Die „Stuttgarter Plaudereien“ sind 1909 nach dem Tod des Journalisten Eugen Krafft erschienen. Foto: Decksmann

Das Café Königsbau war vor über 100 Jahren ein beliebter Journalistentreff. Der Redakteur Eugen Krafft, der 1909 mit 33 Jahren an einer Blinddarmentzündung gestorben ist, gibt in seinen „Stuttgarter Plaudereien“ Einblicke in das Leben jener Zeit. Eine spannende Lektüre, wie unser Kolumnist Uwe Bogen findet.

Stuttgart - Im Februar 1901 erfüllt sich der Traum eines jungen Manns aus Oberbayern. Der 1876 in Ingolstadt geborene und nach dem Tod seines Vaters bei dessen Freunde in Stuttgart aufgewachsene Eugen Krafft bekommt die lang ersehnte Redakteursstelle beim „Neuen Tagblatt“. Endlich werden seine Geschichten, die er so gern schreibt, gedruckt. Elf Jahre lang hat er als Schriftsetzer in ebenjener Stuttgarter Zeitung auf dieses Ziel hingearbeitet.

Nun notiert er, was er beim Spaziergang durch die Stadt erlebt. Es sind feine Beobachtungen im Alltag. Die kleinen Dinge interessieren ihn. Die große Politik ist nicht sein Thema. Heute würde man sagen, Krafft verfasst Kolumnen. Vor über 100 Jahren erscheinen im „Tagblatt“ seine Texte als „Stuttgarter Plaudereien“.

An den Folgen einer Blindarmentzündung gestorben

Doch sein Glück währt nicht lange. Im Oktober 1909 stirbt der Verfasser der „Plaudereien“ mit 33 Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Seine Kollegen geben Kraffts beste Geschichten als kleines Buch heraus, um diese, wie es im Vorwort heißt, aus dem „modernden, so rasch vergessenen Zeitungspapier“ für die Nachwelt zu sichern. Das Büchlein mit dem Titel „Stuttgarter Plaudereien“ ist eine Fundgrube für Menschen, denes es Stadtgeschichte angetan hat. Von Leser Wolfgang Müller habe ich es bekommen und kann mich kaum satt lesen darin.

Wortgewaltig schildert Eugen Krafft, wie Gärtner die „frischgrünen Rasenfelder, die sich um die hochragende Jubiläumssäule gruppieren“ verschönern. Er beschwert sich über den Sommer von 1909, der arbeitsmüden Menschen „durch ganz deplatzierte Regnerei“ den Urlaub vermasselt habe. Weitere Plaudereien betreffen die Heslacher Kirchweih, das Cannstatter Volksfest, den alten Friedrichsbau, das Ballfest der Schützengilde, Stuttgarter „Mädle“ und vieles mehr.

Die Sprache jener Zeit wirkt heute zuweilen fremd, zuweilen vertraut. Krafft bezeichnet die Angetraute eines Bekannten als „getreue Ehehälfte“. Hört sich in unseren Ohren komisch an. Dass andere Worte von ihm bis ins 21. Jahrhundert treffsicher landen, ist zu erkennen, wenn er etwa nach einem verregneten Sommer den verspäteten Gruß der Sonne als ein „bisschen Schöntun“ verspottet.

Das Café Königsbau wird zum „zweiten Heim“

Eine Adresse darf in den „Stuttgarter Plaudereien“ nicht fehlen. Das Café ­Königsbau ist in jener Zeit ein beliebter Treff der schreibenden Zunft. Journalisten verfassen dort bei einem „Schlummertrunk“, wie man damals sagt, ihre Theater- oder Konzertkritiken, um sie wenig später in den Nachtbriefkästen der Zeitungen zu versenken. Die Redaktion des 1844 gegründeten „Tagblatts“ befindet sich an der Eberhardstraße. 1927 bis 1928 wird in der Nähe der Tagblattturm gebaut. Davor wie danach zieht es die Redakteure gen Schlossplatz, wo sich „ihr zweites Heim“ befindet, wie Eugen Krafft schreibt. Das Café Königsbau ist das „zweite Heim“ der „viel geplagten Ehemänner“. Am 9. November 1859 ist es mit Samt, Seide und Marmor eröffnet worden – nach Pariser Vorbild. Obwohl es noch gar nicht fertig war, hat König Wilhelm den Frühstart erzwungen – rechtzeitig zur großen Schillerfeier in Stuttgart.

Fünf Jahrzehnte später wird das Café saniert. Fasziniert schildert Krafft, was dabei herausgekommen ist. Der „liebwerten Leserin“ teilt er mit, dass der Königsbau-Treff nun über einen Spiegel verfügt, „der größer ist als Ihr größter Hut“.

„Stuttgarter Plaudereien“ – ein Büchle zum Lächeln und Staunen. Da plaudert einer geistreich aus der Schule der Stadt vor über 100 Jahren. Viel hat sich verändert. Und doch ist das Menschliche gleich geblieben. Was sagen die Stuttgarter in 100 Jahren, wenn sie Kolumnen von heute lesen? Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass sie auch dann noch bei „deplatzierte Regnerei“ schmunzeln.

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