Viele Stuttgarter Schulen ermöglichen Schüleraustausche. Wie ist es wirklich, einige Wochen in einem anderen Land und in einer Gastfamilie zu leben?
Neugier auf den Alltag in einem anderen Land, mal in die Schulgemeinschaft auf einem anderen Kontinent schnuppern, fremde Länder, andere Kulturen, andere Sitten und Bräuche kennen lernen – Erfahrungen, die von keinem Schulbuch weitergegeben werden können und nur im direkten Austausch erlebbar sind. Das sind einige der Gründe, warum sich viele Schülerinnen und Schüler in Stuttgart für einen Schüleraustausch entscheiden.
Zahlreiche Schulen in der Landeshauptstadt unterhalten Partnerprogramme mit Schulen im näheren und ferneren Ausland. Ein bis drei Wochen verbringen Jugendliche dann bei einer Gastfamilie und beherbergen den Gegenbesuch bei sich. Wir haben mit Schülerinnen und Schülern gesprochen, die in den USA, in Großbritannien und in Indien waren.
Königin-Olga-Stift: Adalberto und Lena waren an der McNary Highschool in Salem, USA
Überraschende Momente erlebten Lena und Adalberto vom Königin-Olga-Stift in den zweieinhalb Wochen in Salem (USA). Lena staunte, dass die Geschäfte sonntags geöffnet haben und wie einfach es in den USA ist, einen Führerschein zu machen. Nur 60 bis 80 US-Dollar koste es, die Prüfung zu machen. Ihre 17-jährige Austauschpartnerin hatte bereits ein eigenes Auto und fuhr ohne Aufsicht. Das war allerdings auch eine Notwendigkeit. Denn der 16-jährigen Lena wurde schon bald klar, dass man im Alltag in den USA stark auf ein Auto angewiesen ist.
Adalberto berichtet, dass es sich bei der Partnerschule um ein völlig anderes Schulsystem handelt als in Deutschland: 2000 Schülerinnen und Schüler unter einem Dach und Kurse, die frei gewählt werden. Und bei den Kursen fanden sich ausgefallene Angebote wie beispielsweise Kulinarik. Er hat einen solchen besucht und selbst Ketchup gemacht. Auch die Sportmannschaften der Schule haben einen bleibenden Eindruck bei dem 15-Jährigen hinterlassen. Die Schulen treten bei Wettbewerben gegeneinander an, Eltern und Freunde sitzen dann auf den Tribünen und feuern ihre Mannschaften an. „Die Atmosphäre währenddessen ist toll“, sagt Adalberto.
Sicherheitsalarm an der Schule
Beide sind von der Freundlichkeit der Menschen in den USA begeistert. „Wenn man in einen Laden oder ein Restaurant gegangen ist, waren alle sofort super nett“, erzählt Lena.
Ein Erlebnis, das allen Austauschschülern in Erinnerung bleiben wird, ist der ausgerufene Sicherheitsalarm in der Schule. Ein Ereignis, das sich im Nachhinein als völlig harmlos herausstellen sollte: Ein Obdachloser hatte auf eine Mülltonne vor der Schule eingeschlagen, was dazu führe, dass plötzlich vor den Fenstern die Rollläden runter gingen, die Türen zufielen. Die Situation klärte sich zum Glück schnell.
In der Hoffnung, dass weiterhin genügend Schüler an der McNary Highschool Deutsch als Fach belegen werden und damit auch das Bestehen des Austauschprogramms gesichert werden kann, haben die Jugendlichen des Olga-Stifts Deutschkurse an der US-Schule gegeben: Mit Bingo, Quiz und einem Crash-Kurs wollten sie Lust auf die Sprache machen.
Wirtemberg Gymnasium: Frederik war an der King Edward VI School in Chelmsford, England
Frederik machte sich im vergangenen Herbst mit 15 anderen Schülerinnen und Schüler des Stuttgarter Wirtemberg-Gymnasiums auf den Weg nach England, Zielort: Chelmsford, eine Stunde von London entfernt. Er wollte unbedingt den Alltag in einem anderen Land erleben. Den 13-Jährigen hat überrascht, dass die Schule in Chelmsford einiges später anfängt, allerdings auch länger dauert. Nicht die Klassen haben einen eigenen Raum, stattdessen hat jeder Fachlehrer sein eigenes Klassenzimmer und die Schüler kommen zu den Lehrern. Wie an britischen Schulen üblich, tragen die Schüler Schuluniformen. Die deutschen Besucher zwar nicht, „aber wir wurden darum gebeten, uns zurückhaltend zu kleiden“, berichtet der Achtklässler.
Zwei Mal sind die Jugendlichen vom Wirtemberg-Gymnasium nach London gefahren und haben unter anderem eine Sightseeingtour gemacht. Die Metropole hat Frederik sehr gut gefallen. Auch mit seiner Gastfamilie ist Frederik sehr gut ausgekommen und hat immer noch Kontakt zu seinem Austauschpartner. „Zu Weihnachten haben wir uns gegenseitig Weihnachtskarten geschrieben und neulich über Fußball ausgetauscht“.
