Das Leid, das Unglücke verursachen können, ist oft nur schwer in Worte zu fassen. In Extremsituationen ist das Team von Andreas Groll für Opfer da – auch innerhalb der sogenannten Blaulichtfamilie.
Die sogenannte Blaulichtfamilie hat dieser Tage einen Gottesdienst gefeiert. Der Diakon Andreas Groll ist Leiter der Notfallseelsorge und weiß, dass nicht nur bei solchen Veranstaltungen der Trost von seinen Kolleginnen und Kollegen und ihm gefragt ist.
Herr Groll, im Sommer ist aufgrund der zwei Todesfälle in der Polizei und der Mammutaufgabe Europameisterschaft so oft wie noch nie das Wort „Blaulichtfamilie“ gefallen – für Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst. Wie nehmen Sie den Zusammenhalt in dieser Familie wahr?
Ich weiß gar nicht, wie lange es den Begriff der „Blaulichtfamilie“ schon gibt, aber der Zusammenhalt war meist gut. Ich bin ja seit über 30 Jahren dabei, ursprünglich war ich beim DRK, dann bei der Feuerwehr. Man kann sich – egal von welcher Organisation man ist – aufeinander verlassen, arbeitet Hand in Hand, und kennt ähnliche Herausforderungen.
Was kann zusammenschweißen?
Die Beziehung wächst immer, wenn man große Ereignisse hat. Das war bei der Europameisterschaft zum einen auf der Führungsebene so, die musste alles planen, über mehr als zwei Jahre hinweg. Aber auch im Einsatz- und Bereitschaftsdienst bringt so ein Ereignis die Menschen zusammen. Es kamen ja Einsatzkräfte von überall her, die sich nicht kannten. Die sitzen dann um einen Tisch, spielen auch mal Karten, sind sofort ein Herz und eine Seele. Jeder hilft ungefragt dem anderen sofort. Das klappt übrigens auch international: Wenn ich im Urlaub bin und Hilfe brauche, und sage, dass ich bei der Feuerwehr bin zuhause, dann hilft mir da auch jeder Kollege sofort.
Die „Blaulichtfamilie“ ist in diesem Sommer auch deshalb eng zusammengerückt, weil sie zwei herbe Schläge erlebt hat: Erst der Tod des Polizisten Rouven Laur in Mannheim, dann der tödliche Unfall des Stuttgarter Motorradpolizisten Tom Hohn. Merkt man das auch beim Gesprächsbedarf?
Ja, das hat uns alle schwer getroffen. Vor allem die Polizei natürlich . Da ist jetzt auch das Bedürfnis nach Veranstaltungen wie dem Blaulichtgottesdienst am Donnerstag. Es haben sich besonders viele Menschen angemeldet, mehr als sonst, vor allem aus der Polizei.
Sind das die Momente, in denen Sie am meisten gebraucht werden?
Darauf würde ich es nicht reduzieren. Wir sind ja immer da. Es geht ja nicht nur um Ereignisse im Dienst. Sondern es kann auch sein, dass privat etwas geschieht, etwa ein tragischer Todesfall oder eine schwere Krankheit in der Familie. Dann ist die Belastung da in der Einheit, wo der Kollege oder die Kollegin Dienst tut – das hat Einfluss auf den Dienst.
Nun haben wir über den guten Zusammenhalt gehört. Aber unlängst wurde eine Studie im Innenministerium vorgestellt, dass gerade in der Polizei viele den Rückhalt durch Vorgesetzte vermissen. Bekommen Sie das auch mit?
Ja, das kriege ich auch zu hören. Nicht nur bei der Polizei, auch in den Feuerwachen. Beim Einsatzdienst bei Polizei und Feuerwehr merkt man schon manchmal Unzufriedenheit mit der Verwaltung und der Führungsebene. Da müssen wir darauf achten. Das ist kein Riesenskandal – das kommt leider in vielen Firmen auch vor. Aber: Da sind wir Führungskräfte gefragt. Die Mitarbeiter müssen sich drauf verlassen können, dass wir ihnen den Rücken freihalten, gerade wenn er im Einsatz mal nicht da ist.
In welchen Situationen?
Die meisten Klagen, die ich in der Richtung höre, sind die über mangelnde Zeit der Vorgesetzten: „Wenn ich mit ihm reden will, hat er keine Zeit.“ Oder jemand hatte einen Unfall im Dienst, an dem er vielleicht schuld ist, oder ein Suchtproblem, dann müssen wir auch für die Leute da sein, auch wenn ein Disziplinarverfahren läuft. Man darf sie dann nicht einfach fallenlassen. Wir müssen dann signalisieren, dass man ihnen zutraut und sie unterstützt, aus der Krise wieder rauszukommen.
