Er zelebriert jeden Text und brilliert regelmäßig auf der Bühne des Stuttgarter Schauspiels. Und dann diese Augen. Begegnung mit dem Ausnahmeschauspieler Marco Massafra.
Es gibt Schauspieler, denen es scheinbar gleich ist, ob sie gerade einen Kleist-Monolog sprechen oder die Gebrauchsanweisung für einen Staubsauger herunterzuleiern. Diese Unempfindlichkeit gegen jegliche Eigenheit eines Textes kann reizvoll sein – oder auch nicht. Marco Massafra aber gehört zu jenen wundersam beim Spielen über die Sprache selbst nachdenkenden Bühnenkünstlern, denen es fast immer gelingt, noch dem banalsten Satz etwas Schönes, Kluges oder Interessantes zu schenken. „Ich mag eine konturierte Textbehandlung“, sagt Marco Massafra bei einem Treffen im Foyer des Stuttgarter Schauspiels. „Bühnensprache ist für mich immer artifiziell.“
Das Profane wird zur Kunst
Das hört man tatsächlich nicht oft im Theater, wo seit geraumer Zeit die Umgangssprache dominiert. Authentisch will man ja sein. Marco Massafra aber zelebriert den Text, indem er ihn seziert und phrasiert, jede Silbe präzise betont. So wird selbst das Profane bei ihm zur Kunst. Und die Wirklichkeit zur Fiktion.
Genau wie in „Die Erfindung“, dem dritten Auftragsstück von Clemens J. Setz für das Stuttgarter Schauspiel. Ein trashiges Psychodrama, das im Schlafzimmer eines auf den ersten Blick glücklichen Paares seinen behaglichen Anfang hat. Katharina Hauter und Marco Massafra liegen in ihrem Ehebett, schmusend, diskutierend, lesend. Wirklich entzückend, alles könnte so nice sein.
Wenn da nicht die dauerlärmenden Nachbarn wären. Am Krach der Anderen kann ja so eine moderne Beziehung zweier tendenziell linksliberaler Großstädter schnell scheitern – oder sich ins Surreale verabschieden. Neben dem deutlich artikulierten Wunsch, die Hausmitbewohner zu ermorden, wird ein Buch mit dem Titel „Wormed“ zum Katalysator für das dunkle Begehren. Massafras Protagonist lässt sich von dem Werk inspirieren, in dem es um grausige Verstümmelungen geht, allen voran an Frauen.
Perverse Fantasien
Bald schon wird ein Online-Shop eröffnet, mit zweifelhaftem Angebot und drastischen Folgen. Marco Massafras Figur verwandelt sich nahezu unmerklich vom politisch hyperkorrekten, wohlsituierten Öko-Bohemien in Birkenstocksandalen in einen geifernden Freak, der an seinen perversen Fantasien fast irre wird. Dabei spielt Massafra wunderbar mit den gängigen Männlichkeitsbildern, mit dem Klischee vom sensiblen Schmerzensmann. Der fleischgewordene Triebverzicht.
Marco Massafra, ein bekennender Fan des österreichischen Theaterautors und Büchner-Preisträgers, ist glücklich über die Rolle und das Stück, das für ihn eine große Strahlkraft hat. „Die haben so viel Dreck im Kopf. Was zu was geführt hat, ist keiner dieser Figuren bewusst. Trotzdem behauptet man vor der Welt: Schaut her, ich habe alles im Griff, ich bin moralisch unangreifbar. Dieses unglaublich abwischbar schnelle Hineinschlüpfen in verschiedene Bilder – das ist schon Zeitgeist“, resümiert Marco Massafra.
Was ist schon ein schöner Mann?
Nicht nur in „Die Erfindung“ findet der 1981 in der Schweiz geborene Schauspieler auch überaus reizvolle Antworten auf die Frage, wie man heute noch einen gut aussehenden, großgewachsenen, sich elegant bewegenden Mann auf der Bühne verkörpern kann. Wobei: Was ist schon ein schöner Mann? Denn eigentlich ist es in Zeiten von Body Positivity und den unendlichen Debatten um toxische Schönheitsideale streng verboten, über das Aussehen Urteile zu fällen. Das gilt auch für Männer. Alle sind schön, jeder ist Romeo, zumindest im deutschsprachigen Theater.
Und doch scheint es plausibel, dass ausgerechnet einer wie Marco Massafra mit seinen abgründig blauen Augen, diesen feinen Gesichtszügen und dem vollen Haarschopf in Shakespeares „Sturm“ – in der Inszenierung von Burkhard C. Kosminski – den hübschen Ferdinand spielt und sich von der in die Liebe verliebten Miranda (Camille Dombrowsky) unsittlich berühren lässt.
