Foto: Leif Piechowski

Die Grünen und ihr Kandidat Fritz Kuhn gehen siegesgewiss in den zweiten Wahlgang der Stuttgarter OB-Wahl am 21. Oktober. Die CDU und Sebastian Turner geben den Kampf noch nicht verloren.

Stuttgart - Überraschend früh, schon um 19.35 Uhr, lag am Sonntag das vorläufige Ergebnis vor. Damit war Fritz Kuhns Favoritenrolle für den zweiten Wahlgang perfekt. „Wir bleiben bescheiden, aber wir werden in 14 Tagen gewinnen, weil wir das Potenzial haben, dieses Ergebnis von 36,5 Prozent noch auszubauen“, sagte der Grünen-Kandidat. Die Strategie der konkurrierenden Parteien, mit Unabhängigen gewinnen zu wollen, die gar keine Unabhängigen seien, sei grandios gescheitert. Der Noch-Bundestagsabgeordnete ist sich sicher: „Die Wähler von Bettina Wilhelm und Hannes Rockenbauch werden mehrheitlich nicht wollen, dass Turner OB wird.“

Der mit 34,5 Prozent der Stimmen Zweitplatzierte Sebastian Turner setzt dennoch darauf, dass ihm Stimmen zufallen aus den Revieren, in denen Bettina Wilhelm vergleichsweise gut abschnitt – wie Ober- und Untertürkheim. Darüber hinaus erhofft er sich, dass die bürgerlichen Wähler verstärkt mobilisiert werden und der Themenbereich Wirtschaft und Arbeitskräfte am 21. Oktober besser zieht. „Das war als Wahlkampfthema im Frühjahr nichts wert“, sagte Turner. „Jetzt hat sich die Stimmung in der Wirtschaft eingetrübt.“ Hier will und soll Turner als Mann der Wirtschaft punkten. Überdies soll der 45-Jährige ausspielen, dass er zwölf Jahre jünger ist als Kuhn. Enttäuschung zeigten Turner und sein Wahlkampfleiter, der CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann, nicht. Er habe nicht erwartet, dass er sich von den Umfragewerten so hoch nach oben absetzen könne, sagte Turner. Bemerkenswert sei, dass zwei Drittel aller Wähler für parteilose Bewerber gestimmt hätten, von denen zwei jetzt möglicherweise aus dem Rennen ausschieden. Beim zweiten Wahlgang werde auch die Zusammensetzung der Wähler anders sein. Kaufmann spekuliert ebenfalls auf einen „großen Teil der Wilhelm-Wählerschaft“.

Die Enttäuschung im SPD-Lager über 15,1 Prozent ist riesengroß

Der frühere CDU-Sozialminister Andreas Renner, dem die Partei Turner als Kandidaten vorgezogen hatte, sagte, man könne die Wahl noch gewinnen. Für die CDU sei die Ausgangslage aber schwieriger. Turners Sprecher Stephan Schorn kündigte an, man werde jetzt die Politik der Grünen für eine Grundsteuererhöhung und eine City-Maut zum Thema machen. Das wurde von Kuhn pariert. Dass er die Steuern erhöhen wolle, sei „blanker Unsinn“. Er wolle „Turners Märchenstunde“ beenden. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann sagte, wenn die City-Maut eingeführt werde, „dann nicht durch Kuhn und mich“, sondern durch eine deutschlandweite Entwicklung. Und der Gemeinderat habe das letzte Wort.

Das Lager von Bettina Wilhelm will auch mit der CDU über die Lage nach dem ersten Wahlgang reden, wenn Turner und seine Mitstreiter das wollen. „Man sollte da aber nichts reininterpretieren. Das ist ganz normal“, sagte Wilhelms Wahlkampfleiter Hans H. Pfeifer, Stadtrat der SPD und ehemaliger OB von Freudenstadt. Wie Wilhelm es mit dem zweiten Wahlgang hält, will sie an diesem Montag um 14 Uhr bekanntgeben. Die Enttäuschung im SPD-Lager über 15,1 Prozent ist jedenfalls riesengroß. „Das ist eine unverdient geringe Ausbeute eines engagierten Wahlkampfs“, sagte Pfeifer. Wilhelm bilanzierte, sie habe „sechs Monate gekämpft und keinen Fehler gemacht“. Nach den Umfragen in der Vorwoche hätten sich die Wähler auf einen Zweikampf zwischen Kuhn und Turner eingestellt und gedacht, eine Stimme für sie wäre eine verschenkte Stimme – „das habe ich unterschätzt“.

„Wir mobilisieren alle Reserven“, sagte CDU-Stadtrat Jürgen Sauer

„Mit der SPD in Stuttgart kann man im Moment keine Wahlen gewinnen“, sagte Peter Conradi (SPD), der 1974 bei der OB-Wahl gegen Manfred Rommel (CDU) verloren hatte. Für die Parteien lohne es sich nicht, auf Parteilose zu setzen. „Kuhn ist vorne, die Sache ist geschwätzt“, meinte Conradi.

Zumindest für Kuhn und Turner geht der Wahlkampf voll weiter. „Wir mobilisieren alle Reserven“, sagte CDU-Stadtrat Jürgen Sauer. Und Jürgen Zeeb, Fraktionschef der Freien Wähler im Gemeinderat, stellte fest: „Die Leute müssen erkennen, dass er etwas anders ist. Bei seinen Reden muss man eben genau zuhören.“ Der Grünen-Minister Winfried Hermann forderte auch: „Wir müssen uns noch einmal voll reinhängen.“

Beim ersten Wahlgang lag Kuhn gegenüber seinem Kontrahenten in Bezirken wie Botnang, Feuerbach und Zuffenhausen zurück. Turner schnitt vor allem in den Innenstadtbezirken deutlich schlechter ab als Kuhn. Der Stuttgart-21-Gegner Hannes Rockenbauch sammelte 20 154 Stimmen. Seine Hochburgen waren die Bezirke Mitte (15,4 Prozent) und Ost (14,8). Unerwartet niedrig war die Wahlbeteiligung. Mit 46,7 Prozent lag sie nur knapp höher als 2004.

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