen, ob sie sich zugebaut oder gar eingekerkert fühlen. Die Besucher jedenfalls fühlen sich wohl – und kommen zahlreich. In der Zentralbibliothek am Mailänder Platz und den 18 Stadtteilbibliotheken wurden trotz der zwischenzeitlichen Schließungen wegen der Pandemie mehr als 5 Millionen Medien ausgeliehen. 1,12 Millionen Medien sind im Bestand, darunter 833 592 Bücher. Rund eine halbe Million stehen im Wunderwürfel, einem weitaus schmeichelhafteren Spitznamen.

Bibliothek des Jahres

Doch die Stadtbücherei ist mehr als nur eine Hülle. Sie wurde von der Deutschen Bibliotheksgesellschaft als „Bibliothek des Jahres 2013“ ausgezeichnet. Weil sie schon früh ihr Zukunftskonzept der „Bibliothek als innovativer Lernort“ entwickelt und konsequent umgesetzt habe. „Nach dem Umzug in ein neues Haus wurden besonders im Bereich der Vermittlung digitaler Kompetenzen viele neue, kreative Wege beschritten: Die multimediale Bibliothek bietet beste Bedingungen für das lebensbegleitende, selbstgesteuerte und zielgerichtete Lernen vor allem in der beruflichen Bildung“, heißt es in der Würdigung der Bibliotheksgesellschaft. Die Stuttgarter Bibliothek stehe mit langen Öffnungszeiten, den 24-Stunden Angeboten, einem ausgebauten mehrsprachigem Angebot und mehr als 4000 Veranstaltungen im Jahr für ein qualitativ hochwertiges Bibliotheks- und Kulturangebot.

Ein Anziehungspunkt

Wenig ist dem hinzuzufügen. Nur so viel: Mit ihrer Dachterrasse, dem Café, dem Angebot, sich dort einfach aufhalten, innehalten zu können, ist die Bücherei allen Spöttern zum Trotz zu einem Anziehungspunkt geworden.

Und gerade die Nähe zum benachbarten Einkaufszentrum Milaneo macht den Mailänder Platz mit seinen Wasserspielen zu einem spannenden, manchmal spannungsgeladenen Ort. Da treffen sich eben nicht nur die Bildungsbürger. Ganz im Gegenteil. Die Bibliothek steht zwar am Rande der Innenstadt, aber doch mitten im gesellschaftlichen Leben. Und so mancher, der selten oder nie ein Buch in die Hand nimmt, findet seinen Weg in den Würfel.

Ganz so, wie es Hannelore Jouly und Ingrid Bussmann es gehofft hatten. Wozu so ein Pflaumenkuchen manchmal gut sein kann.

Das Jubiläum

Feiern
Die großen Feiern hat man auf den September 2022 verschoben. Am Samstag, 23. Oktober, gibt es um 14 Uhr stattdessen ein Balkonkonzert am Mailänder Platz. Von 14 bis 16 Uhr gibt es einen Spaziergang rund um die Stadtbibliothek.Bitte Smartphone und Tablet mitbringen. Von 9 Uhr an werden die Höhepunkte des Trickfilmfestivals gezeigt. Das Brick-Figurentheaterzeigt von 17 Uhr an „Die Schlacht um Troja“. Zudem stellt die Bücherei die Erinnerungskoffer vor und Daisy-Hörbücher für sehbehinderteMenschen.