Ann Kathrin Ast hat schon als Musikstudentin gern geschrieben. Jetzt hat die Cellistin einen Roman veröffentlicht – und zeigt in „Beat“, wie ein Traumberuf zum Albtraum wird.
Jeden Abend musizieren Orchester landauf, landab; gemeinsam gestalten viele Künstlerpersönlichkeiten Großes. Dass diese Leistung nicht selbstverständlich ist, ahnt, wer Ann Kathrin Asts Debütroman „Beat“ liest. Die Autorin, 1986 in Speyer geboren und heute in Stuttgart zu Hause, ist selbst Musikerin und hat an der Hochschule in Mannheim studiert – wie ihr Protagonist Beat. Die Sinnkrise, in die sie ihn im Abschlussjahr stürzt, speist sie aus eigenen Erfahrungen.
„Ich hätte mir vorstellen können, in einem Orchester zu spielen“, sagt Ann Kathrin Ast bei einem Gespräch über die Inspiration zu ihrem ersten Roman. „Ein Traum, der geprägt war von meiner Zeit in Jugendorchestern.“ Für Beat wandelt er sich zum Albtraum. Im Bundesjugendorchester hatte sich der talentierte Perkussionist bereits als Musikelite gefühlt. Doch am Ende des Studiums gerät er aus dem Takt, den sein bisher auf die Musik konzentriertes Leben vorgab.
Sechs Stunden üben am Tag, Prüfungen, Konzerte, das war Beats Leben. Doch als er die Konsequenzen erkennt, ändert sich sein Fokus. Mit immer denselben Stücken auf langer Probespiel-Tour, um eine Stelle zu ergattern? Dann bis zur Rente Dienst in einem Orchester an einem Ort, den man nicht selbst gewählt hat? Ann Kathrin Ast hat für ihren Blick hinter die Kulissen der E-Musik auch Erkenntnisse aus ihrem Umfeld verarbeitet. Dazu zählt, dass für ältere Orchestermusiker ein Wechsel kaum möglich ist, jenseits der 35 finde niemand ein neues Engagement, sagt die Autorin.
Rauschhafte Verbindungen
Wie sich Beats Beziehung zur Musik und damit zu allem ändert, schildert Ann Kathrin Ast in einer sich immer stärker verdichtenden Sprache, die Auflösungsprozessen nachspürt. „Die Wahrnehmung wird unsicherer, wenn man in einer Lebenskrise ist; das habe ich weitergesponnen“, so die Autorin. Ein Perkussionist mit gestörtem Zeitgefühl, der Realität und Fantasie vermengt? „Ein Supergau. Musik ist eine verrückte Welt, man ist rauschhaft verbunden mit einem Instrument und muss Leistung auf Knopfdruck erbringen“, weiß die Cellistin aus eigener Praxis.
Ihren Protagonisten lässt sie mit Kater aus diesem Rausch erwachen und den Rhythmus stören, den er als Perkussionist doch perfekt halten soll. Ein starkes Bild; zudem will die Cellistin mit der Verschiebung von Geschlecht und Instrument die Distanz zwischen sich und der Kunstfigur Beat betonen. „Es muss doch mehr geben“, diese Frage, blickt die heute 37-Jährige zurück, habe sie sich als Studentin im Überaum aber ebenfalls gestellt. „Wer könnte ich noch sein, wenn ich mich nicht den ganzen Tag mit Musik beschäftige?“
Die Krise außen spiegelt die innere
Auf der Suche nach Antworten verliert sich Beat. Die innere Krise spiegelt Ann Kathrin Ast in einer äußeren; dafür hat sie die Zeit ihres Studiums mit der Bankenkrise übernommen. „Die Unsicherheit, die da von außen mit einer drohenden Geldentwertung hereinspielt, zieht eine Parallele zu dem, was Beat passiert, der die Musik verliert“, sagt die Autorin. „Diese Schwierigkeit, sich in der Welt eine Zukunft zu finden, besteht ja heute genauso.“
Schreiben als beglückende Erfahrung
Ann Kathrin Ast gab das Schreiben Halt. Schon während des Studiums begann sie für den „Mannheimer Morgen“ zu arbeiten, veröffentlichte Konzertkritiken und Porträts. „Das Schreiben über Musik war für mich reizvoll und beglückend,“ sagt sie. Als sie sich im Überaum lieber damit als mit ihrem Instrument beschäftigte, begann sie über einen Plan B nachzudenken.