Paracelsus Gymnasium: Florentin und Mariella waren an der Los Alamitos High School in Los Alamitos, USA
Kurz vor Halloween sind die Austauschschüler des Paracelsus-Gymnasiums nach Los Alamitos, in der Nähe der Millionenmetropole Los Angeles gereist. „Meine Gastfamilie hatte mich zu Halloween in ein Horrorhaus mitgenommen“, erzählt Mariella begeistert. So etwas hat sie in Deutschland noch nie gesehen. Sogar Spezialeffekte wie extreme Kälte und Wind seien eingesetzt worden.
Florentin erzählt begeistert von dem Nationalpark, den die Jugendlichen besuchten: „Man fährt zwei, drei Stunden und befindet sich dann plötzlich in einer Wüste mit Kakteen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie beeindruckend die Landschaft dort ist.“
Was sind Unterschiede, die die beiden zu Deutschland ausmachen konnten? „Die Schule fängt später an und der Stundenplan ist jeden Tag gleich“, erzählt Mariella – „und es werden Kurse angeboten wie Töpfern, Fotografieren oder Theater.“
Kein Vollkornbrot in den USA
Florentin erzählt von den anderen Dimensionen der Städte: Die Strecken seien weiter und die Straßen hätten gefühlt keine Kurven. Mariella war ebenfalls von den Größenverhältnissen überrascht; beispielsweise in Bezug auf den berühmten Supermarkt Costco. Alles sei riesig und man könne die Waren nur in mindestens Dreierpacks kaufen. Die Kühlschränke seien entsprechend riesig.
„Beim Essen merkt man deutliche Unterschiede“, erzählt Florentin. „Es gibt viel mehr Süßigkeiten.“ Als der Zehntklässler wieder daheim war, habe er bemerkt, dass das Essen frischer sei. „In den USA gibt es mehr Fastfood, was auch sehr lecker sein kann. Aber Vollkornbrot findet man nicht“.
Eberhard-Ludwigs-Gymnasium: Victoria, Sophia und Kassian waren an der St. Francis School in Mumbai, Indien
Sophia hat sich schön länger für den asiatischen Kontinent interessiert und ist fasziniert von der Kleidung, den Tänzen. „Durch den Aufenthalt in einer Gastfamilie haben wir auch einen Einblick in die Kultur bekommen, wie man ihn sonst nicht bekommen könnte“, sagt die 15-Jährige. Abends durch Mumbai spazieren, den Alltag erleben, mit einem anderen Kind in einer Gastfamilie leben ist schließlich etwas anderes, als wenn man zum Beispiel als Erwachsener dorthin reise, schwärmt die Zehntklässlerin.
Der Verkehr auf den Straßen hat Eindruck bei den Jugendlichen hinterlassen. Victoria erzählt: „Auf den Straßen gibt es kaum Verkehrsampeln. Man fährt quer über die Straßen und jeder hupt.“ Kassian fügt hinzu: „Wenn man dort aus der Haustür gekommen ist, hat man 50 Leute gesehen. Wenn man in Stuttgart aus der Tür kommt, sieht man die nächsten zehn Minuten drei.“ Prägend und berührend für die Drei war der große Unterschied zwischen Arm und Reich. Während auf der einen Seite die eher luxuriöseren Hochhäuser stehen, gibt es auf der anderen auch Slums, in denen Menschen unter einem Plastikschirm oder auf dem Kreisverkehr leben.
Morgens gemeinsam auf dem Schulhof
Doch wie sieht der Alltag der gleichaltrigen Austauschschüler in Mumbai an der St. Francis School aus? Bereits um Viertel nach sieben beginnt der Schultag. Victoria erzählt: „Wir sind die fünf Minuten zur Schule mit einem Tuk-Tuk gefahren.“ Den Schultag starten die Kinder mit einem gemeinsamen Gebet und auf dem Schulhof würde von allen die Nationalhymne gesungen, erzählt die Zehntklässlerin. Da die St. Francis School eine Privatschule ist, war sie auch bei weitem kleiner als öffentliche Schulen dort. Doch hier ist immer noch von 1200 Schülern die Rede.
Nach dem Schulunterricht gehen viele zum Förderunterricht. Der sei zwar keine Pflicht, dennoch gehen fast alle hin, berichtet Sophia. „Der ganze Tag ist relativ voll mit Lernen und Bildung“, stellt die Schülerin fest. Doch neben dem Lernen gibt es noch die Freizeit. „Indien ist eine Kultur, in der Sport eine große Rolle spielt“, sagt Kassian. „Nach dem Lernen gehen die Kinder auf die Straße und spielen Cricket und Fußball.“