Simon Höfele ist ein international viel gefragter Solist. Foto: arco Borggreve

Die Stuttgarter Philharmoniker musizieren unter freiem Himmel. Und der Solotrompeter Simon Höfele legt einen starken Auftritt hin.

Stuttgart - Aus dem Chaos erwächst eine neue Welt. Das war die etwas bemühte, fast schon übertrieben eingesetzte Metapher im Konzert der Stuttgarter Philharmoniker auf der Freilichtbühne am Killesberg. Nach langer Pause unternahm das städtische Orchester am Samstag einen dramaturgisch nicht immer überzeugenden Spaziergang auf der Grenze zwischen Klassik, Jazz und Moderne. Die kreativen Köpfe hinter dieser Verbindung aus Werken von Joseph Haydn und Darius Milhaud waren der Saxofonist Libor Sima und der Dirigent Frank Dupree.

Dass die Philharmoniker sich um Milhauds Ballettmusiken „La Création du Monde“ und „Le bœuf sur le toit“ bemühten, ist lobenswert, denn viel zu selten stehen diese Werke auf hiesigen Konzertprogrammen. Das ist bedauerlich, denn der französische Komponist integriert auf unbekümmerte Art die Welt des Jazz in seine klassischen Werke. Das Schlagzeug grundiert die tänzerischen Rhythmen der Streicher, ein solistischer Bass darf grooven und elegante Melodien zaubern, und das (digitale) Klavier bildet den Gegenpart zu den Klängen der Blasinstrumente.

Dezente elektronische Unterstützung

Doch so ganz will dieses Lustwandeln auf der stilistischen Grenze nicht überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass so manche Klänge trotz dezenter elektronischer Unterstützung unter freiem Himmel verpuffen, möglich auch, dass den Philharmonikern nach der langen Coronapause die Routine des Musizierens fehlt. Auch dass die Bläser mit größerem Abstand zueinander sitzen müssen, macht die Feinabstimmung, vor allem in Sachen Intonation, offenkundig nicht einfacher. So richtig will der Funke an diesem Abend nicht überspringen.

Das Programm mit dem Vorspiel zu Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, das den Titel „Die Vorstellung des Chaos“ trägt, ist dem Zeitgeist geschuldet, ist aber auch ein heikles Unterfangen. Denn die harmonische Schärfe der Komposition und deren fragile Instrumentation verlangt regelrecht nach günstigen akustischen Bedingungen und einem klaren Klangbild, das sich in dieser Freiluftaufführung aber kaum einstellen will. Auch der von Libor Sima arrangierte zweite Satz aus Maurice Ravels Streichquartett F-Dur entfaltet daher nicht ganz die Wirkung, die diesem Jazz-affinen Stück eingeschrieben ist.

Zwischen Melancholie und Optimismus

Starken Eindruck hinterlassen dagegen der Solotrompeter Simon Höfele, der in Haydns Trompetenkonzert demonstriert, wie elegant und ohne kraftmeierische Attitüde man dieses virtuose Feuerwerk gestalten kann, und Libor Simas Arrangement von „You must believe in Spring“. Zwischen Melancholie und Optimismus pendelt die Musik, lotet auch mal hart an der Grenze zum Kitsch große Gefühle aus. Da freut sich das Publikum sichtbar, dass man wieder live und im Kollektiv Musik genießen kann.