Da freut sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann: OB Wolfgang Schuster (CDU) gratuliert Wahlsieger Fritz Kuhn (Grüne) am Sonntagabend im Rathaus. Foto: Leif Piechowski

7,6 Prozentpunkte Vorsprung: So ist Fritz Kuhn am Sonntagabend zum ersten grünen Oberbürgermeister einer deutschen Landeshauptstadt gewählt worden und zum Nachfolger von Wolfgang Schuster (CDU). Das sei eine klare Legitimation, räumen auch die unterlegenen Christdemokraten ein.

Stuttgart - Es war ein Abend zum frühen Jubeln für die Grünen: Rund eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale, nach Auszählung von 127 der 433 Wahlbezirke, lag Fritz Kuhn schon klar in Führung: 50,8 Prozent für ihn, 47,3 Prozent für den von der CDU, der FDP und den Freien Wählern getragenen parteilosen Kandidaten Sebastian Turner. Und Kuhn gab die Führung nicht mehr ab. Gegen 19.30 Uhr war die absehbare Sensation spruchreif: Als erste deutsche Landeshauptstadt wird Stuttgart künftig von einem Grünen geführt werden.

Am Ende verbuchte Kuhn 52,9 Prozent der 194.364 abgegebenen gültigen Stimmen, Turner 45,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung war mit 47,2 Prozent nur wenig höher als beim ersten Wahlgang am 7. Oktober.

Einmal mehr zeigte sich die Innenstadt am Wahltag tiefgrün. In allen diesen Bezirken schnitt Kuhn deutlich besser ab als in der Stadt insgesamt. Sein bestes Ergebnis errang er im Bezirk Mitte mit 65,1 Prozent. Hier stimmten fast doppelt so viele Wähler für den Bundestagsabgeordneten Kuhn wie für Turner. Der Unternehmer punktete am Neckar, in Zuffenhausen und Stammheim. Turner hatte sein Ergebnis vom ersten Wahlgang noch stark aufgebessert, was manche Beobachter auf seinen aggressiven Wahlkampf in den vergangenen zwei Wochen zurückführten. Er sammelte rund 21.000 Stimmen zusätzlich, Kuhn jedoch 32.000. 3739 Stimmen war er schon vorn gelegen.

Als alles klar war, gab es im Großen Sitzungssaal des Rathauses, wo die Ergebnisse präsentiert wurden, kein Halten mehr bei den Grünen. Kuhn und der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann brauchten zehn Minuten, um sich einen Weg vom Aufzug zum Saal zu bahnen durch einen Pulk von Kamerateams und Gratulanten.

Kuhn will OB für alle sein

Kuhn dankte den Bürgern für den Vertrauensbeweis nach einem „langen, harten Wahlkampf, der am Schluss noch etwas härter war, als er hätte sein müssen“ – deutliche Kritik an seinem Rivalen Turner und der CDU. „Oberbürgermeister wird man nicht mit Negativkampagnen, sondern mit positiven Ideen und Aussagen“, sagte er.

Kuhn kündigte an, er wolle ein OB für alle sein: für alle Bezirke, Wähler und Nichtwähler. Stuttgart werde weltoffen bleiben, nachhaltiger werden, wirtschaftlich gut dastehen werde und soziale Gerechtigkeit pflegen.

Der scheidende OB Wolfgang Schuster wünschte Kuhn eine glückliche Hand. Er bot ihm an, den Übergang gemeinsam zu gestalten, so dass Kuhn am 7. Januar mit Vollgas in seine Amtszeit starten könne. Schuster zeigte sich sicher, dass Kuhn umsetzen kann, was er sich vorgenommen habe. Auf Nachfrage sagte Schuster: „Es wird mit Kuhn keine Kulturrevolution in Stuttgart geben.“ Der Grüne sei schon lang im politischen Geschäft. Ministerpräsident Kretschmann gratulierte „einem alten Weggefährten“. Die Landesregierung werde „wie mit anderen Oberbürgermeistern auch“ im Interesse der Menschen „gut und offen zusammenarbeiten“.

Turner: „Der Bann ist gebrochen, es geht bergauf"

Einer kam spät, um Kuhn im Sitzungssaal zu gratulieren: Turner. „Die klare Verbindung zwischen der SPD und den Grünen hat es mir nicht erleichtert“, sagte er. Der Stimmenzuwachs für ihn sei dennoch eine erhebliche Verbesserung für die CDU: „Der Bann ist gebrochen, es geht bergauf.“ Er zeigte sich trotz seiner Niederlage froh, dass Stuttgart eine eindeutige Entscheidung habe.

Bettina Wilhelm, die sich als parteilose SPD-Kandidatin am 8. Oktober zurückgezogen hatte, wünschte Kuhn, dass es ihm gelinge, die Stadt zu versöhnen. „Es ist gut, dass ein Gegner von Stuttgart 21  gewählt worden ist“, sagte Hannes Rockenbauch (SÖS). Auch er war nicht mehr angetreten.

Im Turner-Lager setzte umgehend die Manöverkritik ein. Bernd Klingler, Fraktionschef der FDP im Rathaus, sagte: „Es ist eine historische Niederlage.“ In Turners Wahlkampf hätten die CDU-Themen dominiert: „Wir fanden uns nicht wieder. Wir haben gekämpft, den Wahlkampf mitbezahlt, und jetzt gehören wir zu den Verlierern.“ Das nächste Mal wolle die Fraktion wieder einen eigenen FDP-Kandidaten. SPD-Stadtrat Andreas Reißig ahnte, wie sich die Verlierer fühlen. „Die CDU hat heute ihren schwarzen Tag, die SPD hatte ihn schon vor zwei Wochen.“

Ein Christdemokrat, der eng mit Kuhn zusammenarbeiten muss, signalisierte Kooperationswillen: der Erste Bürgermeister ­Michael Föll. „Ich werde, wie jeder andere in der Stadtverwaltung, konstruktiv mit dem neuen OB zusammenarbeiten“, sagte er. Da Kuhn nicht dogmatisch sei, könne man zuversichtlich sein. Der Grünen-Kandidat habe eine klare Legitimation von den Wählern bekommen. „Ich würde auch meiner Partei zu konstruktiver Zusammenarbeit raten.“

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