Die Bands Sloe Paul und Scharping sind bei der Klinke im Merlin in unterschiedlicher Tonlage auf popmusikalische Zeitreisen gegangen.
Eine interessante Paarung gibt es am Freitagabend, bei der Klinke, dem Sommermusikfestival im Merlin, ein kurioses Double-Feature: Erst stehen Sloe Paul auf der Bühne, dann Scharping. Und obschon Scharping irgendwann verkünden: „Wir sind Scharping aus Berlin“ – es weiß doch jeder, dass die Spuren beider Bands zurück in den Stuttgarter Kessel führen und sich dort auch manchmal kreuzen.
Beide schöpfen aus der Nostalgie, spielen mit Pop-Versatzstücken lang vergangener Zeiten. Bei Sloe Paul geschieht das langsam, verträumt, mit einem Gesamtklang, der einen Himmel heraufbeschwört voller Triangeln, Klanghölzer, schimmernder Gitarrensoli und groovender Keyboards – bei Scharping mit einem Knall, mit Aberwitz, wilden Kostümen, irrem Getrommel, manchmal brachialem Lärm, dann wieder mit Funk, freundlichem Gitarrengeschraddel und Geschrei: ein großer Klamauk, eine verrückte Collage. Wunderbare Melodien, selbstbewusste Lo-Fi-Attitüde und sehr viel Ironie haben sie beide.
Sloe Paul spielen ausgefeilten, schwebenden Retro-Pop
Sloe Paul ist das Projekt von Paul Abbrecht, der 2018 ein erstes Album veröffentlichte und 2020 ein zweites. Er macht vieles alleine als Multiinstrumentalist, auf der Bühne begleiten ihn Tim Bohner, Marius Alsleben, Marcus Schreiter und Marius Schwingel. Ihre Musik ist hochsensibel, leidenschaftlich ausgefeilter, schwebender Retro-Pop. Abbrecht steht am Keyboard, singt mit Kopfstimme. Die Lieder seufzen innerlich, gleiten dahin in großer Schönheit. Und plötzlich steigt ein Groove auf, dehnt den Song motorisch, scheinbar endlos: Das muss das Lieblingsstück des Drummers sein, der außerdem Geburtstag hat, so hört man.
Scharping, die sich vielleicht nach einem ehemaligen Verteidigungsminister benannten, gehen die Sache anders an. Sie bestehen aus Angelo Fonfara, Christian Heerdt, Jermain Herold und Kevin Kuhn. Kevin Kuhn spielt Schlagzeug auch bei der großen Stuttgarter Band Die Nerven, trägt ein bizarres Kleidungsstück, das mutmaßlich hauteng geschneidert wurde aus einer Wohnzimmertapete der 1970er Jahre, ist geschminkt wie ein Untoter, grimassiert auch viel. Angelo Fonfara, der einstmals mit der Stuttgarter Band Nille Promille Unruhe stiftete, hat sich als Hörnchen verkleidet. Und Jermain Herold, ein Sänger, der auch alle Tierlaute kann, trägt als musikalische Arbeitskleidung etwas, das aussieht wie ein OP-Hemd.
Bei Scharping findet zusammen, was nicht zusammenpasst
Gemeinsam eilen sie in irrsinnig verwinkelten Sprüngen und mit dem augenscheinlich größtem Vergnügen durch einen launig zusammengeschreinerten Verweiskosmos, in dem alles, was nicht geht, aufs Wunderbarste zusammenpasst. Melodischer Indie-Pop, schwere Riffs, von Synthesizern umschwirrt, furiose Partystimmung, Punk und die Einladung, sich in Sky DuMont zu verwandeln, gehen Hand in Hand mit Grüßen an Lars Eidinger und Rod Stewart. Scharping sind eine coole alte Jukebox, die alle Singles gleichzeitig spielt, in die Hände klatscht und Kopfstand macht. Ihr Fazit? „Eine Welt voller Liebe musst du dir verdienen.“