Szene aus dem Stuttgarter „Parsifal“ mit dem Staatsopernchor Foto: Martin Sigmund

Nach wie vor aktuell und provokant: Calixto Bieito erzählt in seiner Stuttgarter „Parsifal“-Inszenierung von den verrohten Mitgliedern einer Gralsgemeinschaft, sexuelle Übergriffe inklusive.

Stuttgart - Acht Jahre alt ist Calixto Bieitos Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“. Und sie ist immer noch provokant, wie die Wiederaufnahme am Sonntag in der Stuttgarter Staatsoper zeigt. Denn Bieito, der ab der kommenden Spielzeit Hausregisseur am benachbarten Schauspiel wird, nimmt die verkrusteten und sinnentleerten Strukturen einer deformierten, nach religiöser Transzendenz suchenden Gesellschaft unter die Lupe.

In der postapokalyptischen Welt unter der kaputten Autobahnbrücke (Bühne: Susanne Gschwender) sind die Mitglieder der Gralsgemeinschaft verroht, gieren nach Nahrung und Gewalt, sind sexuell übergriffig. Die Gewalt richtet sich auch gegen den eigenen Anführer Amfortas, der das Ritual nicht mehr zelebrieren will und sich mit aller verbliebenen Macht gegen die Wünsche der Gruppe stellt. Markus Marquardt, in Stuttgart schon als Rigoletto gefeiert, schleudert bei seinem Rollendebüt vor allem in der oberen Lage kraftvolle Passagen in den Raum, ist mit markanter und zu vielen rauen Tönen fähiger Stimme eher ein Revolutionär als ein still und siech Leidender. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihn und Tobias Schabel die Rollen tauschen zu lassen. Denn Schabel ist mit seinem dunkel-eleganten Bassbariton ein zu stimmschöner Klingsor. Auch wenn er sich mit Spielfreude, makelloser Stimmführung und perfekter Sprachbehandlung in die Rolle stürzt, so ganz abnehmen will man ihm den bedrohlichen Charakter nicht, auch wenn er mit dem Flammenwerfer hantiert und den Blumenmädchen gegenüber kaum Hemmungen zeigt.

Projektionsfläche religiöser Wünsche

An dieser Stelle hat Bieitos detailreiche und von sorgfältiger Personenführung geprägte Inszenierung ohnehin eine Schwäche. Es fehlt der optische Kontrast zwischen der Welt der Gralsritter und dem Zauberreich Klingsors. Noch problematischer: Alle sinnliche Atmosphäre ist diesem zweiten Akt ausgetrieben, weshalb auch die Verführungsversuche am Titelhelden zum Scheitern verurteilt sind. Dieser Parsifal wird bei Bieito zur Projektionsfläche disparater religiöser Wünsche stilisiert. Aber Daniel Kirch taugt im Gegensatz zu seinem Rollenvorgänger nur bedingt dafür. Kirch braucht bis zum zweiten Akt, um sich freizusingen und zu einer einheitlichen Stimmführung zu finden, bleibt mit den eingedunkelten Höhen und einem oft monochromen Timbre aber einiges in Sachen vokaler Charakterisierung schuldig.

Auf ganz anderem Niveau agiert Attila Jun. Der Bass hat sein Porträt des Gurnemanz weiter verfeinert, besticht durch die Größe seiner Stimme, formt den Text plastisch und zeigt mit prägnantem Spiel, wie viel Gewaltbereitschaft in dieser Figur steckt. Glaubwürdig legt er auch die zunehmende Desillusionierung an, bis hin zur Selbstkasteiung. Christiane Libor wiederum, die in der Premierenserie noch mit der Höhe zu kämpfen hatte, ist jetzt eine Kundry von Weltrang. Nicht nur, dass sie über die brustige Tiefe für den ersten Akt verfügt. Ihre vollen und strahlkräftigen Höhen im zweiten Akt sind beeindruckend. Auch darstellerisch geht die Sängerin an die Grenzen.

Die überschreitet bisweilen Sylvain Cambreling, wenn er Kulminationspunkte wie die Ekstase des zweiten Akts überreizt. Andererseits sucht der Stuttgarter GMD immer wieder mit analytischem Blick die Nähe zur Szene, was sich vor allem in den Strukturierungen und Tempomodulationen zeigt. Zweifel bleiben aber, vor allem wegen des wenig sinnlichen Karfreitagswunders und weil dem Staatsorchester nicht immer der magische Mischklang gelingen will.

Vorstellungen
am 4., 18.,30. März und 2. April
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