Die Frau für die großen Gefühle: Astrid Meyerfeldt Foto: Zalewski

Astrid Meyerfeldt schont sich nicht. Sie spielt im Staatsschauspiel Stuttgart fünf Hauptrollen. Für Bergmans „Szenen einer Ehe“ ist sie mit dem Theaterpreis Der Faust nominiert, der am 8. November vergeben wird.

Stuttgart - Die erste Begegnung mit Astrid Meyerfeldt: Eine zarte Frau mit fein frisiertem welligem Haar und hellblauen Puppen-Augen. Eine Singstimme, wohltönend tief. Leichte (Selbst-)Ironie, gepaart mit Pathoslust. Elegante Bewegungen, ausgebreitete Arme, als würde sie die Welt umarmen. Den Kopf im Nacken.

Diese Lady beherrscht die Gesten der Diven. Garbo, Dietrich. Vor allem: Gena Rowlands. „Gena Rowlands“, sagt Astrid Meyerfeldt (54), „ist umwerfend. Großartig. Vorbilder in dem Sinn gibt es ja nicht, aber sie ist eine Schauspielerin, die ich sehr bewundere. Sie hat alles. Sie ist Frau, Mädchen, stark, schwach.“ Mondäne, selbstzerstörerische Schauspielerin oder psychische Grenzgängerin in den Cassavetes-Filmen „Die letzte Vorstellung“ und „Frau unter Einfluss“.

Eine enorme Emotionalität im Spiel, die ist Astrid Meyerfeldt auch eigen. Das war so am jenem ersten eindrucksvollen Abend, den sie in Stuttgart als Gast gab (2011 in Genets „Der Balkon“ im Kammertheater). Und das ist so, seit sie 2013 am Staatsschauspiel Stuttgart engagiert ist, in Bergmans „Szenen einer Ehe“ , Camus’ „Caligula“, Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“, Heins „Drachenblut“ oder in Polleschs „Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist“.

Immer aber frei von Kitsch, weil die Schauspielerin einen Abstand zu großen Gefühlen mitspielt. „Distanz zu wahren ist einfach, ich bin ja nicht diese Figur. Ich versuche etwas in der Figur zu entdecken, aber es fällt mir gar nicht ein, mich in jemanden irgendwie zu verwandeln.“ Das sagt sie an einem Nachmittag in einem Café, das eigentlich zu lärmig ist für eine Künstlerin wie Astrid Meyerfeldt, die auf der Bühne alles gibt, im Alltag aber ihre Gedanken lieber in Ruhe formuliert. Das übrigens, dass es an ruhigen Cafés und Bars fehlt, sei das Einzige, was sie dann doch etwas vermisse in Stuttgart. Ansonsten – so viel Schönes, der rasch zu erreichende Wald und das so gut ausgestattete Theater mit den tollen Mitarbeitern auch hinter der Bühne – da sei es für sie keine Frage gewesen, nach Stuttgart zu gehen, als Armin Petras ihr das Angebot unterbreitete.

In Basel war das, da hatten sich die beiden eigentlich in Berlin lebenden Künstler getroffen. Petras inszenierte eine Oper, Meyerfeldt spielte Schnitzlers „Das weite Land“ und inszenierte ihren ersten Theaterabend – Assoziationen zum „Tristan und Isolde“-Stoff. Leuchtende Augen. „Eine wichtige, wertvolle Erfahrung, einen Rhythmus zu finden, die Themen zu ordnen, die Texte zu arrangieren.“

Direkt nach der Regiearbeit, sagt sie, habe sie gedacht: „Ich will nur noch Regie führen.“ Sie lacht. Nach Bergmans „Szenen einer Ehe“ im Herbst 2013 am Schauspiel Stuttgart habe sie aber schon wieder anders gedacht – dass Schauspielen auch ganz schön großartig sein kann.

