Keine weitere Amtszeit: OB Fritz Kuhn hat alle überrascht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist ein politischer Paukenschlag: OB Fritz Kuhn strebt keine zweite Amtszeit an. Der angekündigte Rückzug aus dem Stuttgarter Rathaus überrascht selbst enge politische Weggefährten.

Stuttgart - Es ist durchaus nicht so, dass Fritz Kuhn in den letzten Monaten den Eindruck der Amtsmüdigkeit erweckt hat. Umso überraschender daher seine Ankündigung, sich nicht um eine zweite Amtszeit als Stuttgarter Oberbürgermeister bewerben zu wollen. Es seien ganz persönliche Gründe, die ihn zu dieser Entscheidung bewogen hätten, erklärte der 64-Jährige. Seit dem zurückliegenden Sommer habe er hin- und herüberlegt, die Entscheidung dann über Weihnachten und Neujahr nach Gesprächen mit seiner Frau Waltraud Ulshöfer „finalisiert“. Auch enge politische Weggefährten hatte er vollkommen im Unklaren gelassen.

Dass ein Mann, der 40 Jahre lang in verschiedensten Funktionen – zuletzt acht Jahre lang als Rathauschef der Landeshauptstadt – aktiv Politik betrieben hat, zu der Überzeugung kommt, dass es noch etwas anderes im Leben gibt als Wahlkämpfe, Redeschlachten und wochenlange und mitunter langatmige Haushaltsberatungen, ist durchaus nachvollziehbar. Doch so ganz will man es dem Vollblutprofi Kuhn nicht abnehmen, dass ihm über die Jahre die Lust am politischen Gestalten abhanden gekommen ist, Zumal er betont, die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen.

Kuhn tickt eben anders als Kretschmann

Warum also der überraschende Rückzug aus dem Politikbetrieb? Diese Frage lässt der OB unbeantwortet. Die Angst vor den bisher offiziell noch gar nominierten möglichen Gegenkandidaten – etwa von CDU und SPD – kann es nicht gewesen sein: „Ich hätte mir durchaus zugetraut, die Wahl zu gewinnen“, sagt Kuhn, kaum dass er seinen Rückzug verkündet hat. Und dabei hatte ihm der grüne Parteifreund und Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der selbst mit über 70 Jahren 2021 nochmals in einen Landtagswahlkampf zieht, doch mittels Änderung der Gemeindeordnung den Weg für eine weitere Kandidatur freigemacht.

Doch Kuhn tickt eben anders als Kretschmann. Hätte er – einen Wahlsieg vorausgesetzt – nicht wenigstens noch vier Jahre amtieren und dann einem Nachfolger das Feld überlassen können: „Das entspricht nicht meinem Ideal, das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit“, sagt Kuhn und fügt hinzu: „Der Winfried hat seine persönliche Entscheidung getroffen – und ich meine.“

In der Stadt gibt es noch genügend offene Baustellen

Der Mann, der einst angekündigt hatte, es gehe ihm als OB nicht um die Realisierung von Leuchtturmprojekten, sondern um das Bohren dicker Bretter in der Kommunalpolitik, legt also in einem Jahr die Bohrmaschine aus der Hand. Und dabei hätte es in der Stadt noch genügend offene Baustellen gegeben: Der Wohnungsbau dümpelt vor sich hin, die Energiewende kommt nur langsam voran, und die Verkehrswende ist zwar angeschoben, aber noch längst nicht vollendet. Kuhn selbst zieht eine erfolgreiche Bilanz seiner Amtszeit: Er habe Weichenstellungen in der Mobilitätspolitik vorgenommen, mit dem kürzlich verabschiedeten Klimaschutzpaket ein urgrünes Thema ganz oben auf die Agenda der Stadtpolitik gesetzt und sich um die kulturelle Infrastruktur gekümmert, lobt er sich.

Wie und wo er sich weiter für die Grünen engagieren will, lässt Kuhn offen. Sein Abschied vom OB-Amt sei „kein Abschied von Homo politicus Kuhn“, nur soviel lässt er durchblicken. Seine Partei, die Grünen, steht nun unter Zugzwang: Binnen weniger Wochen müssen sie jetzt einen Kandidaten finden, der ohne Amtsbonus in den Wahlkampf zieht. Damit werden die Karten im Rennen um den Chefsessel im Rathaus neu gemischt.

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