Das waren jetzt die internen Aufgaben. Primär sind Sie aber im Einsatzgeschehen gefragt. Was sind da Ihre Jobs?
Es sind drei Ebenen. Als erstes sind wir von der Notfallseelsorge Krisenintervention im Einsatz für die Zivilbevölkerung da. Etwa bei einem Brand, bei dem Angehörige ums Leben kommen, Kinder mitten in der Nacht auf die Straße rennen müssen. Da wissen die Einsatzkräfte: Wir sind für die betroffenen Menschen da, sie können sich um ihre Arbeit kümmern. Wir gehen dann erst, wenn Verwandte oder Freunde da sind und sich um die Opfer kümmern. Das kann manchmal die halbe Nacht dauern, wenn die weiter weg wohnen. Die zweite Ebene ist das Nachsorgeteam für die Einsatzkräfte: Wir schulen die Einsatzkräfte, damit sie Belastungen erkennen können. Meist machen wir dann eine erste Kurzbesprechung zur Rekonstruktion auf der Wache, und bieten ein paar Tage später zur Entlastung eine Nachbesprechung an. Die dritte Ebene ist die der psychosozialen Unterstützung durch die Feuerwehrseelsorge und betrieblichen Sozialberatung, gegebenenfalls Therapieangebote – wenn jemand andauernde Belastungen hat nach einem Einsatz.
Wie unterscheiden sich die Probleme von Betroffenen und Einsatzkräften – beziehungsweise Ihre Arbeit mit ihnen?
Mit Betroffenen haben wir nur einmal zu tun – unmittelbar nach dem Ereignis. Es klingt hart, denn es geht meist um große Schicksalsschläge. Aber auf lange Sicht können Menschen so etwas meist gut mit ihren bestehenden Netzwerken verarbeiten. Man spricht heute auch von posttraumatischem Wachstum. Natürlich ist da Angst und Trauer, aber man kann auch stärker aus solchen Situationen herauskommen, weil man erfahren hat, dass man es überwunden hat – auch wenn der Verlust und die Traurigkeit darüber bleiben. Bei Einsatzkräften ist es anders - es passiert ja immer wieder etwas. Wir sagen, dass jeder Fall ein Tattoo auf der Seele ist. Manchmal kommen die gleichen Symptome wie bei den Betroffenen – aber eben später. Man kann oft gar nicht sagen, woran das dann konkret lag. Es ist dann der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dann gehen die schlimmen Bilder nicht aus dem Kopf.
Wie kann man helfen? Die Bilder von einem schrecklichen Einsatz kann man ja nicht löschen.
Wir sehen immer wieder schreckliche Bilder – die prägen sich ein, die vergisst man auch nicht. Bei individuellen Belastungen bietet die Feuerwehrseelsorge und wir, das Einsatzkräfte-Nachsorgeteam, Einzelgespräche an oder Gruppengespräche mit mindestens zwei Personen, die moderieren. Das bleibt natürlich alles intern. Das beugt post-traumatischen Belastungsstörungen vor.
Nun sind Sie Diakon und bieten einen Gottesdienst an, im Alltag Seelsorge. Wie zentral sind Glaube und Religion für Ihre Arbeit?
Grundsätzlich ist es ein Dienst der Kirchen unter dem Dach der Feuerwehr. Inzwischen sind auch Muslime dabei und Menschen, die in keiner Kirche sind – doch gläubig sind eigentlich alle. Wir werden nicht immer als Kirche wahrgenommen. Aber wenn wir einen Segen sprechen oder ein Gebet, sind die Menschen sehr bewegt. Für mich ist da Gott spürbar. Ich sage auch immer, wenn bei uns der Melder klingelt: „Das ist der Heilige Geist, der braucht uns dort bei den Menschen.“
Die Notfallseelsorge Stuttgart
Leitung
Andreas Groll (54) leitet die Stuttgarter Notfallseelsorge seit Oktober 2021. Im gleichen Jahr war er auch zum Diakon geweiht worden.
Aufgabe
Die Notfallseelsorge ist bei schlimmen Ereignissen wie Unfällen und Bränden für die Opfer und deren Angehörige da, aber ebenso für die Einsatzkräfte am Ort des Geschehens und in der Nachbereitung.