Die Partei des Stuttgarter Oberbürgermeisters, der nicht weitermachen will, sucht immer noch Ersatz. Zwei bisher gehandelte Frauen scheiden offenbar aus. Der Tübinger OB Boris Palmer kommt wieder ins Gespräch – und außerdem ein „Italoschwabe“. Wer ist das?
Stuttgart - Die Zeit verrinnt. Mitte Februar haben die Grünen als Termin angepeilt, um die Persönlichkeit ihrer Wahl für die Stuttgarter OB-Wahl am 8. November zu präsentieren. Doch noch ist wenig greifbar – dabei liegt der „Paukenschlag“, mit dem sich der Kreisvorstand um seinen sicher geglaubten Kandidaten gebracht sah, nun auch schon drei Wochen zurück. Am 7. Januar hatte OB Fritz Kuhn bekannt gemacht, dass er keine weitere Amtszeit anstrebe.
Nachdem dann Landtagspräsidentin Muhterem Aras und Kunststaatssekretärin Petra Olschowski abgewinkt hatten, kam der Scanner, mit dem die Grünen ihre Partei und das Umfeld auf mögliche Kandidatinnen und Kandidaten durchleuchten, kaum mehr zur Ruhe. Viele hat er erfasst. Zum Beispiel die ehemalige Stadträtin und heutige Vize-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Thekla Walker (50). Sie rangiere, hieß es, beim grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ganz vorne. Doch die Waldorf- und Naturpädagogin, heißt es jetzt, habe keine Lust, sich wieder im Rathaus zu betätigen. Auf zweimalige Nachfrage mochte sie selbst aber nichts dazu sagen.
Sußmann denkt momentan nichts ans Kandidieren
Ähnlich die parteilose, aber den Grünen nahe stehende Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (43). Die Ex-Richterin hätte, sozusagen aus der Chefetage der Stadtverwaltung heraus, auf dem Papier gute Voraussetzungen. Allerdings hat sie, weil erst sechseinhalb Monate im Amt, noch wenig Spuren hinterlassen. Sie müsse erst noch in Rathaus und Politik ankommen, meinen Beobachter. Sußmann selbst ließ am Mittwoch ausrichten: „Zum jetzigen Zeitpunkt kommt für mich eine Kandidatur nicht in Betracht.“
Manche, wie Veronika Kienzle (57), wurden plötzlich für die OB-Kandidatur gehandelt, noch ehe sie selbst auch nur kontaktiert sind. Die Bezirksvorsteherin in Mitte überlege noch, beteuern Parteikreise aber. Dort munkelt man auch, im Lichte der aktuellen Kandidatenlage werde ventiliert, ob der Tübinger OB Boris Palmer (47) doch noch eine Lösung sein könnte, obwohl große Teile der Partei ihn nach politischen Extratouren nicht mehr leiden mögen. Er selbst verwies auf seine Aufgaben in Tübingen. Von Kretschmann ist bekannt, dass er große Stücke auf Palmer hält. Gleichwohl gilt in Parteikreisen als eher unwahrscheinlich, dass Palmer eine Chance bekommen könnte, wenn er sich dazu bereitfinden würde, obwohl er in diesem Jahr wieder Vater wird und familiär beansprucht ist. Der „MP“ hatte nach Kuhns Rückzug gesagt, wenn ihm ein Name einfalle, werde er ihn der Findungskommission mitteilen. Inzwischen ist von ihm aber auch zu hören, die aktive Suche nach einem OB-Kandidaten für Stuttgart sei nicht die Aufgabe des Ministerpräsidenten, selbst wenn dieser zur grünen Gemeinde zähle.
Plötzlich taucht ein ganz neuer Name auf
Ein Mitglied der Findungskommission, das selbst schon auf Distanz zu Palmer gegangen war, formuliert auf Anfrage in Sachen Palmer inzwischen offener: Gabriele Nuber-Schöllhammer von der Grünen-Ratsfraktion. Natürlich schaue die Kommission sich noch einmal alle möglichen Namen an und betrachte, welche Voraussetzungen und Vorteile diese Personen mitbringen, sagt sie. Unterdessen kommen bei der Suche auch frischere, nicht so oft beleuchtete Namen ins Gespräch, darunter Vittorio Lazaridis. Der 52-jährige Stadtrat – studierter Pädagoge, Politikwissenschaftler, Amerikanist und Sonderpädagoge – hat beruflich Karriere gemacht und arbeitet heute in herausgehobenen Positionen im Kultus- und im Staatsministerium. Er ist „Italoschwabe“, wie er selbst sagt, hat den italienischen Pass, bei der OB-Wahl als EU-Bürger aber aktives und passives Wahlrecht. Geboren wurde er in Zürich. Die Mutter stammte aus Italien, der Vater kommt aus Griechenland. Gerade der Richtige in einer so internationalen Stadt? Nachdem Aras leider abgesagt habe und vielleicht auch sonst keine bekannten Vorkämpfer der Grünen bereit wären, sei nun tatsächlich seine Generation gefragt, in die Verantwortung zu gehen, meint Lazaridis. Und weiter: „Wenn wir die Chance bekommen, sollten wir sie ergreifen.“ Im OB-Amt müsse man zwar dicke Bretter bohren, und der OB-Wahlkampf sei für die Grünen in Stuttgart „kein g’mähtes Wiesle“; einige aus seiner Generation hätten aber den Mut, die Entschlossenheit und die Inspiration dafür.
Auch Lazaridis? Er sage nicht nein, so der Stadtrat. Er überlasse es aber der Findungskommission, mit großer Sorgfalt die richtige Auswahl zu treffen.