Ihr Umfeld habe verständnislos reagiert, sagt sie, aber erste Erfolge und Stipendien machten der jungen Autorin Mut. Dem Musikstudium schloss sie einen Master in mündlicher Kommunikation und Rhetorik an. „Das war auch eine Flucht“, antwortet Ann Kathrin Ast auf die Frage, warum sie nicht ein Literaturstudium gewählt habe. „Nach der Enge im Übungsraum, wo jeder auf sich allein gestellt ist, wollte ich auf andere zugehen.“ Als Cello-Lehrerin und Literaturvermittlerin tut sie das heute beim Unterrichten und in Workshops.
Gedichte übers Gebären und andere Grenzerfahrungen
Eine präzise zugefeilte Sprache, die Liebe zum Uneindeutigen fällt in „Beat“ auf. Dass Ann Kathrin Ast auch Poesie macht, verwundert nicht, eben ist ihr Lyrik-Band „vibrieren in dem wir“ erschienen. „Im Schreiben kann ich Dinge formulieren, die ich nicht aussprechen könnte“, sagt sie, vom Gebären und anderen Grenzerfahrungen handeln ihre Gedichte. Aktuell arbeitet die Mutter zweier kleiner Söhne an ihrem zweiten Roman. „Beim Spazierengehen kann ich gut nachdenken, später das Gefundene notieren“, sagt sie, Gedichte entstünden nicht so leicht zwischendurch. „Da muss ich tiefer in einen anderen Zustand abgleiten.“
Es gibt auch Happy Ends
Die Musik bleibt für Ann Kathrin Ast in jedem Fall ein Leitmotiv. Ihr Gedichtband endet mit dem Satz „ab hier bitte nur singen“. Beats Schicksal hält sie offen, in der Realität sieht sie auch die Möglichkeit eines Happy Ends: „Wenn man es schafft, sich auf dieses Kollektiv einzulassen, kann Orchestermusiker der schönste Beruf auf Erden sein.“
Info
Termine
Am 19. April um 19.30 Uhr stellt Ann Kathrin Ast ihren Roman „Beat“ im Haus der Kunststiftung Baden-Württemberg in der Gerokstraße 37 vor. Begleitet wird die Lesung von der Perkussionistin Leonie Klein; sie spielt Werke von Xenakis, Bizet, Eötvös und Cangelosi, die teilweise auch im Roman auftreten. Im Rahmen der Buchmesse in Leipzig liest Ann Kathrin Ast am 27. April aus ihrem Gedichtband und am 29. April aus ihrem Roman.
Leben
1986 in Speyer geboren, studierte Ann Kathrin Ast an der Musikhochschule in Mannheim Cello; in Regensburg folgte der Master in Rhetorik. Als Schriftstellerin hat sie zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Söhnen in Stuttgart und ist als Cellistin, Cello-Lehrerin und Literaturvermittlerin tätig.
Taktgefühl
Vokabular und Wissen um die Kunst der Perkussion hat sich Ann Kathrin Ast unter anderem in Videos mit Meisterkursen von Martin Grubinger erarbeitet.
Bücher
Ann Kathrin Ast: „Beat oder In diesem trockenen süßlich riechenden Nebel“, Roman. Oktaven-Verlag. 231 Seiten. 24 Euro. Ann Kathrin Ast: „vibrieren in dem wir“, Gedichte. Illustriert von Michelle Concepción. Parasitenpresse. 58 Seiten. 12 Euro