Will näher an den Bürgern dran sein: OB-Kandidatin Bettina Wilhelm (vorne). Foto: Peter-Michael Petsch

Im Wahlkampfbüro gibt's ein Möbel zum Ausruhen - SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm sammelt Bürger.

Stuttgart - Ein Samtsofa in Bettina Wilhelms Wahlkampfbüro ist das einzige Möbel, das zum Ausruhen einlädt. Rot ist es, mit einem Tick ins Beerenrot. Alles andere ist auf Arbeit eingestellt. Computer, Drucker, Faxgeräte, umrahmt von Fahnen und Plakaten, die zig-fach das Konterfei der parteilosen Ersten Bürgermeisterin von Schwäbisch Hall in die Räume der Wahlkampfzentrale am Wilhelmsplatz 10 werfen. „Ich bin wahnsinnig froh, dass wir jetzt diese Räume haben“, sagt Bettina Wilhelm, und strahlt übers ganze Gesicht. „Es ist ganz schön anstrengend, wenn man von Café zu Café tingelt und alle Gespräche im öffentlichen Raum führen muss.“

Hier jedenfalls deutet alles darauf hin, dass dieser OB-Wahlkampf auch von der SPD mit den klassischen Waffen geschlagen wird: Papier und Propaganda, in kleinen Leporellos und auf Großflächen, auf Visitenkarten und Flaggen. „Wir gehen mit vier Hauptmotiven und mehreren alternativen Headlines an den Start“, sagt Hans H. Pfeifer, der Wahlkampfleiter der Kandidatin. Die Bürgerwünsche, das Wohnen, Bildung und Betreuung und der Wirtschaftsstandort Stuttgart sollen Schwerpunktthemen sein, wenn vom 25. August an im öffentlichen Raum plakatiert werden darf. „Veranstaltungen werden wir früher bewerben“, sagt Bettina Wilhelm mit Blick auf die Aktion ihres Konkurrenten Sebastian Turner, „nur ist mein Slogan vom anderen Ende her aufgezäumt.“ Turner hatte mit dem Spruch „Seit 100 Tagen OB-Kandidat“ geworben.

Wilhelm ist im Internet mit dem Werbespruch „Noch 100 Tage bis zur Wahl“ vertreten, einer Unterstützerkampagne, an der rund 100 Menschen beteiligt sind. Darunter viele bekannte Stuttgarter Gesichter, viele Prominente wie Porsche-Betriebsrat Uwe Hück, Frieder Birzele, Innenminister a. D., oder Frank Oehler, der Sternekoch aus der Hohenheimer Speisemeisterei. „Ich unterstütze Bettina Wilhelm, weil . . .“, ist auf einer Schiefertafel intoniert. Ihre Unterstützer halten sie in Händen und haben den Satz vervollständigt. „Mein Lieblingsbild ist das mit dem Schornsteinfeger Bernd Kaczmarek“, sagt Bettina Wilhelm, und tippt im Vorbeigehen auf ein Bild aus der Unterstützergalerie im Flur ihrer Wahlkampfzentrale. Kaczmarek, der Glücksbringer, unterstützt die Kandidatin der SPD, „. . . weil immer schwarz langweilig ist.“

Ihr Team bezeichnet Wilhelm als kreativ und liebenswert chaotisch

Homepage, Internet, Twitter, Facebook, „ohne Social Media geht nichts mehr“, sagt Wahlkampfleiter Hans H. Pfeifer. Die Einträge sind freilich wesentlich ernsthafter, als man es aus der Gemeinde der Weiterflüsterer gewöhnt ist: „Nils Schmid stellt Arbeitsprogramm der Fachkräfte-Allianz vor“, „Endlagersuche“, „Großer Andrang bei der Eröffnung des Wahlkampfbüros“. Gelegentlich postet Wilhelm selbst von unterwegs mit ihrem iPad und kennzeichnet die Einträge mit „b.w.“, ansonsten stehe ihr Team dahinter: „Das ist eine Zeitfrage, da braucht man die Social-Media-Affinen. Die haben Ideen, auf die würde ich gar nicht kommen.“

Ihr Team bezeichnet Wilhelm als kreativ und liebenswert chaotisch. Zwei Hauptamtliche sind dabei, Erich Holzwarth und der für den OB-Wahlkampf beurlaubte Regionalgeschäftsführer der SPD, Jürgen Graner. Sieben Mitarbeiter stammen vom Landesverband der SPD, weitere arbeiten als Praktikanten oder auf 400-Euro-Basis und entstammen der Jugendorganisation der Partei. Sie halten die Stellung im Büro, übernehmen den Fahrdienst für die Kandidatin.

„Ich weiß nicht, ob eine Brezel es rausreißt“

Die Wahlkampfstrategie hängt zuletzt davon ab, was 18 Leute aus dem Kreisvorstand, aus der Lokalpolitik und der Partei entwickeln. Eine kleine geschäftsführende Runde, darunter Hans H. Pfeifer, treffen die aktuellen Entscheidungen. Zum Wahlkampf gehören laut Pfeifer die „konservativen Grundmedien, vielfältige Veranstaltungen, das Netz und eine „Positionierung von Frau Wilhelm dort, wo sie unschlagbar ist: In der Empathie zu Menschen.“ Anzeigen zu schalten, dafür sei nicht genügend Geld in der Kasse. Mit rund 200.000 Euro an Geld von der Partei und Spenden müsse man auskommen, „die Dimensionen der CDU erreichen wir nicht“, so Pfeifer, „aber wir werden dieses Geld kreativ einsetzen“. Auch Bettina Wilhelm weint der Möglichkeit, eine Agentur zu beauftragen, nicht nach. „Ich weiß nicht, ob eine Brezel es rausreißt“, sagt sie, aber es mache einen Unterschied, „ob zwei oder drei Flyer im Briefkasten liegen.“

Einen Wermutstropfen hat der Stuttgarter Immobilienmarkt der SPD-Kandidatin in den Becher gekippt. „Wir hätten gern ein Büro im Erdgeschoss gehabt, mit Schaufenstern und im Sinne eines Bürgerbüros“, sagt Bettina Wilhelm. Das, so Pfeifer, habe der Markt kurzfristig nicht hergegeben. Also geht die Kandidatin raus, in Pflegeheime, Bürgerbüros, Kindertagesstätten, Krankenhäuser oder aufs Stadtfest. Auch dort war sie als Kandidatin, „für einen privaten Besuch hat man in der heißen Wahlkampfphase keine Zeit“, sagt sie. Das beerenrote Sofa in ihrem Büro wird wohl weiter leer bleiben.

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