In der Tat. Nominiert für den Theaterpreis Der Faust ist sie für ihre Rolle der Ehefrau Marianne in „Szenen einer Ehe“. Aber nicht nur, weil sie einen Spagat und schier unzählige Liegestützen beherrscht. Astrid Meyerfeldt holt die im Film defensive, zaghafte Figur ins Jetzt. Ihre Marianne ist eine intellektuell wendige und überhaupt sehr impulsive, oft spöttische Frau von heute. Und eine witzige. Sie widerlegt die These, dass vor allem Männer und höchstens die schrägen, nicht aber die schönen Frauen lustig sein können. „Ich zähle mich auch eher zu den Schrägen. Und ich sehe das auch ganz anders. Ich kenne sehr viele Frauen mit Humor im Theater. Es ist mir zutiefst eigen, Dinge auch mit Humor zu betrachten.“

Und es gelingt Astrid Meyerfeldt ein kleiner Triumph des Theaters über Film und Fernsehen. Manch einer mag wegen der Prominenz Joachim Króls ins Theater gegangen sein, herausgekommen ist er ziemlich sicher begeistert von Astrid Meyerfeldt. Die Schauspielerin runzelt die Stirn, wehrt ab: „In solchen Kategorien denke ich nicht. Das hat für uns keine Rolle gespielt. Wir sind seit den Proben und den diversen Gastspielen so eng zusammengewachsen“, sagt Astrid Meyerfeldt, das „so“ betonend, und presst die Zeigefinger aneinander. Und was die Sache mit den Liegestützen betreffe: „Das schaffe ich normalerweise gar nicht. Nicht in der Menge. Das ist das reine Adrenalin.“

An Verausgabung, nicht nur an physischer, spart die Künstlerin nicht. „Ohne Leidenschaft braucht man gar nicht erst anzutreten.“ Das sage sie auch immer, wenn sie Studenten Schauspielunterricht gibt: „Im Theater geht es immer um Leben und Tod. Es gibt keine Neutralität, es ist doch schlimm, wenn einen nichts aufregt.“ Astrid Meyerfeldt macht eine kurze Pause. „Aber das Wichtigste: Muße. Langeweile aushalten. Nur so kommt man auf neue Gedanken.“ Also, ohne Begeisterung geht es nicht.

Das betrifft die Rollen, auch die Art, wie die 1960 in Rostock geborene Künstlerin über Texte redet, Christoph Heins „Drachenblut“ etwa: „Das ist eine unglaubliche Fülle an gesellschaftlichen und philosophischen Themen.“ Dass das 1982 in der damaligen DDR erschienene Werk bis heute funktioniert, liege sicher auch daran, dass es das Thema Grenze, Eingesperrtsein in einem universellen, für alle Gesellschaften funktionierenden Sinn behandelt. Astrid Meyerfeldt: „Wir hier und heute sind ja auch ständig Zwängen ausgesetzt. Wer ist schon wirklich frei?“

An dem Abend hat sie viel Text zu gestalten – und immer, auch schon in „Der Balkon“, gibt sie den Abenden einen besonderen Glanz. „Man muss schon bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Doch das geht natürlich nur, wenn man eine gute Truppe ist. Und das waren wir sowohl im ,Balkon‘ als auch jetzt in ,Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist‘“ – von René Pollesch, den sie aus ihrer Zeit an der Berliner Volksbühne kennt. Eine schöne Wiederbegegnung, sagt sie. „Ich habe bisher so viel Glück gehabt und mit so wunderbaren Leuten arbeiten dürfen.“ Vielleicht geht sie deshalb so verschwenderisch mit sich um. Gefährlich. „Na ja, Balance ist schon das richtige Stichwort. Ich arbeite daran.“ So sehr man ihr Erfolg dabei wünscht, auf der Bühne wird daraus auch künftig nichts werden. Ein Glück.

Nächste Theaterabende: Polleschs „Du weißt einfach nicht, was die Arbeit ist“: 9., 10. 11., Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“: 26. 11., Bergmans „Szenen einer Ehe“: 30. 11. Karten: 07 11 / 20 20 90.

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