Beim Männerseelenausleuchter Massafra hat das Patriarchat, der Machismo allerdings ausgedient. Der Superkerl, das scheiternde Wesen. „Ja, das beschäftigt mich von Beginn meiner Zeit im Theater an. Die Frage, was männlich ist, was Sex-Appeal ist. Und wie man sich darüber lustig machen kann“, sagt Marco Massafra und gibt zu, dass dieses Kunsthandwerk vom Aussterben bedroht ist.
Dass er es beherrscht, liegt übrigens auch am Video-Recorder seines Vaters, der im Haus in schweizerischen Liestal die Lieblingsfilme auf VHS-Kassetten aufnahm – ältere Cineasten werden sich erinnern – , die der Sohnemann dann bis zum Bandsalat anschaute. Seine Helden waren Ikonen wie Marcello Mastroianni oder Jean-Paul Belmondo. Aber auch göttlich komische Nervensägen wie Pierre Richard. Die ironische Fallhöhe ist eindrucksvoll, der Grat zwischen Coolness und Lächerlichkeit ganz schmal.
Absage und Ähnlichkeit
Dass er sich bei den gefeierten Mimen des europäischen Kinos einiges abgeschaut hat, ist ersichtlich, und der junge Massafra will noch mehr und bewirbt sich nach der Schule sogar in Rom, um an der dortigen Filmhochschule den Beruf des Regisseurs zu erlernen. „Aber das war das klassische Luftschloss“, erzählt er lachend.
Und weil er sich nach der Absage an die Worte einer Lehrerin erinnert, die ihm eine Ähnlichkeit mit dem großen Charakterdarsteller Ulrich Mühe attestiert, bewirbt er sich als Schauspieler. „Mir ist das so abwegig vorgekommen, dass ich es wiederum reizvoll fand“, sagt Marco Massafra.
In Graz, in Berlin spricht er vor, und in München, wo er dann angenommen wird. Das schauspielerische Rüstzeug hat sich Marco Massafra als an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule besorgt, wo er abends schon mal einen seiner späteren Kollegen in Stuttgart auf der Bühne sehen durfte: André Jung, seinerzeit fest im Ensemble an den Münchener Kammerspielen unter dem Intendanten Johan Simons. Heute ist André Jung aus dem Schauspiel Stuttgart nicht mehr wegzudenken.
Marco Massafra ist voller Bewunderung für den Älteren, der feinnervig, manchmal mit fast flirrend berückender Präsenz agiert. Auch Marco Massafra arbeitet ähnlich, eine Rampensau will er jedenfalls nicht sein. Und dass Massafra dermaßen freundlich und zurückgenommen über andere spricht, ihr Können anerkennt, das ist schon bemerkenswert und ungeheuer sympathisch.
Und amüsant. Man kann mit dem Freizeitkicker über Fußball plaudern (Lieblingsverein: Inter Mailand), über Jazz (Massafra spielt selbst), über italienische Autoklassiker (Massafra wollte als Junge Autohändler werden) oder über die immense Disziplin, die der Schauspielberuf einem tagtäglich abfordert. Massafra selbst ist ein umsichtiger Vielspieler, der weiß, was er seinem gut trainierten Körper abverlangen kann. Massafra ist aber auch einer dieser Stückeverschlinger, bei denen das Publikum sich absolut sicher fühlt, einer, der seinen Text traumwandlerisch stets perfekt verinnerlicht hat. Und Massafra ist einer, der – so scheint es – nie wegen Krankheit oder Verletzung eine einzige Vorstellung ausfallen lassen muss. Ein Glück für jeden Schauspielchef.
Von Bochum nach Stuttgart
Nach seinen Lehrjahren in München geht, arbeitet Marco Massafra frei, gastiert am Residenztheater München und am Theater Bern, bevor er nach Bochum ins Festengagement geht. Am dortigen Schauspiel lernt er auch seine Partnerin kennen, die Schauspielerin Therese Dörr, beide wechseln zur Saison 2018/19 nach Stuttgart. In Esslingen lebt das Paar mit den drei Kindern. Ein schauspielerndes Paar, ein Theater, eine Familie mit einer einzigen Adresse – das ist wohl die Quadratur des Kreises.
Und wenn es nach Marco Massafra geht, kann das alles genau so weitergehen, denn er ist, wie er versichert, hier in Stuttgart längst angekommen, an jenem Theater, wo es nicht nur einen Intendanten, sondern auch ein Publikum gibt, das talentierte Schauspieler wie Marco Massafra zu schätzen weiß. „Das Größte ist es einen Beruf zu ergreifen, in dem man glücklich wird.“ Wie gut, dass Marco Massafra kein Autoverkäufer geworden ist.
Info
Stücke
Aktuell zu sehen ist Marco Massafra in Tomer Gardis „Eine runde Sache“ am 26., 27. September, 10., 11., 23., 24. Oktober, 8. und 9. November im Kammertheater, in Clemens J. Setz „Die Erfindung“ am 15., 19., 30., 31. Oktober, 1. November im Kammertheater. Und er wird in Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ mitspielen, Premiere ist am 16. November im Schauspielhaus.